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seine Fuchsfalle, den sogenannten Schwanenhals, gelegt.Fern im Felde, nahe bei einem trockenen Graben, hater ein flaches Loch von dem Umfange des ausgespanntenFangeisens gegraben, dies Lager der Falle mit „Mieren-sprock" (den Stoffen, woraus die Waldameisen ihre Hügelbauen) ausgepolstert, weil dieser Stoff niemals durchnäßtwird und also auch bei der strengsten Kälte niemals ge-friert, und zuletzt das Fangeisen sammt dem Köder, einemhalb vermoderten Stück Schafbein, mittelst desselben Stoffesdicht eingesiebt. Wochen sind darüber hingegangen, under hat täglich aus der Ferne einen Blick nach dem Graben-rande gethan. Alles ist unverändert geblieben. DerWinter hat inzwischen seine Decke über die Flur gebreitet;da sieht er eines Morgen vom Anstande aus seinen FreundReinecke querfeldein dahertrnben. Jetzt kommt er unterWind der Falle; der üble Geruch des Knochens lockt ihnan, er rennt gerade auf die Falle los; jetzt ist er ihrganz nahe, — da plötzlich stutzt er, er springt zurück,er scheint zu überlegen; er geht wieder langsam vor, erumschreitet die verdächtige Stelle wieder und wieder,endlich erinnert ihn die Morgenröthe, daß seines Bleibensauf dem freien Felde nicht länger sei, und er trabtdem Walde zu. Für diesmal ist er gerettet; und ob ihnauch die Begierde in der nächsten Nacht in die Falle undin das Verderben treibt, darüber ist kein Zweifel: derFuchs witterte die Gefahr, die ihm durch das Eisendroht. Das ist ein Instinkt. — Instinkt treibt den Hecht,der sonst das tiefe Wasser liebt, zur Laichzeit an dasUfer und in die flachsten Gräben zu schwimmen, damitseine dort abgelegten Eier von der Sonne erwärmt undausgebrütet werden können. Der Fink, welcher sein Nestim vorigen Jahre zwischen die grünen Zweige der Tannebaute, bekleidete es von außen mit grünem Moos; diesesJahr aber, wo er sich den Platz neben dem grauenStamme ersehen hat, wählt er graues Moos zur Ueber-kleidung des Nestes. — Die Bienenkönigin besetzt nie-mals, und wäre noch so wenig Raum zum Ablegen ihrerEier» diejenigen Zellen, worin vordem Königinnen er-brütet worden sind. Eines Tages aber finden sich sämmt-liche vorhandenen Neste von Zellen dieser Art, selbst dieübrig gebliebenen Böden der abgetragenen „Weisel-wiegen" mit Eiern besetzt. Was bedeutet das? WenigeTage nach dem Vorgänge liegt die Königin ganz unver-letzt, aber todt am Boden des Stockes. Ahnte sie ihrEnde? Wollte sie den Bienen zeigen, was sie demnächstzu thun hätten, nämlich sich eine andere Königin zu er-brüten? — Wir finden bei einer Wasserpartie das Nestder Bläßente. Aus Binsen und Rohr erbaut, schwimmtes auf dem Wasser mitten im Röhricht, an dessen Schaftes befestigt ist. Würde das Wasser ein wenig steigen,so, denken wir, würde die Brüt im Wasser liegen; sänkedas Wasser aber, so würde das Nest in der Luft schwebenund zerbrechen. Hai weit entfernt! Jenes Flechtwerk,das unser Nest an den Nohrschaften festhält, besteht ausweitmaschigen Oesen; das steigende und sinkende Wassermuß das Nest heben und senken. Aber das Nest jenesRohrsperlings zwischen seinen vier Halmen, die es genauvon den vier Seiten umgeben, ist doch ganz am Rohrbefestigt. Ja wohl, aber es schwebt einen halben Meterhoch über dem Wasserspiegel, und der Schrei- und Wage-hals läßt es eben darauf ankommen, ob das Wasser wohlso hoch steigen wird. — Auf dem großen See HansenSchaaren von Wildenten und andern Wasservögeln, diewährend des Winters hier bleiben. Sobald nun strengererFrost eintrat uyd das Wasser sich vom Ufer her mehr
