Ausgabe 
(12.6.1896) 24
 
Einzelbild herunterladen

187

In erhabener Sprache, mit griechischen Citaten, ohnebeleidigende Spitze gegen das Papstthum, erläutert Weberdie Nothwendigkeit und den Inhalt des christlichen Glaubensund der christlichen Hoffnung, welche in der christlichenLiebe sich zur herrlichen Blüthe entfalten sollen. Bonder Grundlehre des Christenthums, von der gottmensch-lichen Person des Erlösers, wird hervorgehoben, daß die-selbemit und neben der andern Grundlehre von derDreipersönltchkeit Gottes auf den sechs ersten ökumenischenConcilien ausführlich von der Kirche entwickelt wordensei". Wenn aber das Zeugniß der sechs ersten Con-cilien aufgerufen wird. warum soll dann die Auktoritätspäterer Concilsentscheidungen keine Geltung haben? Ent-sprach vielleicht das Vaticanum, die 20. allgemeine Synode,welche vom Papste allein ohne Mitwirkung und Unter-stützung weltlicher Mächte berufen und geleitet wordenist, weniger dem Geiste kirchlichen Rechtes als die sechsersten Kirchenversammlungen, auf denen vielfach der kaiser-liche Einfluß mehr als zulässig sich geltend machte? Ge-rade das dogmatische Schreiben des Papstes Agatha, welchesin der vierten Sitzung der sechsten allgemeinen Synode680 durch die römischen Abgesandten vorgelesen und all-gemein angenommen worden ist, betont die Unfehlbarkeitder römischen Kirche sehr stark: Die Deputirten hätten dienöthigen Vollmachten, sollten sich aber nicht herausnehmen,etwas (am Glauben) zu ändern, sondern vielmehr solltensie die Tradition des apostolischen Stuhles, die von denVorgängern des Papstes herrühre, einfach auseinander-setzen. Dies habe der hl. Petrus überliefert, unter dessenSchutz diese apostolische (römische) Kirche nie vom Wegeder Wahrheit abgewichen sei. Wie sie die reineLehre von Anfang an von den Apostelfürsten empfangenhabe, so bleibe sie bis an's Ende unverfälscht. (Hefele,Conc.-Gesch. III, 255.) Wer somit conscquent sein will,muß entweder die Auktorität aller bisher gehaltenen allge-meinen 20 Kirchenversammlungen annehmen oder alle zu-gleich verwerfen. Denn das dogmatische Bewußtsein der ka-tholischen Kirche spricht nicht bloß für die sechs erstenConcilien, sondern bezeugt auch die Giltigkeit der übrigenvierzehn.

Der Bilderzanver und die modernen Zaubererin Frankreich .

Von Charles Saint-Paul.

(Fortsetzung.)

Nachdem das Resultat dieser merkwürdigen VersuchedeS Obersten Nochas in die Oeffentlichkeit gelangt war,suchten einige Gegner des angeblich in Frankreich sehrverbreiteten Satanismus die Identität dieser Experimentemit den Zaubereien nachzuweisen und behaupteten, daßder Bildzauber noch jetzt in Frankreich getrieben würde.Figaro ",Gil BlaS" und andere Zeitungen brachtendarüber spaltenlange Artikel.

Besonders aber trat die Bilderzauberfrage in denVordergrund des Interesses, als gegen Ende des Jahres1893 in Paris derKönig der Exorcisten" starb. Dieserwar ein französischer Exabbs, Namens Boullan, derjohanneisches Christenthum", die Wiederkunft des hl.Geistes und sonstige mystische und häretische Lehrenpredigte, ja sich anserwählt dünkte, das Reich deS Bösenund besonders seine Umtriebe in der Gegenwart durchviele geheime Zauberer und Hexen zu zerstören. Er hattein Lyon einen abergläubigen Anhängerkrcis um sichgeschaart, einen Cultusvom Berge Karmel" gestiftet

