Ausgabe 
(21.8.1896) 34
 
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der im biblischen Berichte enthaltenen chronologischenReihenfolge festhalten, da diese mit den naturwissenschaft-lichen Ergebnissen sehr wohl in Einklang zu bringen ist.Daß man dabei die sechsTage" nicht als Tage ü. 24Stunden aufzufassen hat, ist eine bereits entschiedeneFrage. Dagegen ist die Erklärung des Umstandes, daßMoses diese sechs Schöpfungs- und Entwicklungsakte ge-rade mit dem AusdruckeTag" bezeichnet, noch eineschwankende. Die einfachste Annahme ist wohl, Gott habe demjenigen, welchem die erste Kenntniß von derWcltschöpfung zu Theil wurde, die sechs Hauptschöpfungs-und EntwicklungSakte in sechs verschiedenen Visionen vor-geführt, zugleich die Institution des auf sechs Wochentagefolgenden Sabbates festgesetzt und dieser durch die Haupt-Schöpfungsakte ihre höhere Begründung gegeben. InFolge dieser Anknüpfung an unsere Tage ging dann inder Ueberlieferung der AusdruckTag" auf die Schöpfungs-akte und Entwicklungsperioden selbst über. Dieser populäreAusdruck wurde nun auch von Moses adoptirt, der denwahren Sinn desselben sehr wohl gekannt haben kann.Wie dem übrigens sei, so viel ist sicher, daß wir hierauf Grund der naturwissenschaftlichen Ergebnisse von derbuchstäblichen Ausdrucksweise abweichen müssen. Dennan Tagen L 24 Stunden festzuhalten, ist den Anhängerneiner gewissen Theorie nur dadurch möglich, daß sie vonder erhabenen Allmacht Gottes ein komisches Zerrbildentwerfen und dabei die naturwissenschaftlichen Ergebnisseund Theorien in einer Weise bekämpfen, welche nur dazugeeignet ist, die gläubige Wissenschaft in Mißcredit zu bringen.

Wenn wir uns nun die einzelnen Tage des

Schöpfungsberichtes kurz näher ansehen, so werden wirerkennen, wie es gar nicht nothwendig ist, vor derNaturwissenschnft die Flinte ins Korn zu werfen. Da-bei müssen wir uns aber auch vor zu weit gehenden

Ansprüchen hüten, in jedem Falle nämlich sagen zu können:So sagt die Bibel, so lehren die naturwissenschaftlichenErgebnisse; beide decken sich vollständig." Denn von denhier einschlägigen naturwissenschaftlichen Fragen sind nochnicht alle endgiltig gelöst, und manche dürften vergebenseiner solchen Lösung harren.

Am ersten Tage hat Gott das Licht erschaffen.

Hier handelt es sich nicht etwa um die Erschaffung derSonne, also um die Entstehung des Lichtes für dieErde, sondern um einen universellen Vorgang, der einezweifache Deutung zuläßt. Die in Finsterniß gehüllteUrmaterie, aus welcher sich die gesammte Sternenweltentwickeln sollte, ging nämlich in Folge von Verdichtung,Bewegung, Erwärmung, chemischen Verbindungen, elek-trischen Vorgängen oder anderen natürlichen Erschein-ungen nach und nach in leuchtenden Zustand über. Eineandere Erklärung wäre die, daß durch den Ausdruck:Gott sprach: Es werde Licht!" die Erschaffung einerleuchtenden, gasförmigen Urmaterie ausgesprochen ist,wobei allerdings bei der in Vers 2 genannten, über demAbgrund schwebenden Finsterniß eine nicht recht motivirteAnticipatton späterer, dem vierten Tage vorangehenderZustände der Erde angenommen werden müßte. Diesalles sind natürlich reine Hypothesen, da wir über denUrzustand der Materie noch vollständig im Unklaren sind;eS ist ja möglich, daß die Materie sich ursprünglich ineinem uns ganz unbekannten Zustande befand. Daherkönnen wir einstweilen den ersten biblischen Schöpfungs-tag auf Grund der Naturwissenschaften ebensowenig mitSicherheit erklären, als diese einen begründeten Einwnrfgegen denselben erheben können. (Fortsetzung folgt.)

