Ausgabe 
(26.6.1896) 26
 
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same Gebete am Pfingstfeste entsprechen sollten Ge-bete, deren Originalität er indessen für seine Kirche in An-spruch nahm, um den Schein eines directen Eingehensauf die päpstliche Aufforderung zu vermeiden. Diesekleine Schwäche der Eigenliebe konnte man leicht über-sehen neben der Thatsache, daß er sich ja doch auch fürdie Nothwendigkeit einer kirchlichen Einigung aussprach.

Inzwischen hatten die päpstlichen Worte eine Gährunginnerhalb der verschiedenen englischen Kirchengemeinschaftenhervorgerufen; nach außen traten Anzeichen des Drängensauf den Mittelpunkt der Christenheit, auf Nom, hervor.Das brachte Unruhe und Sorge in die Reihen der angli-kanischen Zionswächter, welche dem Erzbischof von Canter-bury anlagen, einen Warnruf auszustoßen. Der Kirchen-fürst stellte sich nun ein paar Monate waren nach seinerFriedenskundgebung verflossen auf einen schroffernStandpunkt, betonte den protestantischen Grundsatz derUnbeständigkeit der Glaubenswahrheiten, indem er derenEntwickelung" durch den Fortschritt der Zeit anerkanntwissen wollte, und wandte sich direkt gegen die römisch-katholische Kirche mit seiner Erklärung, daß für dieEinigung der Christen im Glauben von der Rückkehr zueiner vergangenen auswärtigen" Einheit nichtdie Rede sein könne, daß dabei vielmehr auf die Forder-ungen von Episkopalen, Orientalen, Neformirten u. s. w.Rücksicht genommen werden müsse. Die hierzu einzigfähige Glaubensgemeinschaft ist nach der Meinung desErzbischofs die anglikanische Kirche ; sie hatapostolischesGlaubensbekenntniß und Verfassung, in Lehre und Ritusfußt sie auf der hl. Schrift, sie vertritt die lebendigeKatholicität, vernunftmäßige Freiheit, sie ist eins mitBildung und Fortschritt," also eine Kirche 6n äs siZolo!sie enthält sich absolut auswärtiger politischer Thätig-keit, und sie hat eine große Ausbreitung," und deßhalbsieht der Erzbtschof seine Kirche als dasvon Gott be-stimmte" Werkzeug der Einigung an.

Unter dem Eindruck dieser Absage sind die Angli-caner seit dem Ende des August v. I. geblieben. Nunnimmt neuerdings, geraume Zeit nach dem Primas deranglikanischen Theologen, der so möchten wir ihnnennen Primas der protestantischen englischen Laien-Theologen in Sachen der Union der Kirchen das Wort.Es ist der alte und doch noch so frische Gladstone ,der an feiner doppelten Jugendliebe, philologischen Studienund theologischen Fragen, mit ungeschwächter Wärme undFrische des Gemüthes hängt. An Alter ehrwürdig wiedas Haupt der katholischen Christenheit (Gladstone geb.29. Dezember 1809, Leo XIII . geb. 10. März 1810),gibt er durch diesen Umstand in Verbindung mit seinerVergangenheit und seiner heutigen Stellung innerhalb deröffentlichen Meinung seinen Aeußerungen über die Be-ziehungen des englischen Protestantismus zur katholischenKirche natürlich ganz besonderes Gewicht. Erfreulicher-weise sind diese Aeußerungen, wie er sie in einer Denk-schrift über die anglikanischen Ordinationen für denCardinal-Staatssecretär Nampolla niedergelegt hat, andernSchlags und andern Sinnes als die letzte, nachhaltigeKundgebung des Erzbischofs von Canterbury. Die Art,wie der greise Staatsmann von Leo XIII . spricht, läßtdas sofort erkennen.Meine Gedanken scheinen keinenausreichend großen Werth zu haben, um mir zu ge-statten, daß ich sie der Erwägung in hoher Würdestehender Personen empfehle, noch weniger desjenigen, aufwelchem die Verantwortung und all' die Sorge derhöchsten Stellung ruhen, die es in der Kirche gibt. Ich