und war lange Zeit insbesondere alsExorcist " thätiggewesen. Er hatte zu seinen Exorcismen wunderlicheMittel erfunden, die dazu geeignet waren, seine über-spannten Anhänger zu suggestioniren. Wenn ihm einangeblich Besessener gebracht wurde, so schläferte er, fallsdie Rücksprache mit dessen Verwandten und Freundendie Gründe des Uebels nicht erkennen ließ, eine Som-nambule ein, damit diese ihm dieselben und eventuell auchden Zauberer oder die Hexe, welche das Maleficiuw ver-übte, im Zustande der Hypnose nennen sollte. Er nahmeben an, daß man den Hellsehenden unbedingt glaubendürfe. Hatte er dann erfahren, was er wünschte, so ginger mit dem Besessenen und seinen Freunden in seineHauskapelle, wo er buntfarbige Gewänder anlegte, umals Hohepriester das Opfer Melchisedeks (!) zur Satans-vertreibung zu feiern. Dasselbe bestand aus Brod undWein. Der Altar, auf dem es dargebracht wurde, warmit einem Tabernakel geziert, auf dem sich ein von eine«Tetragramm umgebenes Kreuz befand. Während deSOpfers und der Beschwörungsgebete mußte der Besessenedie Hand auf den Altar legen, und dann erhielt er auchetwas von dem Brode und dem Weine. Die Beschwörungs-formeln wurden im Namen des Erzengels Michael undmehrerer Heiliger gesprochen. Sie sollen, wie von denAnhängern Boullans behauptet wurde, in manchen Fällen vielleicht in Folge der Autosuggestion der angeblichBesessenen gewirkt haben, und man pries dann dieWunderkräfte derThaumaturgen und Heiligen vonLyon".

Trotzdem nun Boullan sich stets derart im GebietedesOcculten" bewegte, war er doch auf die sonstigenmodernenOccultisten", speciell auf den von Stanislasde Gua'üci wieder ins Leben gerufenen Nosenkrenzer-orden, sehr schlecht zu sprechen.

Er behauptete nämlich, daß sich besonders unter denRosenkreuzern schwarze Magier befänden, und soll mehr-mals an den bekannten Romanschriftsteller I. K. Huys-mans, den Verfasser von Las", geschrieben haben,daß er selbst von Stanislas de Guaita fortwährend ausder Ferne bezaubert werde.

Man kann sich denken, daß der Nosenkreuzcrfürstüber diese Beschuldigung entrüstet wurde und daß es zuernstlichen Zwistigkeiten zwischen beiden kam.

Als im Dezember des Jahres 1893 Boullan PariS besuchte, um dort Propaganda zu machen und die Aus-gabe eines kabbalistischen Buches zu veranstalten, ver-säumte er natürlich nicht, bei seinen Freunden, unterandern auch bei Herrn Huysmans und Jules Bois, dembekannten Mitarbeiter desFigaro " für Mystik, die Um-triebe der ihn nach seiner Ansicht quälenden Magier aufsneue zur Sprache zu bringen. Und nun wollte es. derZufall, daß er man sagt, er sei seit längerer Zeitherzleidend gewesen plötzlich starb.

Die Folge davon war, daß Jules Bois und Hnys»mans, der die Gestalt Boullans in seinen Romanen^ Redours" und Las" als Dr. Johannes ver-werthet hatte, offen den Nosenkreuzerfürsten in den größtenTageszeitungen, besonders imGil Blas", beschuldigte,er habe durch Bilderzauber denHohenpriester des Para-kletos" geiödtet.

Um nun ihre Behauptung zu kräftigen, beriefen siesich auf die Experimente des Obersten RochaS, welche dieMöglichkeit des Bildzaubers erwiesen hätten.

Ueberdies veröffentlichte Horace Bianchon am 10.Dezember imFigaro " eine allerdings nicht ganz ernstz«-