Ausgabe 
(12.6.1896) 24
 
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12. Ilttli 1896.

8n- S4.

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Allerlei Nandgloffcn.

(H. v. Treitschke .)

O Jeder Mensch trägt in sich einen Kreis von fest-stehenden Meinungen, Anschauungen und Vorstellungen,welche ihm theils von seiner Familie und seinem Volkeals Mitgift gegeben sind, in HauS und Markt ihm sichaufgedrängt haben, theils aus der allgemeinen Anschauungdes öffentlichen Lebens ihm zuflössen. Die Vorurtheile,welche jeden Menschen umgeben, und welche, seiner eigenenForschung zuvorkommend, feinen Fragen und Antwortenstets eine bestimmte Richtung geben, sind nirgends mächt-iger, als auf dem Gebiete der historischen Forschung.Die Naturwissenschaft z. B. entflieht ihnen leichter, indem Maße, als sie in das Detail ihrer Untersuchungenvordringt; die Philosophie dann entzieht sich ihrer Ge-walt, je mehr sie sich den Principien zuwendet. DieGeschichtschreibung dagegen, welche der MenschenLeben und Thaten, der Völker Kommen und Gehen be-handelt, steht unmittelbar unter der Gewalt der An-schauungen, wit welchen der Forscher an seinen Gegen-stand herantritt. Dieser fixirte eigene Geist ist es, wieauch Göthe einmal bemerkt, in welche« die Zeiten sichbespiegeln, und bewußt oder unbewußt gibt jeder Forscherseiner Arbeit das Kolorit seines Geistes, mögen die Factasich auch schon so und so lange ereignet haben.

Diese und ähnliche Gedanken werden mehr oderweniger jedem gekommen sein, der durch den letzthin er-folgten Tod des Historikers Heinrich von Treitschke wieder in specieller Weise auf die Geschichte gelenkt wurde.Die Nachrufe, welche dieser Gelehrte in nord- und süd-deutschen Blättern erfahren hat, die Würdigungen, dieman seinen Schriften angedeihen ließ, bestätigten wiedereinmal den Satz, der uns an bedeutsamer Stelle neulichentgegentrat:Die gesammte Literatur zerfälltin Parteikreise, die keinen gemeinsamenMittelpunkt mehr haben." Noch mehr, für dieGeschichte ist eS soweit gekommen, daß nicht bloß diehistorischen Personen, Zustünde und Ereignisse die ver-schiedenartigste Beleuchtung erfahren, sondern auch dieForscher selbst nichts weniger als einstimmig be-urtheilt werden. In Punkten accidenteller Natur ist diesja bisweilen der Fall; so wird an Treitschke allseitig diereiche, ungewöhnlich begabte Natur, die schwungvolle,glänzende Sprache anerkannt und gerühmt. In derHauptsache aber, in der Darstellung der Dinge,wie sieeigentlich waren", wird ihm allerlei Bedenkliches vor-geworfen.

Treitschke gilt als ein Schüler Ranke'S; dieserMann wird oftder größte Historiker der deutschenNation", einunerreichter Meister der Objektivität" ge-nannt. Und alles dies, obwohl er den Fundamentalsatzaufstellte und befolgte:Die geschichtliche Auffassunghängt, wofern sie nicht bloß stofflicher Art ist, allzeit vonden Umständen ab, unter denen der Autor lebt undschreibt", obwohl nach des Meisters eigenem Ge-ständniß das philosophische und das religiöse InteresseeS war, das ihn zur Geschichte geführt. ES ist ja einegewiß schöne und dankbare Sache, nach Hegel'schem Musterallüberall den erhabenenWeltideen" nachzuforschen,philosophisch-diplomatischen Betrachtungen nachzuhängen;ob aber damit Janssen's Wort Genüge geleistet wird daß nämlich die Geschichte die thatsächlichste aller

Wissenschaften ist das ist eben eine andere Frage.In vielen Stücken waren Nankc's Schüler ihrem Herrnund Meister nochüber". Als der im August vorigenJahres verstorbene Sybel 1838 sich die Doktorwürdeerwarb, vertheidigte er die These:Der Geschicht-schreiber soll mit Leidenschaft und persön-lichem Antheil schreiben. Nicht von Einrichtungen,sondern von den Persönlichkeiten hängen die Geschicke derVölker ab." Und Treitschke sagt:Der Mensch verstehtnur das, was er liebt l"

Nun, Alldeutschland verstand Treitschke nicht,und darum konnte er es nicht lieben. Wenn gewisseBlätter von ihm sagen, daß erein echter Sohn desdeutschen Volkes",der tapferste, erfolgreichste undtreueste literarische und parlamentarische Vorkämpfer undVertheidiger des deutschen Reiches" gewesen, so istdies eben nicht mehr und nicht weniger als ein Kom-pliment, an denen ja Nekrologe besonders reich zusein pflegen. Für Treitschke existirte kein Sachsen(sein Heimaihland I), kein Bayern, kein Württemberg ,kein Oesterreich. Letzteres betrachtete er nicht als einedeutsche, sondern geradezu als eine fremde Macht;Treitschke kannte nur einen Staat, nur eine Macht,die zugleich deutsch ist", Preußen.Seine Offizieredrillen die Truppen der Kleinstaaten, seine Gießereienversorgen dieselben mit Geschützen." Preußens Ruhmund Verherrlichung lieh er seine leidenschaftliche undschneidige Feder, gehörte sein beredter Mund, und dieBegeisterung, ja der Fanatismus für diesen Staat warso groß, daß ihn grelle Widersprüche nicht störten,daß er blendende Phrasen und Sophismen nichtverschmähte. Man braucht doch wahrlich nicht geradeein Süddeutscher zu sein, um in der Geschichte jenesvergötterten Landes so oft einerseits brutales und ge-waltthätiges, anderseits nüchternes und zopfiges Wesenzu entdecken.

Zum preußischen Hofhistoriographen warH. v. Treitschke wie geschaffen, und nach Ranke'S Todkonnte man in Berlin nicht in Verlegenheit sein. Erblieb als Geschichtsforscher Politiker, und politisch betrieber auch das Studium der Geschichte und ihrer Quellen.Daß der unglückselige Kulturkampf an ihm einen warmenFürsprecher fand, ist leicht erklärlich. Sonderbar hiebet,daß er dankbardie einfache Großheit des Mittclalters"preist, das doch von einer göttlichen Mission der Hohcn-zollern noch nichts wußte.

Zum Schlüsse möchten wir noch einen, allerdingsbochbedeutsamen Gedanken Treitschke's der öffentlichenBeachtung empfehlen; er ist zu werthvoll, um verschwiegenzu werden.Alles Neue, was das 19. Jahr-hundert geschaffen, ist ein Werk des Liberalis-mus," schreibt er einmal. In welchem Sinne er diesverstand, läßt sich leicht denken. Wir legen das kost-bare Geständniß nach unserm Dafürhalten aus, wenn wirauch nicht immerlieben", was wirverstehen"!

EinenKlassiker" zum Vorbild.

ll. 8. Von dem Exjesuiten P. v. Hoensbroech zu schreiben, dürfte bald aus der Mode fein. Der Manndauert uns in der That, und auch protestantischersettsnimmt man ihn nicht mehr ernst. Seine letzte schrift-stellerische That verdient indessen eine gewisse Beachtung,