will auch nicht dem Ergebniß der Schritte vorgreifen,welche jetzt in Nom geschehen (der Papst hat eine Com-mission mit der Prüfung der Ordination des anglikan-ischen Klerus beauftragt). Welcher Art die Ergebnissefein mögen ich kann nicht den geringsten Zweifelüber die Art der vom Oberhaupt der katholischen Kirche hinsichtlich jener Schritte angenommenen Haltung hegen.Meines Erachtens ist es eine väterliche Haltungim weitesten Sinne des Wortes, und wenn sie auch erstunter die letzten Erinnerungen meines Lebens sich ein-reiht, werde ich das kostbare Andenken daran mit demzarten Gefühl der Verehrung, Dankbarkeit und Hoch-achtung bewahren."

Und an anderer Stelle bemerkt Gladstone , an-knüpfend an die Versammlung unter Warham 1531,welche die königliche Autorität an die Stelle der päpst-lichen in Glaubensangelegenheiten fetzte:Seitdem, wieviele Ereignisse, welche die Conflicte verschärfen mußten,wie wenige, die sie wildern konnten! Welchen Muthmuß ein Papst haben, wie sehr muß er sich über diegewaltsamen Stürme des Parteigeistes erheben, welcheAufrichtigkeit der Liebe für alle Schäflein Christi, die ge-einten, wie die getrennten, welche Kühnheit mit Friedens-wünschen dieser ungeheuern Masse von gehässigen undnoch brennenden Erinnerungen sich zu nähern! Und dashat Leo XIII. gethan. Zunächst indem er den Gedankendieser Untersuchung (der Gültigkeit der anglikanischen Ordinationen) faßte; dann indem er durch die weife undunparteiische Bildung des mit der Untersuchung betrautenTribunals Sorge traf, daß kein Mittel mißachtet, keineBürgschaft außer Betracht gelassen werde, um leichter zurWahrheit zu gelangen."

Von seinen eigenen Ausführungen sagt Gladstone :Sie geben nur die Gedanken eines Mannes wieder,welcher ein langes Leben zugebracht hat in recht ver-trauten Beziehungen zu den Mitgliedern der Kirchedieses Landes, deren Interessen ihm stets so theuergewesen sind. Außerdem hat das politische Leben michoft in Beziehung gebracht zu den unabhängigen re-ligiösen Gemeinschaften, die im christlichen LebenGroßbritanniens einen wichtigen Faktor bilden und, wennsie auch die Autorität der römischen Kirche oder dernationalen Kirche nicht anerkennen, der letzter« doch,indem sie dieselbe als Staatsreligion ansehen, einen an-sehnlichen Platz in ihrem Herzen gewähren."

Mit diesen Worten will Gladstone andeuten, daßer gegenüber der Frage der Kirchen-Union Conformisten und Nichtconformiften als eine einheitliche Masse be-trachtet wissen will. Aber er sprichtdurchaus alsPrivatmann, als geboren und getauft in der anglikan-ischen Kirche , und nehme mein Loos an, wie dies diePflicht derjenigen ist, welche glauben, daß jene nicht ent-artet ist und nicht ihre ursprünglichen und natürlichenRechte verloren hat. Ich bin durch mein Privatlebenund durch mein politisches Leben dazu veranlaßt worden,eingehend und dauernd den Charakter der anglikanischenKirche , ihre Wcchselfälle und die Rolle zu studiren, dieihr in der großen Geschichte der Erlösung zukommt".Gladstone rechnet sich nicht zu denen, welche an einebaldige Wiederherstellung der kirchlichen Einheit glauben,wie sie in den ersten Jahrhunderten der Kirche bestand;aber er will doch mit daran arbeiten. Wenn der Papst,der erste Bischof der Christenheit so wirdLeo XIII . von Gladstone genannt die angesehensteActionssphäre einnehme, so habe doch auch das demüthigste