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wenn auch nicht in der Reihenfolge ihrer historischen Ent-stehung, näher betrachten wollen.
3. Da finden wir vor allem von höchster Bedeutung eineFamilien-Krankenkasse, welcher alle verhcirathcten Ar-beiter der Firma bcitreten müssen. Als Beitrag ist zu zahlen1 Pf. von jeder verdienten Mark; der Fabrikinhabcr gibt zudiesen Beiträgen 50 "/„ Zuschuß.
Diese Kasse hat den Zweck:
») im Falle der Erkrankung der Frau oder der noch nichterwerbsfähigen Kinder eines Mitgliedes die Kosten fürArzneien ganz, für Krankenhauspflege (fallssolche nöthig) zu zwei Dritteln, für ärztliche Be-handlung zur Hälfte zu zahlen;h) bei der Geburt eines Kindes dem Familienvater eineUnterstützung zu gewähren, die auf 10 M. festgesetztwurde.
Diese Familicnkasse ist gewiß eine Einrichtung, die Krank-heitsfälle nicht so suhlen läßt, wie es sonst gar oft in einerArbeiterfamilie der Fall ist.
4. Damit die Arbeiter Gelegenheit hätten, ihre Ersparnisseauch schon in kleineren Beträgen nutzbringend anzulegen, damitihnen weiters in schlechter Zeit und in Nothfällen ein aus derbessern Zeit ersparter Betrag zur Verfügung stände, ferner umdie Miethszahlung am Schlüsse des Vierteljahres zu erleichternund um durch reichliche Verzinsung die Sparsamkeit der Ar-beiter zu fördern, gründete der Fabrikinhabcr (1876) für seineArbeiter eine Sparkasse, bei welcher die geringste Einlage1 M. beträgt und welche die Einlagen bis zu 100 M. mit 6 °/o,bis zu 300 M. mit 5"/«, über 300 bis zu 500 M. mit 4'/,jährlich verzinst.
Um diese Sparkasse recht auszunützen, bildete sich unterden verheirateten Arbeitern
5. der Sparverein (1830), dessen Mitglieder sich ver-pflichten, wöchentlich eine Spareinlage von min-destens 50 Pf. zu machen. Sämmtliche Spareinlagen sindin der Regel erst nach Ablauf eines vollen SparjahreS rück-zahlbar; sie werden bis zum Betrage von 300 M. vom Fabrik-inhaber mit 5°/» verzinst.
Wenn im Herbst größere Lieferungen an Kartoffeln,Kohlen rc. gemeinsam angekauft und unter die Mitglieder ver-theilt werden, so können die Spareinlagen ganz oder teilweisegegen die genannten Lieferungen verrechnet werden.
6. Für die Erziehung der Kinder der verheiratetenArbeiter dient zunächst die Bewahrschule. Vom 3. bis zum6. Lebensjahre finden die Kleinen liebevolle Pflege in dem vomFabrikhcrrn erbauten „St. Joscphshause" gegen ein monatlichesSchulgeld von 40 Pf., das auch erlassen wird.
Für die Ausbildung der Mädchen in den Handarbeitenist eine Nähschule eingerichtet, zu deren Besuch jede Arbeiterinunter 18 Jahren verpflichtet ist. Ermöglicht wird dieser Besuchdurch, frühere Entlassung aus der Arbeit, indem der UnterrichtAbends 1'/, Stunde vor Schluß der Fabrikarbeit beginnt undgleichzeitig mit dem Arbeitsschluß endet. Geleitet wird dieNähfchule von zwei Klosterfrauen.
7. Zur Bildung und Unterhaltung der Arbeiter wurde1881 eine Bibliothek gegründet, zu welcher der Geschäfts-inhaber mit 200 Bänden den Grund legte und deren Benützungjedem Arbeiter unentgeltlich zusteht; den gleichen Zweck verfolgtder Gesang- und Instrumental-Verein, für welchender Fabrikherr die nöthigen Instrumente anschafft, wie er auchdie Hälfte des dem Dirigenten der Instrumental-Abtheilung be-willigten Honorars zahlt.