Ein LiLeraLk'.rLild aus der Gegenwart

von Joh. Bapt. Föhr .

(Fortsetzung.)

Was aus einem Kloster kommt, gehört auch meistensnur für Klöster." Dieser engherzige Ausspruch einesgroßen Herder erleidet beträchtliche Einbuße, wenn ichmit voller Berechtigung wieder einen Klostermann, dazunoch einen Jesuiten , als großen lyrischen Dichter vor-führe, den Pater Fritz Esser (in Kopenhagen ). Seinerwundersamen DichtungBlüthen der Marienminne"zollt der protestantische Pfarrer N. Weitbrecht lobendeAnerkennung mit Worten, die freilich seinen Standpunktnicht völlig verleugnen:Eine besondere Vorliebe könnenwir dl^en Marienliedern eines Jesuiten nicht entgegen-bringen; aber das soll unser Urtheil nicht beeinflussen.Auf was es ankommt, ist doch in erster Linie die poetischeBewältigung des Stoffes, und diese ist Esser im ganzengelungen. Seine Gedichte sind von einer bemerkens-werthen Vielseitigkeit in Verwerthung des einförmigen (?)Stoffes; und auch hier zeigt sich, wie viele Register einDichter besitzt, selbst wenn es sich immer um einenGrundton handelt, sobald seine Seele, nicht bloß seinKopf oder seine Feder, von etwas ergriffen ist." DerRecensent sagt dann dem BucheAuflage um Auflage"voraus und äußert weiterhin: aus Esser'sMarien-minne" werde nochmanch sangbares Lied durch daskatholische Deutschland tönen". Der protestantische Re-censent scheint sich denn auch wirklich als guter Prophetzu bewähren, denn nach kurzer Zeit schon wurde einezweite Auflage nöthig, und auch Componisten suchen anden poesievollen Liedern ihr Talent zu erproben.

Wer ein Liedlein weiß zu singen,

So ein Licdlcin frisch und bcitcr,

O! der laß es sroh erklingenUnd wer'S hört, der sing' es weiter!"

Der Dichter, der uns mit diesen leichten und ge-fälligen Versen alsogleich gefangen nimmt, ist abermalsein Jesuit, k. Ambras Schupp (in Porto Alegre ,Brasilien ). Man ist vielleicht versucht, zu glauben, dieseDichter sängen nur von Gott, vom Himmel und denEngeln, aber das ist weit gefehlt, gar finnig schlingensie in ihre Lieder Blumen hinein, die auch die lustigenWeltkinder sich gerne an den Busen stecken. GleichUhland und Weber singen sievon allem Hohen, wasMenschenbrust durchbebt, von allem Süßen, was Menschen-herz erhebt".

Ein echtes Kind der rothen Erde, anmuthend wieeine Blüthe westfälischer Heide ist die DichterinFerdinande Freiin von Bracke!, die Tochtereines der angesehensten Geschlechter des Landes, dererauf Welda . (Die Dichterin ist geboren a« 24. Nov.1835.) Als die beliebteste Novellistin und Roman-dichterin der Gegenwart ist sie berühmt geworden. Wiedie Zahl der Auflagen genügend darthut, kann manihre Romane zweimal und öfters lesen, eS sei hier nurerinnert an die schöneDaniella" und anDie Tochterdes Kunstreiters" mit ihrem Frühlingshauch und Veilchen-duft. Ferdinande Freiin von Bracke! ist eine dichtendeFrauengestalt gleich Annette von Droste-Hülshosi undEmilie Ringseis nach den Worten der heiligen Schrift:Kraft und Huld sind ihr Gewand, ihr Mund öffnetsich der Weisheit, und das Gesetz der Milde schwebt aufihren Lippen."Schiller's Mondschein-Amalien undLimonaden-Luisen, diese Kunstfiguren kennt Bracke! nicht",meint Alfred Muth mit reizendem Humor. Eine Wald-