Ausgabe 
(21.8.1896) 34
 
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in unseren Tagen iA Hochbaue vollendet worden sind.Die große Marienkirche in Lippstadt hat einen Thurmvor der Westseite und zwei Thürme an der Ostseite derKreuzesarme; Sanct Maria in Stendal erscheint mitzwei viereckigen Westthürmen; die Hauptkirche SanctMaria zu Rostock hat drei mit einander verbundeneWestthürme, und in Anklam sind bei der Marienkirchezwei Vorderfa?aden-Thürme projectirt gewesen, davon istaber nur der eine zur wirklichen Ausführung gelangt.Kolberg hat eine Marienkirche mit einem größeren Nord-und zwei niedrigen Westthürmen, während Prenzlau sichauf Doppelthürme an der Westfront beschränkte; dasgleiche Motiv finden wir an den Marienkirchen der beidenHansestädte Bremen und Lübeck , hier in machtvollsterWeise derart durchgeführt, daß die zweithürmige bischöf-liche Domkirche der Stadt völlig in Schatten gestelltworden ist. Gerade diese Lübecker, als dreischiffige Ba-silika mit hochragendem Mittelschiffe, Chorumgange undKapellenkranze zur Ausführung gekommene Marien-Pfarr-kirche beweist die von uns angenommene Thatsache, daßman im Mittelaller dem für das Gotteshaus gewähltenKirchenpatrone beim Vauprogramme vollste Berücksichtigungschenkte und daß beim Aeußeren aller Sanct Maria ge-weihten Monumentalbauten der größte Reichthum ange-strebt worden ist, welches Ziel man durch mehrthürmigeAnlagen zu erreichen suchte.

Beiträge zur Entzifferung der mosaischenSchöpfmrgsurkunde.

Von Joh. Bumüller, Kaplan in Holzheim.

Mit folgenden Zeilen ist keineswegs eine erschöpfendeBehandlung des ersten Kapitels der Genesis bezweckt. ESsollen nur einige Streiflichter auf die Hauptfragen ge-worfen werden, die sich dem Leser des mosaischenSchöpfungsberichtes aufdrängen.

Bon wem stammt der Schöpfungsbericht? Es istnicht wahrscheinlich, daß die Menschen erst zur Zeit desMoses über die Weltschöpfung unterrichtet worden sind;de. Bericht dürfte der Hauptsache nach auf das ersteMcnschenpaar zurückzuführen sein. Dagegen hat dieseuralte, wahrscheinlich mündliche Ueberlieferung von Seitendes Moses offenbar eine gewisse Bearbeitung erfahren.Denn neben dem allgemeinen Zwecke des Berichtes, derin der schriftlichen Niederlegung Sicherung desGlaubens an Jahve, den Schöpfer Himmels und derErde, besteht, läßt sich unschwer noch eine besondere vonMoses bei Abfassung des Berichtes verfolgte Tendenz er-kennen. Dieselbe besteht in dem Bestreben, das aus-erwählte Volk vor dem ägyptischen Götzendienste zu be-wahren. Wohl jedem, der die mosaische Schöpfnngs-urkunde liest, fällt der ausführliche Bericht des viertenTages über Erschaffung und Zweck der Sonne sowie derübrigen Gestirne des Himmels auf. Es liegt nahe, darineine Warnung vor der Verehrung der ägyptischen Licht-gottheiten, besonders des Sonnengottes Na zu erblicken.Beim fünften Tagewerk werden außer jedem Wesen imWasser, das da lebt und sich bewegt, ausdrücklich, undzwar den andern vorangesetzt, die tliaumiwr genannt,Meerungeheuer", wie gewöhnlich übersetzt wird. DiesesWort kommt von tlrairan, sich dehnen, strecken, bedeutetalso ursprünglich das lang gedehnte, gestreckte Thier.Hier liegt nun der Gedanke au das Krokodil, welchesvon den Aegyptern als heilig verehrt wurde, sehr nahe,und dies um so mehr, da bei Ezechiel 29, 3 mit obigem

