Ausgabe 
(26.6.1896) 26
 
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Glied der christlichen Heerde seine Aufgabe in der Arbeitjedes Tages.'

Als demüthiger Christ" constatirt Gladstone mittiefer Befriedigung und Dankbarkeit den stetigen Fort-schritt und Aufschwung des Christenthums im Angli-canismus. Die Thatsache dieses Aufschwungs weise aufeine Zeit des Niedergangs, auf eine Zeit hin, wo Fehlerbegangen worden seien; als solche bezeichnet er die starkeAbschwächung der christlichen Lehre, die Unzulänglichkeitdes Hervortreten? der Person und des Werkes des Er-lösers, den Mangel an Eifer und die Abwesenheit vonFrömmigkeit im Cultus, die Seltenheit des öffentlichenGottesdienstes, die wachsende Aermlichkeit der Ideen vonder hl. Eucharistie, die stufenweise sich vollziehende Ver-drängung der frommen Bräuche aus dem täglichenFamilienleben.

Heute ist es damit, nach Gladstone, wie gesagt,besser geworden, und der alte Laientheologe erkennt indiesem Wandel eine Annäherungstendenz an die Kirchendes Orients und des Occidents,welche nicht die Re-formation durchgemacht haben". Wie die vom Angli-canismus gemachten neuern Fortschritte gegen ihn selbstzeugen, so zeugen sie gleichzeitigfür die fremden Kirchen"und fördern so an sich die Sache der Einheit.

Gladstone, der bekanntlich 1870 einen von den Alt-kaiholiken mit Jubel begrüßten Protest gegen das Un-fehlbarkeits-Dogma erließ, konnte diesmal nichtgut gänzlich um diesen Protest herumkommen. Er be-merkt dazu:Wir mußten mit Trauer erkennen, daß dieöffentlichen und corporativen Kundgebungen, besondersder westlichen Kirche, und vor allem diejenige von 1870" er nennt sie nicht deutlicherauf unser Entgegen-kommen mit einer Art Entfernung zu antworten schienen.Doch es ist nicht nöthig, dabei zu verweilen: kaäarmtsaturnia, tawxora."

Ein Zeichen dieserglücklichen Zeit" erkennt Glad-stone in dem Eifer, den man jetzt in Frankreich für dieKirchen-Union entwickelt. Dort ist bei manchen freilichder Wunsch der Vater des Gedankens, nämlich der Be-weisführungen zu Gunsten der anglikanischen Ordinationen.Gladstone meint übrigens auch, der Papst in seiner an-erkannten Weisheit würde zweifellos nicht all' das Räder-werk der römischen Curie in Bewegung setzen, um denSpalt zwischen der römischen Kirche und einer Gemein-schaft zu erbreitern,welche zwar kleiner ist, sich aberüberall ausbreitet, wo die Nacen englischer Sprache sichausdehnen," und diein der religiösen Sphäre" eineder mächtigsten Nationen des christlichen Europa sei.Nach Gladstone's Ansicht ist dieser Spalt schon in derVergangenheit sehr breit;aber das Schisma istnicht unwiderruflich eingeführt, weder aus der einen,noch auf der andern Seite, durch kein Anathema unddurch keine ausdrückliche Abweisung der Gemeinschaft."Auch für den Fall, daß in Rom die Ordination derAnglicaner verworfen werde, gibt Gladstone die Sachenicht verloren:Wie die Anerkennung der anglikanischenWeihen noch nicht die Gemeinschaft herbeiführen würde,so wäre die Verwerfung derselben noch keine unbedingteExkommunikation." Freilich wäre es, nach seiner Meinung,ein großer Schritt auf dieselbe zu; aber Gladstone hatnach den Mittheilungen des Lord Halifax , des bekanntestenandern englischen Laientheologen, welcher Leo XIII . per-sönlich besucht hat, die Hoffnung, daß das nicht eintreffenwerde.

