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und Verwicklung nach als ein vortreffliches Bühnenstückangezogen hat, und daß es noch jetzt auf Erfolg rechnenkönnte, beweist der Umstand, daß es in's Französischeund Italienische übersetzt wurde; daß eine Nachahmunghievon-durch Paul Scarron im Jahre 1655 auf diefranzösische Bühne kam unter dem Titel: Os Auräisnäs soi-msrns, und zwei Jahre später eine von TheodorCorneille, die sehr gut aufgenommen wurde, unter demTitel: I^s geölisr äs soi-msins. Ebenso beifälligeAufnahme fand auf der Bühne Italiens eine Nachdichtung,betitelt: ^rlsosiino Lnto xrinsixs. Nach CorneillesUebersetzung wurde unser Drama auch in's Holländischeübertragen und hieß hier: Os oprüsnsr van sied 2 s 1 vsn.Aber auch in Deutschland, und zwar in Hamburg , woschon frühzeitig Calderon 'sche Schauspiele nach demHolländischen oder Französischen, jedoch als Singspiele,aufgeführt wurden, kam neben andern auch unser Stückunter dem Titel „Sein selbst Gefangener" im Jahre1680 (nach dem Französischen) von Mntheson, componirtvon Frank, zur Aufführung.
Der bereits genannte Calderonforscher ValentinSchmidt spricht sein Lob vor allem darüber aus, daßdas Verhältniß der beiden im Drama auftretenden Neben-buhlerinnen besonders wahr und ergreifend geschildert sei.Die einander feindlichen Geschlechter, welche einer Ver-bindung Federico's mit Margarita im Wege sind, er-innern theilweise an Shakespeares Romeo und Julie;der Umstand, daß der Prinz verkleidet um Margaritawirbt, an die Gudrun. Dies, sowie die gelungeneSchilderung des Turniers verleihen dem Drama einenrecht romantischen Charakter und vermehren seine Wirkung.Der französische Uebersetzer Damas Hinard sagt: O'sstuns eomsäis, oü äoininsnb uvunt tont, sonnns äunsHuslHusg xiösss äs Lfialcsspsurs, l'iMaZination st1a. tantaisis, st hui sestaxxs connns elles L 1a.olassiüoation äs visillss posti<iues. — Auch dasidyllische Moment mangelt nicht: die Landleute Benito,Antona u. s. w., die zum Theil in ihrem Dialekte redenund die Komik erst recht zur Geltung bringen.
Dieser Umstand veranlaßt Schack zu der Bemerkung,daß Calderon in diesem anmuthigen Stücke seines eigent-lichen Stiles sich begeben habe und mehr der Manier desLope de Vega gefolgt sei. Denn dieser sowie Tirso deMolina sind reich und glücklich in Darstellung ländlicherScenerien, welche bei Calderon nur selten sich finden.Deßhalb meint auch Hartzenbusch im vierten Bande seinerCalderon-Ausgabe, daß das Stück ein Jugcndwerk desDichters sei, wenn es auch erst im Jahre 1651 gedrucktwurde.
Das letzte Drama führt den Titels) „Willst LiebeDu besiegen, mußt Du wollen" (kara vsnesr a amvr,ciusrsr vsuesrla). Schon diese Überschrift läßt er-kennen, daß der Sieg der Vernunft und deS Willensüber die Leidenschaft das Motiv der Dichtung bildet.Graf Schack 0 findet dieselbe in Bezug auf die äußereHandlung dürftiger, als die meisten Dramen Calderons ,aber durch psychologische Feinheit und durch überraschendeBlicke in die Tiefe des Menschenherzens ausgezeichnet undin dieser Hinsicht des größten Meisters würdig. DieHauptpersonen, welche auftreten, sind Kaiser Friedrich III.,
Geschichte der dramatischen Literatur und Kunst inSpanien. Von Adolf Friedrich von Schack. Berlin , 1846.III. Bd. S. 217.
Gewählt nach Ovidö Reweäia »worum, v. 767: Rtxotsris, moilo volle tens.