Namen das Krokodil bezeichnet wird. Wenn endlich beimsechsten Tage gerade das bslrsraast, das größere, vier-silbige zahme Vieh hervorgehoben wird, wer denkt danicht an die ägyptische Verehrung der heiligen Aptsstiere,vor welcher zu warnen Moses allen Grund hatte, wiedie Anbetung des goldenen Kalbes am Berge Sinai be-weist? Der Bericht wendet sich also in auffälliger Weisegegen die in der ägyptischen Religion heimische Verehrungder Lichtgottheiten, der heiligen Krokodile und Apisstiere.Dies ist zugleich ein Beweis, daß die Genesis das vonihr in Anspruch genommene Alter besitzt und von Moses verfaßt ist. Liegt aber so nicht der Verdacht nahe, derSchöpfungsbericht sei nicht eine auf die Urzeit der Mensch-heit zurückzudatirende Offenbarung, sondern ein von Mosesverfaßtes, auf poetische Phantasien oder auf seine Kennt-niß der ägyptischen Wissenschaft gründendes religiösesTendenzwerk, so etwa ein unter die pyramidenbaueudenJuden vertheiltes Traktätchen? Allein poetische Phanta-sien werden unerbittlich zurückgewiesen von der eklatantenUebereinstimmung zwischen Schöpfungsbericht und Wissen-schaft. Der Bericht ist aber auch nicht eine Privatarbeitdes in aller Wissenschaft der Aegypter unterrichteten Moses.Denn daß die Aegypter in Folge wissenschaftlicher Forsch-ungen von all den hier einschlägigen Dingen etwas ge-wußt hätten, ist weder denkbar, noch läßt sich hiefür auchnur die Spur eines Beweises aus ihren hinterlassenenliterarischen Urkunden beibringen.

Wie sind nun der Schöpfungsbericht und näherhinseine sechs Tage aufzufassen? Hierüber sind schon ver-schiedene Theorien aufgestellt worden, von denen sich nichtalle einer gar zu großen Wissenschaftlichkeit rühmen können.Theils sind sie Phantafiestücke, wie die Restitutionstheorie,theils gehören die sie vertheidigenden Elaborate zur wissen-schaftlichen Schundliteratur. Es sind nur zwei Theorien,welche rücksichtlich ihres wissenschaftlichen Werthes und derZahl ihrer Anhänger von größerer Bedeutung sind, nämlichdie ideale Theorie, welche die in der Genesis vorliegendeAufeinanderfolge der einzelnen Schöpfungstage aufgibtund deren richtige Gruppirung den Naturwissenschaftenüberläßt, und die concordistische Theorie, welche an jenerAufeinanderfolge festhält und betreffs derselben eine Ueber-einstimmung zwischen Bibel und Naturwisscnschaft lehrt.Nachdem sich manche mit vorschneller Unverständigkeit auf-gestellte Behauptungen, um nicht zu sagen Träumereieneiniger Concordisten nicht aufrecht erhalten ließen, hatdie ideale Theorie speziell in theologischen Kreisen immermehr Anhang gewonnen. Es ist auch verführerisch, wiesich bei ihr alle Schwierigkeiten im Handumdrehen heben!Allein jeder, der auch nur einige naturwissenschaftlicheKenntnisse besitzt, kann sich durch eine solch oberflächlicheBeseitigung der Schwierigkeiten nicht befriedigt fühlen.Denn einem unbefangenen Urtheile wird die im Schöpfungs -berichte gegebene Aufeinanderfolge der Tage gerade alsdaS Hauptmoment erscheinen. Die chronologische Auf-einanderfolge dürfen wir nur dann fallen lassen, wennunumstößliche Ergebnisse der Naturwissenschaft dies ver-langen, was durchaus nicht der Fall ist. Die Anhängerder idealen Theorie erblicken in dieser fälschlichen Weiseein Hinterpförtchen, durch welches sie unbemerkt den An-griffen einer in den Dienst des Unglaubens gestelltenNaturwissenschaft entschlüpfen zu können glauben. Dochwer sich aus dem Kampf zu drücken versucht, verzichtetschon im vorhinein auf den Sieg, und dies dürfen wir,wenn es sich um die Aukiorität der Bibel handelt, amallerwenigsten thun. Wir werden daher unbedingt an