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jedoch weniger wegen ihres inneren Werthes, als viel-mehr wegen der Aufnahme und Beurtheilung, die sie ge-funden. So lange der pietätvolle Edelmann seiner ehe-maligen Mutter ins Gesicht schlug, Lehren und Gebräucheder katholischen Kirche bekämpfte, war es einer Mengevon Leuten ein Genuß, von den orthodoxen Lutheranernbis herab zu den freisinnigsten Liberalen. Erstere ver-gaßen in ihrer Verblendung und Kurzsichtigkeit ganz,daß der „gelehrte" Herr Graf sein Geschütz auch einmalgegen sie richten könne und würde; es ging ja gegen„Rom", das war für sie genug.
Was Weitersehende ahnen konnten, ist nun wirklicheingetroffen: In seiner neuesten, 24 Seiten umfassendenSchrift über die Civile he wendet sich der vielseitigeHoeusbroech nun auch gegen die gläubigen Lutheraner;noch mehr, er gibt vor, deren Ansichten und Meinungenüber die Ehe zu vertreten und auszusprechen. Ver-schiedene protestantische Zeitungen von der Couleur des„Neichsboten" haben sich daraufhin nun genöthigt gesehen,dem frischgebackenen Glaubensgenossen einen Verweis zuertheilen; sie bedeuteten ihm, daß er noch lange nichtdie Qualität habe, als Repräsentant von Wittenberg zu gelten.
In dieser bei allem Ernste einer gewissen Komiknicht entbehrenden Geschichte fiel uns nun ein Mannein, der bet öen Protestanten ein Ansehen genießt, wievielleicht kein zweiter, von dem an bedeutsamer Stellegeschrieben steht, daß er „den deutschen Protestantismusbis zu Ende durchgeführt", ein Mann, der uns Katho-liken beständig vor die Augen gerückt wird. Es ist Gott -hold Ephraim Lessing . Wer uns nun fort und fortals Muster edler Liberalität und humaner Toleranz em-pfohlen wird, der muß sich selbstverständlich auch gefallenlassen, daß wir denselben auch einmal ordentlich ansehen.Man entdeckt dann in den meisten Fällen mehr, als wasman unserer hoffnungsvollen Schuljugend vom Kathederherab zu sagen beliebt. So haben wir auch am „großen"Lessing eine Seite gefunden, welche haarscharf auf dasGebahren des Grafen Hoensbroech paßt. Undwir möchten uns hiermit gestatten, dieselbe recht warmunsern protestantischen Mitbürgern, ob noch positiv odernicht, zu empfehlen; vielleicht lassen sie dann etwas davonab, immer und immer wieder uns all „die herrlichenFrüchte am Baume der Reformation" als Muster in/religiösen und sittlichen Fragen hinzustellen. ^
Also nur das Kapitel ü la, Hoensbroech! AlsBibliothekar von Wolfenbüttel — voia bans Bücherrestevom alten Corveyl — gab Lessing „Beiträge zurGeschichte und Literatur" heraus, worin ver-schiedene theologische Fragen behandelt wurden. Die be-kannteste ist die über „Berengar von Tours ", den be-—rühmten Abendmahlshäretiker des 11. Jahrhunderts.Daß sich Lessing von vornherein auf die Seite desKetzers stellt, ist von einem solch kritischen Kopfe ebensowahr als verwunderlich. Er weist zudem auf gewichtigeZeugnisse hin, daß sich Berengar am Ende seines Lebensunterworfen und bekehrt hat; allein „zu seiner Be-ruhigung" zweifelt er daran. Was er weiter im An-schlüsse hieran schreibt, ist eine gründliche Abrechnungmit der katholischen Kirche . — Die protestantischenTheologen schwammen in Seligkeit darüber.Genug von diesem Genre!
E Was that nun aber Lessing in seinen „Rett-
ü.. ungen"? Es sind dies bekanntlich fünf kleine Aufsätze
Mr SKrtftstM r aus der Zeit der Kirchenspaltung.
Wir erinnern nur an Lcmnius und Cochläus ; zu welchenAnsichten kommt hier Lessing über Luther und seineMitarbeiter? Bezeichnet er hier nicht das Neformations-werk als ein aus menschlichen Leidenschaften, irdischenAbsichten entstammende, revolutionäre Bewegung? Dergöttliche Nimbus verliert sich hier in einem Bilde desunwürdigsten menschlichen Treibens; das Lutherthum hatin seinen Augen alle Würde, Auktorität und verpflichtendeKraft verloren. — Wo war hier die Zustimmungderer von Wittenberg und Schmalkalden ?!
Noch mehr! In seiner „Komödie" mit den Theo-logien, namentlich in dem bekannten Streite mit dem PastorGötze von Hamburg, kommt Lessing auf die Achillesfersedes protestantischen Systems zu sprechen, ein Kapitel, daswir allen Interessenten zur Beachtung empfehlen. Lessing schreibt: „Der Buchstabe — es dreht sich um den reinenBibelglauben, den doch Götze vertheidigen mußte — istnicht der Geist, und die Bibel ist nicht die Religion.Folglich sind die Einwürfe gegen den Buchstaben undgegen die Bibel nicht eben auch Einwürfe gegen denGeist und gegen die Religion. Auch war die Reli-gion, ehe die Bibel war. Das Christenthum war,ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten. Esverlief eine geraume Zeit, ehe der erste von ihnen schrieb,und eine sehr beträchtliche, ehe der ganze Kanon zu Standekam. Es mag also von diesen Schriften noch so vielabhängen, so kann doch unmöglich die ganze Wahrheitder christlichen Religion auf ihnen beruhen u. s. w."
Welch klarer Beweis für die Nothwendigkeit einerzweiten Glaubensquelle, der mündlichen Ueberlieferungund eines kirchlichen Lehramtes. Wo war hier derBeifall der Theologen des „reinen Wortes"?Was wußten sie ihrem Helden zu erwidern? Nichts, garnichts Stichhaltiges!
Warum haben wir diesen kleinen ltterarischen Streif-zug unternommen? Unsere Gegner haben uns selbstdarauf hingewiesen. Mögen sie für die Folge uns ver-schonen mit der bedingungslosen Verehrung von Männern,die auch ihrer Sache etwas gefährlich werden können.
Altkatholisches.
m. Theodor Weber, katholischer Bischof derÄltkatholiken des Deutschen Reiches, wie die Ueberschriftlautet, veröffentlichte nunmehr sein erstes Hirtenschreiben(Altkath. Volksbl. v. 5. Juni 1896), in welchem er be-richtet, daß „Se. Majestät der Deutsche Kaiser und Königvon Preußen, Ihre Königlichen Hoheiten dir beidenGroßherzoge von Baden und Hessen allergnädigst geruhthaben", ihn auf Grund der Wahl vom 4. März undseiner am 5. August 1895 erfolgten Consecration durchden christkatholischen Bischof der Schweiz Dr. EduardHerzog für die in ihren Ländern vorhandenen Altkatho-liken als katholischen Bischof auch staatsrechtlich an-zuerkennen. „Demzufolge, heißt es weiter, habe ich dennfür diese, aber nicht bloß für sie, sondern für alle Alt-katholiken des Deutschen Reiches das neue Amt an-getreten."
Wenn aber Weber Bischof für die Altkatholiken ist,warum nennt er sich denn „katholischen Bischof"?Kirchenrechtlich und logisch muß er die Titulatur „alt-katholischer Bischof" wühlen. Denn ein „katholischerBischof", welcher Roms Auktorität nicht anerkennt, demPapste den Gehorsam und den Eid der Treue ver-weigert, ist kanomstisch ein Unding.