Ein neues Lehrbuch der Volkswirthschaft?)
I?. II. Die jüngste aller großen Wissenschaften, dieNationalökonomie, entstanden in der Zeit des beginnen-den SubjectivismuS und des Verdrängens fast aller sitt-lichen und religiösen Grundsätze aus dem staatlichen undgesellschaftlichen Leben, konnte naturgemäß nicht sofortund auch nicht nach kurzen Dccennien mit einem erprobtenund brauchbaren Systeme vor die Schule und die Oeffent-lichkeit treten. Es bedurfte mehr als eines Jahrhundertsdes Kampfes der widersprechendsten Meinungen, selbstunter katholischen Sociologen, bis man endlich in denallerwesentlichsten Grundzügen und in den allgemeinenErfahrungen eine gewisse Uebereinstimmung erzielte. InDeutschland speciell hat die socialreformatorische Thätig-keit des Centrums nicht zuletzt dazu beigetragen, eineAnnäherung der socialpolitischen Anschauungen, vor allemin christlichen Kreisen, herbeizuführen. Damit machte sichaber auch der Mangel eines eigentlichen, die national-ökonomische Wissenschaft auf positiv-christlichen, ethischenGrundsätzen umfassend behandelnden Lehrbuches immerfühlbarer.* **)
Diesem Mangel will ein vor kurzer Zeit erschienenesWerk eines englischen Nationalökonomen abhelfen. Esist das Buch von Charles S. Devas, „Grundsätzeder Volkswirthschaftslehre", von welchem nun-mehr eine treffliche deutsche Uebersetzung und Bearbeitungaus der Feder Dr. Walter Kämpfe's vorliegt.
Das Werk, von einem Engländer für Engländergeschrieben, wurde von Dr. Kämpfe (Salzburg ), derdurch verschiedene tüchtige Arbeiten auf focialpolitischemGebiete hiezu bestens legitimirt war, in einem ziemlichbedeutenden Umfange einer Umarbeitung unterzogen. Eswurden die nur für England Interesse besitzenden Stellengestrichen, dagegen vieles einverleibt, was für deutscheund österreichische Leser von Wichtigkeit ist; zugleichwurde auch auf die wirtschaftlichen Verhältnisse derübrigen Culturstaaten gebührend Rücksicht genommen.Die von dem Uebersetzer dem Buche neu einverleibtenStellen sind durch ein „Verzeichniß der Zusätze deSUcbersetzers" kenntlich gemacht.
Die „Volkswirthschaftslehre" von Devas - Kämpfeergeht sich nicht in langen Abhandlungen und geistreichenVersuchen zur Lösung verwickelter wirthschaftlicher Pro-bleme, sie versucht nicht, wie die Doktrinäre der sogen,klassischen Nationalökonomie, durch die Brille vorgefaßterIdeen das wirthschaftliche Leben zu beurtheilen und eSauf denselben aufzubauen, sie rechnet mit den That-sachen und mit den Erscheinungen des wirthschaftlichenLebens. Das Werk will nicht in erster Linie einLehrbuch wirthschaftlicher Theorien, sondern ein Lehrbuchdes wirthschaftlichen Lebens sein. Das ist die Voraus-setzung, mit welcher die Lektüre des Werkes begonnenwerden muß. Eine geistreiche Erforschung wirthschaft-licher Räthsel wollten und konnten der Verfasser und
Grundsätze der Volkswirthschaftölehre. VonCharles S. Devas. Examinator der politischen Oekonomik ander kvnigl. Universität von Irland. Uebersetzt und bearbeitetvon Dr. Walter Kämpfe. Frciburg, Herdcr'sche Verlagshand-lung. Preis 7 M.
**) Dr. Natzingcr's ausgezeichnetes Werk „Die Volkswirth-schaft in ihren sittlichen Grundlagen" ist kein Lehrbuch derNationalökonomie und soll es nach der Absicht des Verfassersjedenfalls auch nicht sein.
Uebersetzer, nach dem Zwecks, welchem das Buch dienenwill, nicht liefern.
Das ganze Werk ist in vier Theile oder Büchergegliedert und stellt in dieser seiner Eintheilung einennatürlichen Aufbau der nationalökonomischen Wissenschaftund ihrer Faktoren dar. Das erste Buch behandeltdie Produktion und Consumtion und besprichtdie grundlegenden Begriffe der Volkswirthschaftslehre, dieproduktiven Eigenschaften der Erde und des Menschen,die Arbeitsorganisation, das Familienleben, die Güter-Produktion und Consumtion. Das zweite Buch ist„Der Güteraustausch" betitelt. Es bespricht denGüteraustausch im Allgemeinen, die freie und nichtfreiePreisbildung, den internationalen Handelsverkehr, dasGeld und den Credit. DaS dritte Buch erörtert dieVertheilung der Güter. Es werden darin der Unter-nehmergewinn, der Zins und die Arbeitslöhne, sodanndas Verhältniß von Reichthum und Armuth, die Be-rechtigung des Reichthums und die verschiedenen socialenOrganisationen und Ordnungen besprochen und endlicham Schlüsse die verschiedenen Versuche zur Lösung wirth-schaftlicher Schwierigkeiten vorgeführt. Das vierte undletzte Buch ist unter der Ueberschrift „Nachträge" derOekonomik des Staates, d. i. vorzugsweise der Finanz-wissenschaft gewidmet. Das vorletzte Kapitel behandeltdie „Aufgabe und Methode der politischen Oekonomik",das letzte, vom Uebersetzer bedeutend erweiterte Kapitelgibt eine gedrängte Uebersicht über die Geschichte derökonomischen Wissenschaft.
Man ersieht aus vorstehender Zusammenstellung,welch gewaltiges Gebiet der Verfasser in seiner Volks-wirthschaftslehre dem Leser vorführt. Kaum eine Seitedes wirthschaftlichen Lebens ist in derselben unberück-sichtigt gelassen. Daß an einzelnen Stellen, trotz derElimination des nur für englische Verhältnisse Giltigen,die Anschauung des Engländers noch etwas durchklingt,kann nicht überraschen.
Es würde zu weit führen, alle einzelnen PartiendeS Werkes zu besprechen, und wir begnügen uns hierdamit, einzelne Punkte herauszugreifen.
Vor allem ist es ein Vorzug desselben, daß derVerfasser gleich am Eingänge mit festen Begriffenan den Leser herantritt und dieselben kurz definirt.Diese volkswirthschaftlichen Begriffe sind, mit gutemGrunde, nicht zu enge umschrieben; denn einerseits sindja viele Begriffsbestimmungen und tarwini tsasinioieiner steten Veränderung unterworfen, anderseits ist übermanche derselben überhaupt keine Einigkeit zu erzielen.Etwas zu weit scheint uns indeß der Begriff „Kapital?gefaßt zu sein.
Sehr schlagend werden einzelne Irrthümer der älterenund neueren Nationalökonomen widerlegt. In den Ka-piteln über „Produktion" z. B. wird von Devas , beiBesprechung der „Gesetze" von der abnehmenden undvon der wachsenden Erträglichkeit, mit klarenGründen dem Optimismus von der steten und uneinge-schränkten Vermehrung des Prodnktionsertrages wider-sprochen. Ebenso klar und treffend werden bei allen zurAufzählung kommenden Errungenschaften der „technischenRevolution" neben den Licht- auch die Schattenseitenhervorgehoben: der Untergang der Kleinmeister, die vielzu wenig beachtete Abschwendung der Wälder, die Uebel-stände der großen BepLlkMngsceniren usw. Aehnlich