Ausgabe 
(7.8.1896) 32
 
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bet den Kreuzigen zu Grunde gehen, und der 30jährigeKrieg machte anS Deutschland. eine Wüste. Durch diesenunseligen Krieg, an dem nur das Papstthum schuld war,wurde der deutschen Sittlichkeit, der deutschen Welt-anschauung die Todeswunde versetzt. Der westfälischeFriede eröffnete der französischen Unmoral, die damalsdie Allongcperrücke aufhalte, Thür und Thor, und siehielt bald ihren trinniphirenden Einzug in die deutschen Fürstenhäuser. Und schon früher hat Martin Luther ,als er gegen das Cälibat predigte, auf die Unsiiilichkeitder katholischen Geistlichen hingewiesen, die die Ver-neinung des Willens als unnatürlich nicht zu Standebrachten und, weil sie nicht heirathen dürften, allzu un-genirt die Worte Luthers : ,Wer nicht liebt Wein, Weib,Gesang' befolgten rc. rc." Man möchte, wenn manderartiges liest, fast glauben, daß gewisse Nietzscheschülerbereits den Meister übertreffen.

Der deutscheUebermensch" bespricht sodann deslängeren die Entdeckung, daß Wagner in seinem Wesenals Mensch und Künstler manchen undeutschcn Zug hatte,daß Namentlich eine orientalische Weichlichkeit immerstärker zum Ausdrucke kam, je älter er wurde,wasdie Herren Wagnerianer nicht einsehen wollen". SeineAusführungen gipfeln im folgenden Satze: Wie in derSeele Tannhüusersreines Dcutschthum" mitroman-ischer Sinnlichkeit" im heftigsten Kampfe liegt, so be-fehdeten sich in Wagners Wesen auch das deutsche Em-pfinden und die modernefranzösisch-orientalische Sinn-lichkeit", und wie licbcstolle Weiber im späten Alter oftBetschwestern werden, so schuf der alt gewordene Meisterden Parsifal , jenes den Stempel kindischer Greisen-haftigkeit tragende undeutsche Werk, das Nietzsche mitfolgenden köstlichen (?) Versen commentirt:

Ist das noch deutsch ?

Aus deutschen, Heizen kam dies schwule Kreischen?

Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-zerfleischen?Deutsch ist dies Priesterhändespreizen,

Dieö wcibranchdüstelnde Sinncrcizen,

Und deutsch dies Stürzen, Necken, Taumeln,

Dies zuckersüße Limbamboumeln,

Dies Nonnenängeln, Avcglockenbimmeln,

Dies ganze falsch verzückte Hiinmelübcrhiuimeln?

Ist das noch deutsch ?

Erwägt! Noch sieht ihr an der Pforte!

Denn, was ihr hört, ist Nom, Nom'S Glaube obne

Worte!

ES ist unmöglich, hier alle die halbverrückten Phrasenund gemeinen Bemerkungen gebührend zu kennzeichnen,mit denen der Verfasser seiner Entrüstung über die Um-wandlung in Wagners Wesen Ausdruck zu geben sucht.Er meint z. B., um nur das als Probe anzuführen,daß Wagner beinahe 60 Jahre nach dem Ideale gerungen,dem deutschen Volke ein deutsches Kunstwerk, ein natio-nales Theater, wie das im alten Athen , zu schaffen,umdann im wahrsten Sinne des Wortes zum Kreuze zukriechen", oder daß er sich im letzten Jahrzehnte seinesLebens von dem zum Grabe geleiten ließ, der am Kreuzestarb, und daß so der Parsifal entstanden sei,diesesGlaubensbekenntniß eines der größten deutschen Geister,der dadurch dem deutschen Volke die Schmach eineskünstlerischen Canossas nicht ersparte".

Die Ursache von all' dem ist nun nach der An-schauung des forschenden Nictzscheaners nicht nur in demnndeutschen Element, das Wagnersreines deutschesWesen" trübte, zu suchen, sondern auch in dem EinflüsseLiSzt'S und dessen ganzer Sippe,dieses ungarischenKlaviervirtuosen", der keine Spur deutscher Art in seinem

Charakter wie in seinen Compositionen Zeige, diesesTypus der modernen kosmopolitischen Virtuosen, dermit feiner Kunst in aller Herren Länder Hausiren geht".

