l^° 32
7. Ang. 1896.
Von Chnrles Soint-Paul.
Das religiöse Gefühl in dem Werke Richard Wagners ist in letzterer Zeit ein Gegenstand eingehender Erörter-ungen geworden. Anlaß hiezu hat wohl insbesonderedas bedeutende Werk des Abbe Marcel Hsbert überdieses Thema gegeben, das vor Kurzem auch in deutscher Uebersetzung (bei August Schupp in München ) erschienenist und viele neue Lichtpunkte zur Beurtheilung desWesens des großen Meisters und seiner künstlerischenThätigkeit geboten hat.
Die sachverständige Erforschung und ruhige Beur-theilung seines Verhältnisses zur Religion, welche dieserAutor von seinem Standpunkte aus vornimmt, steht imGegensatze zu den vielfach widersinnigen und entstellendenBehauptungen, die hierüber von Vertretern einer Richtungaufgestellt worden, welcher der Sieg des Christenthumsüber das Heidenthum in deutschen Landen ein Gräuelist und die daher einem Künstler nie verzeihen können,der nach Verwerthung der heidnischen Mythologie in diechristliche Legende sich vertieft, dem Geiste des Christen-thums sich genähert hat. Wir meinen die modernengermanischen Uebermenschen, die Anhänger des „großenPhilosophen Nietzsche". Wie weit dieselben in Absurditätenund Blasphemien gehen können, dürfte ganz besondersaus einer „zeitgemäßen Betrachtung" erhellen, die einsolcher Uebermensch vor Kurzem in der bekannten deutsch -reformerischen antisemitischen Monatsschrift „Das 20.Jahrhundert" hat erscheinen lassen.
In derselben, betitelt „Wagner und Liszt ", wirddas Verhältniß der beiden Künstler mit Bezug auf die,Bekehrung WagnerS zum katholischen MystizismuS",sowie das Verhältniß deutscher Kunst zum Christenthumsin einer Weise besprochen, die zur Entgegnung heraus-fordert, obschon man eigentlich von Wiedergabe mancherder gemeinen Blasphemien des Autors abstehen möchte.
Der Verfasser beginnt seine Erörterungen mit einerParallele zwischen Nietzsche und Wagner und weist aufden zwischen Nietzscheanern und Wagnerianern, „demHeerdenvieh unter den Anhängern Nietzsche's", wie er siegeschmackvoll bezeichnet, eingetretenen Zwiespalt hin.Nietzsche, so meint er, sei seinem eigenen Wesen treu ge-blieben, während Richard Wagner , nachdem er in seinerGötterdämmerung den Höhepunkt seines künstlerischenSchaffens erreichte, den Parsifal schuf, dieses von ka-tholischem MystizismuS und christlicher Entsagung erfüllteGrab seines einstigen Uebermenschenthnms. Die kraft-vollen Rhythmen der Trauermusik zum Tode Siegfriedswären der würdige Abschluß der Künstlerlaufbahn Wagners gewesen, nicht die weibisch-weichlichen Accorde des Parsifal ,dieses unsäglich schmerzlichen Bildes des Entsagens undLeidens, dieser Prozession zum Kreuze. In der Voll-kraft seiner Jahre, als einen Uebermenschen an Kampfund Leiden, habe Nietzsche sein entsetzliches Geschick ge-troffen, doch Richard Wagner , der sich in der Zeit dergrößten Noth im Exile nicht zum Glauben bekehren ließ,— er sei ein frommer Christ geworden, als er seinekühnsten Künstlerträume erfüllt sah, als das Olympiadeutscher Kunst auf dem Hügel bei Bayrcuth in pran-gender Schönheit stand. „Dann wankte er, von seinen!Beichtvater (I I) Franz Liszt geleitet, dem Golgatha desreinen Deutschtums (!), dem katholischen MystizismuSzu. Wahrlich, ein trauriges Bild!"