°) A. a. O. S. 215.
welchen der Dichter gegen die protestantischen Schweizer Krieg führen läßt; ferner Matilde, Baronin von Mont-blanc , Don Cesar Colona und Margarita, die Herzoginvon Ferrara. Zwischen beiden letztem spielt die Haupt-handlung.
Herr Professor Pasch hat auch diese vier Comediasmit glücklichem Geschick aus dem melodischen IdiomKastiliens in unser so wenig musikalisches Deutsch über-tragen, und man sieht mit stillem Vergnügen, wie vonStück zu Stück sein Uebersetzungstalent sich klärt undvoranschreitet. Besonders ist dies wahrnehmbar bei derWiedergabe von Wortspielen, die bei Calderon fast sohäufig wie bei Shakespeare zur Verwendung kommenund dem Uebersetzer oft unüberwindliche Schwierigkeitenin den Weg legen. Wortspiele des Witzes kennt schonAristoteles (r« aorsl«) und ist ihnen durchaus nichtabhold (Rüst. III, 11). Ein auf Doppelsinn beruhendesSpiel aus Jsokrates gefällt ihm so gut, daß er es citirt:^rchv nöXs'. elvcn reüv — Dem
Mercutio in Shakespeares Romeo und Julie ist dasWortspiel sozusagen zur zweiten Natur geworden, daß ermit einem Wortspiel auf den Lippen vorn Leben Abschiednimmt: °) tlslc kor ins to-inorrorv anä ^on 8sta.IIfinä rns a. Zravs inan. Ein Homographenspiel mitAravo — Grab und ernst?)
Gerade nun an den Wortspielen Calderons in ge-nannten Dramen hat Herr Pasch wieder seinen feinenSprachsinn und seine geschickte Jnterpretationsgabe be-währt. Seine Uebersetzungen sind nicht bloß jenen zuempfehlen, welche, der spanischen Sprache unmächtig, mitden Werken der edlen sangesfrohen kastilischen Nachtigallbekannt werden wollen, sondern auch dem Kenner derIsngua äs los äiosss wegen der so nützlichen und werth-vollen Erläuterungen und der Hinweise auf die be-sondern Schönheiten und Eigenthümlichkeiten mancherStellen. Mögen die übrigen ComediaS nun baldigstnachfolgen und das Werk in vollständiger Ausstattungrecht viele Leser finden und dem Dichterfürsten vom Landedes Cid neue Freunde und Verehrer gewinnen!
Der „Primas der englisch -protestantischen Laien-Theologen".
^ W Ein Jahr ist verflossen, seit Papst Leo XIII .— zum Pfingstfeste 1895 — sein Schreiben an die eng-lische Nation richtete und seinem tiefgefühlten Wunschenach einer Wiedervereinigung der Anglicaner mit dempäpstlichen Stuhle Ausdruck gab. Indem der Papst keinebestimmten Forderungen ausstellte, keine Bedingungen vor-schrieb, vielmehr zum gemeinsamen Gebet um die aus-söhnende Einwirkung Gottes auf die Gemüther auf-forderte, beschritt er einen Weg, auf dem thatsächlichmanche namhafte Anglicaner ihm gefolgt sind unter herz-lich warmer Anerkennung der Gesinnung des Stellver-treters Christi. Der Erzbischof von Canterbury , dergeistliche Primas der officicllen Kirche in England , hattesich dem Eindrucke der päpstlichen Worte ebenfalls nichtentziehen können und gab in einem Erlaß ebenfalls demDrängen nach Glaubenseinheit Ausdruck, dem gemeiu-
") Romeo enä ZuIist, Lot. III, 8o. I.
Siehe in dieser Beziehung das vorzügliche, mit staunenS-wertbcni Fleiße geschriebene Buch: DaS Wortspiel bei Shakespeare ,von Leopold Wnrth, Dr. xbil. in Wien. Wien u. Leipzig , Wilh.Braumüller, k. k. Hos- und Universitäts-Buchhändler, 1395.9 Mark.