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drossel, singt sie im Schatten der Heidelinde mit einemüberreichen Herzen, aber männlichem Geiste. Im Frühling,wenn der Himmel sich klärt und die Sonne das bleicheLeichentuch des Winters von Dächern und Flüssen hebt,fängt sie frohgemuth zu singen an:
Böget singen, neues Leben,
Frisches Grün an Blatt und Baum:
Für die Böget neue Lieder,
Für das Herz ein neuer Traum!
Dann folgt wieder ein Lied von Nosengehegen,fröhlichem Spiel und blumiger Heide, von Maiabendrothund Nachtigallcnlauten. Kriege und Siege des Vater-landes haben ihr auch vaterländische Weisen entlockt.In der Epik erkennen wir ihr den Preis zu; die Lieb-lichkeit ihrer Legenden ist wunderbar. Form und Inhaltsind knapp, zuweilen sprunghaft, oft ganz nach Art desVolksliedes. Alles zeigt Reichthum der Sprache, Fülleder Gedanken, Alles ist fein und erlesen, so daß wirglauben möchten, auch hier gelte, was der AltmeisterGoethe artig vorn holden Geschlechte preist:
„Willst du genau erfahren was sich ziemt»
So frage nur bei edlen Frauen an!"
Eine mehrfach hervorgetrctene, voriheilhaft bekannteDichterin ist Thekla Schneider , eine gemüthvolle,liebenswürdige Schwäbin (geb. 1854 zu Navensburg,lebt jetzt in Friedrichshafen ). Unter die Dichterinnen hatsie sich eingereiht durch ihre „Wellen vom Bodensee ".Von ihnen sagt Brugier: Unwillkürlich wird man beimLesen derselben an das Lob erinnert, das Platen denPoesien der schwäbischen Schule mit den Worten spendete:„Von Stuttgart her dringt ein gemüthlicher Ton zartfühlender, heimlicher Lieder." Ja, so ein Gedichtchen,wie „Prälat und Opernsängerin", ist ein zu köstlich Dingschwäbischen Humors, als daß es an dieser Stelle demfreundlichen Lescpublikum vorenthalten werden dürfte.Manche schöne Leserin wird wie stolz ihr hübsches Köpfchenin den weißen Nacken werfen, wenn sie die gefeierteSängerin vom greisen Prälaten beschämt und besiegtsehen muß. Ein romantisches Begebniß nämlich, das derrühmlichst bekannte Dichter Karl Gerok zu Stuttgart ge-habt haben soll, hat Thekla Schneider in neckische Reimegebracht. Auf dem Philosophcnpfade kommt sinnend derPrälat, indeß eine bekannte Stuttgarter Sängerin aufdem Seitenwege dahcrschreitet. Plötzlich fing es an zutröpfeln, es regnet stärker, und der Herr Prälat trittherbei, die Sängerin zu beschirmen. Keines kennt dasandere. Sie wandeln in freundlichem Gespräch vor derDame Haus, und dort rückt der Herr Prälat mit derFarbe heraus:
.... „Dorf ich'S wagen.
Nach dem Namen Sie zu fragen?"
Und das rasche MusenlindSchnell auf Antwort sich besinnt:
„Aus der Frage kann ich i'ch'n,
Dah sie nie zur Oper geh'«;
Als die erste SängerinJedermann bekannt ich bin.
Nun ist's wohl an mir, zu fragen,
Und ich bitte Sie zu sagen.
Wer mir unterm Schirm soeben
Gütig daö Geleit gegeben?-*
„AuS der Frage kann ich seh'n,
Daß Sie nie zur Kirche geh'n;
Alle Frommen kennen mich,
Denn der Herr Prälat bin ich!"