und mehr mit Eis bedeckt, ziehen sich diese Vögel na-türlich nach denjenigen Stellen zurück, wo das Wasser,vielleicht wegen vorhandener Quellen, schwerer zufriert.Das ist ja an sich noch nichts besonderes. Allein dieseStellen wollen sie auch bei der allerstrengsten Kälte offenerhalten. Wie fangen sie das an? Tag und Nachtschwimmen sie in dichten Schaaren eifrig hin und her,sie schlagen dabei das Wasser lebhaft mit den Flügeln,sie steigen auf das Eis und lassen sich dann am Randwieder herab; so erhalten sie das Wasser in steter Be-wegung, so zerbrechen sie eine etwa sich bildende Eisdeckesofort, und sie erreichen ihren Zweck vollkommen. Es ist eineThatsache, daß da, wo diese Wasservögel sich aufhalten,sich bei noch so grimmiger Kälte die Eisdecke niemalsvöllig schließt. Sie wissen sich also vor dem Einfrierenzu schützen. — Die Negenwürmer haben in unsernBlumensaatbeeten überhand genommen und zerstören unsdurch ihre Löcher und ihre zusammengeballten Schmutz-kügelchen die zarten Pfläuzchen. Wir zünden eines Abendsnach einem Regentage eine Laterne an und begeben unszu den Beeten, um die Unholde abzulesen. Da liegensie in dichten Schaaren und trinken Thau. Wir berühreneinen. Mit einem Ruck, der uns einen Schreck in alleGlieder jagt, schnellt er sich in seine schützende Röhrezurück, in die er stets wohlweislich das Ende seinesSchwanzes herabhängen läßt. Ein so niederes, unbe-holfenes Geschöpf und eine so ausgesuchte, feine Vorsicht,der wir nur mit Aufbietung der äußersten Vorsicht unserer-seits den Rang ablaufen können!
Wo wir Hinblicken im Thierreich, in allen Klassen»bis zu den untersten abwärts, begegnet uns dieselbe Er-scheinung. Eduard von Hartmann bezeichnet sieals „ein zweckmäßiges Handeln ohne Bewußtsein desZweckes"; eine Bezeichnung, worin einmal das Wörtchen„Handeln" nicht recht zutrifft, sodann aber ihm — jeden-falls unbewußterweise — der größte Fehler passirt ist,der in der Logik vorkommen kann, daß nämlich dienähere Bezeichnung den übergeordneten Begriff aufhebt;sintemal einem Handeln, das ich „zweckmäßig" nenne,eben um deswillen die Kenntniß des Zweckes innewohnenmuß, da es sonst ein Handeln auf das Gerathewohl seinwürde. Aber das ist eben der Fehler in der ganzenAnlage des „Unbewußten ", daß das Schöpferwerk, selbstda, wo es mit Händen zu greifen ist, verleugnet wirdmit Gewalt.
Ich habe lange der Ansicht gehuldigt, daß der Be-griff des Instinkts von den Philosophen nur deßhalb er-funden sei, um eine Reihe von Erscheinungen im Seelen-leben der Thiere zu erklären, die wir aus dem Gebrauchihrer fünf leiblichen Sinne nicht erklären können, weilwir die Energie dieser Sinne zu gering anschlagen.
Das sogenannte instinktive Verhalten der Thiere ist,so meinte ich, völlig erklärbar, wenn wir nur die Kraftund Schärfe der thierischen Sinnesorgane möglichst hochannehmen. Etwa so: der Fuchs hat eben einen soscharfen Geruchssinn, daß er noch die Spur des Jägerswittert, auch wenn dieser vor vielen Wochen die Fallelegte; die Biene, wenn sie ihre Zelle trotz der absolutenFinsterniß in ihrem Stock, da sie ja vorzugsweise in derNacht baut, so wunderbar gleichmäßig herstellt, hat ebeneinen so überaus vollkommen entwickelten Tastsinn, daßsie den Maßstab für die Dimensionen ihres Baues vonihren Beinen oder von der Breite ihres Kopfes (ein-schließlich der Ansatzglieder ihrer Fühler) hernimmt. DieseAnsicht ist aber durchaus unbegründet. Denn wenn die