Zum Beweise dafür, daß Liszt es war, der Wagnerschließlich zum Christcnthume bekehrte und denParsifal "aus der Taufe hob, beruft er sich hauptsächlich auf denBriefwechsel zwischen den beiden Künstlern, dem er fol-gende Stellen entnimmt:

Wagner an Liszt :Ich wollte, wir beide machtenuns denn von hier strikte auf, um in die weite Welt zugehen! Lass' doch auch Du diese deutschen Philister undJuden! Hast Du etwas anderes um Dich? Nimm nochJesuiten mit dazu, da bist Du gewiß fertig! Philister,Juden und Jesuiten , das ist's, aber reine Menschen."Darauf dieim echtesten Hospredigertone gehaltene" Ant-wort Liszt's :Deine Briefe sind traurig und DeinLeben noch trauriger! Du willst in die weite Welthinaus, leben, genießen, schwelgen. Ach! wie herzlichgönnte ich es Dirl Aber fühlst Du es denn nicht, daßder Stachel und die Wunde, die Du im Herzen trügst.Dir nirgends verheilen werden und nie und nimmer zuheilen sind? Deine Größe macht auch Dein Elend!Beide sind unzertrennlich von einander und müssen Dichquälen und martern, .... bis Du sie nicht beide, imGlauben hinsinkend, aufgehen läßt! Lass' zu dem GlaubenDich bekehren! Es gibt ein Glück . . . und dieses istdas einzige, das wahre, das ewige! Ich kann Dir esnicht predigen, nicht cxpliziren. Zu Gott will ich aberbeten, daß er mächtig Dein Herz erleuchte durch seineGnade und durch seine Liebe. Magst Du dieses Gefühlnoch so bitter verhöhnen. Ich kann nicht ablassen, darindas einzige Heil zu ersehen und zn ersehnen. DurchChristus, durch das in Gott resignirte Leiden wirduns Rettung und Erlösung."

Diesen Brief nennt der Nietzscheanrr ein werthvollesAktenstück für seine Ansicht, daß in erster Linie Liszt daran schuld war, daß Wagner am Abende seines Lebensvon der germanischen Weltanschauung sich abwandte, umtmParsifal "dem katholischen Mysticismus, der Welt-flucht, der Verneinung jedes thatkräftigen Schaffens" sichin die Arme zu werfen, und zwarmit der ganzenplumpen Ehrlichkeit eines Deutschen, der sich in ein Idealverbissen hat".

Dabei findet er aber selbst später, daß die AntwortWagners auf diesen Brief LiSzt's auch skeptisch undironisch genug gewesen ist, und daß derselbe beweise, wiewenig Verständniß Liszt für Wagner als Dichter undPhilosoph hatte, da es ja lächerlich erscheinen müsse, daßLiszt, als eben Wagner in der Schöpfung seines anti-christlichen heidnisch-germanischenRinges der Nibelungen"lebt und webt, mit der Kirchenfahne anrückt. Wie kanner also diesen Briefwechsel als werthbolleZ Argument fürdie Behauptung ausgeben, daß Liszt dieBekehrung"seines Freundes gelungen sei!

Später wieder spricht er davon, daß erst die engeBerührung mit dem Katholizismus, die seine Berufungan den katholischen bayerischen Königshof mit sich brachte,das weichliche und genußsüchtige Leben, das er seit seinerVerheirathung mit Liszt's Tochter führte, das stets Zu-sammensein mit seinem katholischen Schwiegervater dieVeranlassung zur Aenderung der Weltanschauung WagnerS gewesen sei.*) Selbstverständlich wird Niemand einen ge-

*) Die große Sachkenntnis; beS Autors wird auch durchfolgende Aeußerung erwiesen:So lange Wagner LiSzt . nichtkannte, war er deutsch in seiner Kunst und deutsch in seinem