Das ist eine farbenprächtige Blüthe schwäbischer Ge-müthlichkeit, dieses reizende Gedichtchen! Auch in derEpik versuchte sie sich mit Glück. Ihre epische Dichtung
„Aus alten Tagen" ist ein gar ansprechendes, sinnig ge-müthvolles Werk. „Es ist" — wie ein Landsmann derDichterin sagt — „ein duftiger, zarter Traum aus demHerzensleben des vielbesungenen Konradin, was dieDichterin uns bietet, geträumt auf der heimathlichenErde." (Brugier.) „Frau Wendelgard" ist ein romant-isches Epos, das an die Schlacht auf dem Lechfelde an-knüpft. Die Dichterin verfügt darin über einen reichenpoetischen Bilderschmuck, spricht wie die liebenswürdigeLuise Hensel in fromminniger, keuschminniger Weise zumHerzen, kurz ihre Muse zieren alle jene Eigenschaften,die ihre Dichtung jeder christlichen Familie, besondersFrauen und Mädchen, lieb und werth machen müssen.
Eine eigenartige, leider seit Jahren erblindeteDichterin ist Margaretha Mirbach (geboren am5. August 1852 zu Königswinter a. Nh.). Als eineTochter des Rheins, in dessen grünen Fluthen die Sagerauscht, ist sie eine entzückende Märchendichterin. IhreLieder und Gedichte sind überaus zart und wohlthuend,so tief sprudelnd und unendlich erquickend, sie legen unsden Schlüssel zu einem reichen und edlen Herzen in dieHand, kindliche Unschuld und fromme Sehnsucht fließenzur Grundstimmung in einander, darüber lacht gleich; heiterem Sonnenschein am blauen Himmel allerliebsterFrohsinn, der nicht selten die Dichterin als rheinländischeSchelmin verräth. Mit feinem Scherz, mit einem Witz,in Seidenfaden ausgesponnen, neckt sie den Leser, wobei,wie ein altes gutes Wort sagt, einem das Herz iml Leibe lacht.
! Ein Schüler Simrock's ist der in der Literatnrkunde! weithin bekannte Dr. Wilhelm Reuter, Seminar-^ lehrer zu Münstermaifeld , Nheinprovinz. In „Palmen^ und Oliven", „Sang und Sage", „Garben und Farben"
/ quillt zumeist freudehell der Dichterquell. Reuter ist einr bemerkenswerthes Talent auch auf dem Gebiete der Bal-' lade und Romanze. „Was ein Waldbruder sang" sindPerlen didaktischer Poesie.
Wie kalter Schauer überläuft es vielleicht manchenWest- und Südländer, wenn ich in die Reihe unsererzeitgenössischen Dichter einen Ostpreußen eintreten lasse:Julius Pohl (geb. am 13. Juli 1830 zu Frauen-! bürg), jetzt Domherr in seiner Vaterstadt, Ermlandsbischöflicher Residenz, die so idyllisch gelegen ist „an des* Haffes Saum, wo Wellen rauschen in den Traum".
I Werke, die den Dichter mit einem Schlage den bestenSängern unseres Jahrhunderts an die Seite stellen,sind „Jubelgold" und „Bernsteinperlen". „Jubel-gold", Kränze um die Tiara, ist ein Weihegeschenkzum goldenen Bischofsjubiläum unseres glorreich re-gierenden Papstes Leo XIII. ; in wenigen Wochen schonwurde eine zweite Auflage nothwendig. Wenn „Jubel-gold" mehr ein Preisgesang auf die himmlische Heimathist, so sind „Bernsteinperlen" ein Preislied auf dasirdische Vaterland; nach neuester Ausgabe zerfällt dasBuch, dessen Widmung der deutsche Kaiser huldvollst ent-gegengenommen hat, in die zwei Haupttheile: „Vaterlandund Königshaus" und „Mein Ermland". Das töntmarkig und kräftig, wenn er die Saiten anschlägt:
„Dem Kaiser unentwegt das Seine,
Doch auch das Seine Gott dem Herrn:
So reih'n zum innigen VereineSich alle deutschen Stämme gern!
Das walte Gott , du Volk von Brüdern,
Dann ist dein gold'ner Morgen da!
Dann jubelt in den schönsten LiedernDie Welt dir Preis, Germania !"