Das muß man eben abwarten. Jedenfalls gehört

die Kundgebung des alten Staatsmannes zu den be-deutendsten Tagesereignissen; sie wird mit ihrem Ent-gegenkommen, ihren Zugeständnissen einen hervorragendenPlatz in der Geschichte der kirchlichen Unionsbestrebungendes neunzehnten Jahrhunderts einnehmen.

Was ist Instinkt?

Von H. von Nemagen.

(Nachdruck verbot«».)

Zu seinem Nachbar kommt der Gevatter; er willihm eine Sache vortragen, die ihm lange im Kopf herum-gegangen ist; je mehr er darüber nachgedacht hat, destodümmer ist ihm davon geworden; der Nachbar soll ihnbelehren. Es handelt sich um die heikle Frage, waseigentlich eineObservanz" sei. Der Nachbar legt dieStirn in nachdenkliche Falten, eininstinktives Hm"entschlüpft den Weisheitschweren Lippen; der Gevattersteht erwartungsvoll; da endlich öffnet sich der gelehrteMund zu der bekannten köstlichen Einleitung, dem wunder-weisen Wahrspruch:

Ja,Observanz", Gevadder Schröder»

Dat is en Würd, süh, dat vcrstciht nich jeder,

Dat is en schrecklich swcreS Würd,

En ekliges, cnfamtes Würd;

Un ick glöw nich, dat hier in unsern Urt

En einziger dat ganz genau

Di seggen kann, ick trug dat keinen tau.

Denn sülwsten ick, de doch so vcles weit.

Weit mit de Observanz nich recht Bescheid."

Ich meine nun, daß noch manches andere Wort,nichtObservanz" allein,ein schrecklich sweres Würd"ist. Da ist z. B. das WortInstinkt",ein ekliges,enfamtes Würd". Jeder weiß, was Instinkt ist, aberkann es auch jeder sagen? Frisch und leicht, wie einSchmetterling, flattert das Wort daher, sobald man aufdas Leben und Treiben der Thiere zu sprechen kommt;will man aber den Schmetterling fangen und fragen,wie siehst du denn bei Lichte aus, dann entschlüpft er indas Weite. Z. B. selbst ein Darwin , der doch sovieles weiß, weiß mitInstinkt" nicht recht Bescheid.Der morsche Wagen seiner berühmten Theorie vonZucht-wahl" und vomUeberleben des Passenden" hat sichnämlich kläglich festgefahren an dem Neste einer Gold-ammer, in welches ein Kuckuck mit Hülfe seines Instinktsein Ei gelegt hat. Da legt der gelehrte Mann die Stirnin nachdenkliche Falten, ein instinktives Hm entschlüpftden Weisheitsschweren Lippen, bis die köstliche Erklärungerfolgt: durch die Zuchtwahl ist der Kuckucksinstinkt biszu dieser raffinirten Höhe gestiegen. Denn vor MilliardenJahren brütete die Mutter aller Kuckucke noch selbst ihreEier aus. Da fiel es ihr plötzlich einmal ein, eine kleineAusnahme zu machen und ein Ei in ein fremdes Nestzu legen. Sie wählte die Ammer zur Amme. Baldspürte sie den Vortheil der Arbeitstheilung, und zuletztschaffte sie sich die Mühe ganz vom Halse und vererbteihrer Nachkommenschaft die von ihr gemachte äußerstpraktische Erfindung. Was ist also in diesem Falle nachDarwin Instinkt? Im Grunde genommen nichts als dieBefolgung des Spruches:Wer Arbeit kennt, der hütetsich davor!" Dem Weisen genug. Da loben wir unsdoch den Gevatter Nachbar, der ein treffendes Beispielvon Observanz beibringt und es dem Nachbar überläßt,sich auf dem Heimwege die Moral von der Geschichteselbst zu suchen.

Folgen wir einmal seinem praktischen Vorgänge.Lange vor Eintritt der Winterkälte hat der Jäger