Der Autor bemüht sich nach solchen einleitendenWorten, die wir später noch kennzeichnen werden, dieVorzüglichkeit des „germanisch-heidnischen" SchaffensWagners noch genauer zu erörtern. Er findet, daß imRinge der Nibelungen der Mythos des germanischenVolkes von dem gewaltigen Künstler in einem künstler-ischen Weltbilde von seltener Plastik und Großartigkeitder Conception dargestellt und die heidnisch - germanischeDarstellung klar und deutlich zum Ausdrucke gebrachtwurde. In der Natur das Walten und Weben derGötter zu sehen, die den alten Germanen nur Ver-geistigung der Naturkräfte waren, das sei deutsche Welt-anschauung. „Aus diesem innigen Leben in der Natur,aus dieser Harmonie mit der Natur entstand das hohedeutsche Sittlichkeitsgefühl, das „deutsche Gewissen". Dennwer ein Leben mit und in der Natur führt, kann sichgegen kein ewiges Sittengesetz vergehen, weil alles Na-türliche auch sittlich gut ist(I) Wie großartig schildertda Richard Wagner in der Walküre die liebende Ver-einigung von Bruder und Schwester, Siegmunb undSieglinden. Ja, diese Geschwisterehe ist sittlich, denndes Walvaters Blut, das sich in diesen beiden Geschwisterntheilte, es strebt wieder nach Vereinigung. Und nur aussolcher Liebesumarmung des wildverzweifelten Zwillings-paares konnte Siegfried , der hehrste Held der Welt, ent-stehen. Die Natur feiert in der wonnig-schmerzlichenMaiennacht, da Siegmund Sieglinde zu sich auf dasLager zieht, den gewaltigen Triumph über das mensch-liche Gesetz, wie es von Fricka gehütet wirb. Die ger-manische Weltanschauung liegt eben „jenseits von Gutund Böse", und die Worte Zarathustra's : „Brüder, w:rdc:hart!" sind von dem großen Philosophen in erster Linieden Deutschen zugerufen worden, die in ihrem Humani-tätsdusel ihr Nationalgefühl zuerst vergaßen."(I)
Man wird wohl mit Befremden solche Worte lesemdie als Beweise dafür dienen können, daß gewisse Vertreterdes modernen „Deutschthums" und seines wahnsinnigenApostels thatsächlich bei den Folgerungen bleiben, welcheCultur und sittliche Begriffe, die hehre Schöpfung dcSChristenthums, in ihrer Nealisirung vernichten würden.
Der Kritiker kaun sich nicht enthalten, von seinemStandpunkte aus auch einige allgemeinere wüthende Aus-fälle gegen die Chrisiianistrung der Deutschen und dieKirche zu machen. Durch die Chrislianisirung der Deutschen entstand seiner Behauptung nach im deutschen Wesen einZwiespalt, an dem das deutsche Volk bis zum heutigenTage krankt. Ein unauflöslicher Widerspruch bestehe ebenzwischen Christenthum und wahrem Deutschthum, jareinster Menschlichkeit überhaupt. „Wir müssen unsdarüber klar werden, daß ohne das Christenthum unserVolk zu einer ebenso großen, wahrscheinlich noch größerenBlüthezeit seiner nationalen Eigenart wie das griechischeemporgestiegen wäre. Doch die heiligen Wotans-Eichenwurden von der Hand christlicher Priester gefällt, ausihrem Holze Kirchen gebaut, von den Thürmen erklangendie Glocken, die den deutschen Göttern zu Grabe, demgekreuzigten „Messias" aber zur Auferstehung läuteten;4500 Sachsen wurden auf Befehl Karls des Großen aneinem Tage geschlachtet, weil sie sich nicht taufen ließen,Hunderttausende von Deutschen fielen in Italien demWahne der Wiedererrichtung des alten römischen Reiches,den die Päpste den deutschen Königen einimpften, zumOpfer, ungezählte Schaaren deutscher Mannen mußte»