8. Um endlich das Bild voll zu zeichnen, muß noch er-wähnt werden, daß es den Arbeitern sogar ermöglicht ist, umsehr billigen Preis ein gutes, kräftiges Mittagsmahl vom Fabrik-herrn zu bekommen.
Das Reglement für den MittagStisch aus dem Jahre 1830besagt: „Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Fabrik, welche zuweit entfernt wohnen, um in der 1'/, stündigcn Mittagspausenach Hause gehen zu können, haben im St. Josephshause Ge-legenheit, zu Mittag zu essen. Das Mittagsmahl kostet proKopf und Tag bis auf Weiteres 25 Pf. Wie Schreiberdieses sich selbst überzeugen konnte, sind die Arbeiter mit diesembilligen Mittagessen sehr zufrieden und können es auch sein.
9. Wie sehr der Fabrikherr besorgt ist für das leibliche(und geistige) Wohl seiner Arbeiter, ersieht man übrigens auchaus der Einrichtung der Prämie für Enthaltung vomSchnaps.
Um den Schnapstcufel aus der Fabrik zu verbannen, ,besteht seit 1884 das Statut: „Jeder männliche Ar- !
beiter über 16 Jahren, der sich des Genusses vonBranntwein ganz enthält, empfängt monatlich 1 M.
Um ferner den fleißigen und ordnungsliebenden Arbeiterneine Anerkennung zu Theil werden zu lassen, sollen die Ar-beiter und Arbeiterinnen, welche während eines ganzen Monatskein einziges Mal zu spät gekommen sind, eine Prämie erhalten,welche pro Monat auf 1 M., resp. 70 Pf. oder 50 Pf. ange-setzt wurde, je nach dem Tagesverdienst oder Alter des Arbeiters.
Damit die verschiedenen zum Besten der Arbeiter ge-troffenen Einrichtungen eine Heimstätte und einen Mittelpunkthätten, wurde vom Fabrikinhaber das herrliche St. Josephs-hauö gebaut (1879—80).
Seine Säle, sowie auch die um dasselbe angelegten Gärtenstehen in der freien Zeit, besonders an Sonntagen, den Ar-beitern und ihren Angehörigen offen.
Durch den Titel „JosephShauS" ist schon ausgedrückt, daßsich der Fabrikinhaber leiten läßt von den Grundsätzen, welchein der Werkstätte des hl. Joseph galten, von den Grundsätzendes Christenthums; es ist aber auch ausgedrückt, daß der Fabrik-bcrr in seiner großen Arbeiterfamilie den Geist der hl. Familieherrschend wissen will. Man darf in der That weit geben, umunter solchen Verhältnissen eine ähnliche Annäherung an dasIdeal eines christlichen Etablissements zu finden; es beweist,daß der Geist des Christenthums auch im 19. Jahrhundertnoch am besten befähigt ist, das sociale Leben richtig zu ge-stalten und die arbeitenden Klassen zu zufriedenen Menschenzu machen.
Recensionen und Notizen.
Kartographisches Vadcmecum — betitelt sich ein vonder Buch- und Landkartenhandluug Lan» Part u. Co.in Augsburg zusammengestelltes Heft, enthaltend Ueber-sichtsblätter zu amtlichen Kartenwerken von Süddcutsch-land, dem gcsammten Deutschen Reich rc.
-r- Bei der prakt. Anordnung des Ganzen wird eS jedemMilitär, Touristen und Radfahrer ein Bedürfniß sein, .dasselbezu besitzen. — Die gleiche Firma veransgabt, wie im Vorjahreso auch Heuer, einen „Jll. Reisekatalog", enthaltend einVerzeichniß bewährter Reisehandbücher und Führer rc. — AlsEinleitung dient eine warm empfundene »Schilderung der Voacsenvon vr. Franz; ca. 20 Illustrationen erhöhen noch den Werthdes Büchleins. Da beide Ausgaben gratis abgegeben werden,können wir »nr jedem Interessenten rathen, sich selbe zrst ver-langen. _
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