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achten konnte , bewogen , HypnotismuS in seiner Londoner
Praxis anzuwenden , und versuchte nun auch die Menge
von Gewohnheitstrinkern unter seinen Patienten auf hyp¬
notischen ! und suggestivem Wege zu heilen . Jedoch ent¬
sprachen seine Erfolge nicht seiner Erwartung . Dieselben
waren nur dann von Dauer , wenn der Patient wenigstens
mit seinem guten Willen die Behandlung unterstützte .
Trotzdem hofft er , daß die Suggestion , in Verbindung
mit sonstigen Heilsmitteln , in Zukunft als ein wichtiger
Heilungsfaktor für Gewohnheitstrinker betrachtet werden
würde . ( 2 )
Wir hätten noch verschiedene hochinteressante Vortrage
eingehender zu besprechen , in welchen hervorragende Ge¬
lehrte einzelne Punkte ihrer Forschungen dem Congresse
vorlegten . Jedoch gebietet uns die Fülle des Materiales ,
uns möglichst kurz zu fassen .
Dr . Falk - Schupp ( Bad Soden ) sucht das Problem
der suggestiven Anästhesie , vielfach im Gegensatz zu der
Nancyer Schule , zu beleuchten . Zur Erzeugung der
suggestiven Anästhesie empfiehlt er die „ egoistische Methode " ,
einleitbar durch Narcotica und durch Rnpidothmung . Die¬
selbe entspricht seiner Ansicht nach den Anforderungen all¬
gemeiner Verwendbarkeit , erfordert kurze Zeit und ist ge¬
fahrlos .
Dr . Erocq fils , der Chefredacteur deS „ Journal äs
uLuroIoZia stästi ^ pnoloZis " erklärte in längerem Vortrage
den Zustand der Sensibilität und der intellektuellen Funk¬
ionen bei den Hypnotisirten . Wir entnehmen demselben
vorerst die Unterscheidung zwischen somnambulen und
süvmarribuloidcn Zuständen mit Bezug auf die Aufhebung
der Schmerzgefühle . Der Nachweis , daß in den ersten
Stadien der Hypnose das Schmerzgefühl theilweise noch
^ xtstiren kann , dürfte vielleicht auch auf die viclnmstrittene
Selbsthypnotisirung des indischen Jogi während des Kon¬
gresses Licht warfen . Bei ihm war , wie wir uns selbst
überzeugten , manchmal die Anästhesie nicht vollkommen
und man sprach deßhalb schon von Simulation , während
die Annahme , daß bei ihm nur ein sownambuloider Zu¬
stand ( unvollständige Hypnose ) eintrete , eine Erklärung
, eicht ermöglich ! hat . — Durch Suggestion kann , wie
der Redner des Weiteren ausführte , die Sensibilität ver¬
schiedenartig modificirt , vermehrt oder vermindert werden .
Was die intellektuellen Funktionen anbelangt , so be¬
antwortet er die Frage , ob daS Gedächtniß an die intra -
hypnotischen Vorgänge nach der Hypnose noch existire ,
mit Bezug auf obige Unterscheidung zwischen somnam¬
bul . nden und somnambulen Zuständen ; nach ersteren tritt
die Erinnerung ein , nach letzteren meist nicht . Durch
Suggestion während der Hypnose kann das Gedächtniß
bedeutend gesteigert , dagegen wohl kaum heraögeschwächt
werden . Trotz Verbotes des Hypnotiseurs kann in ge¬
wissen Fällen eine Versuchsperson sich im Wach - oder
Schlaszustandc an die Vorgänge während der Hypnose
erinnern , was in medizinisch - juristischer Hinsicht von
großer Wichtigkeit ist . — In der Hypnose ruhen , falls
keine Suggestion angewandt wird , angeblich , nach der
Meinung des Redners , die intellektuellen Fähigkeiten .
Daß diese Ansicht falsch ist , geht aus den Beobachtungen
vieler der neueren Forscher hervor ; im Gegentheile zeigt
sich vielfach Erhöhung des Intellekts , worauf ja auch das
intrahypnotische Phänomen der siainvo ^ anss hindeutet .
Merkwürdig sind die Behauptungen , die Dr . Paul
Sollier ( Paris ) in seinem Vortrage über Sensibilität und
Persönlichkeit ( Lsrwibiiits ab ksrsvnalits ) aufstellte . Er
geht von der Annahme aus , daß Störungen der Sensi¬
bilität auch Störungen der „ Persönlichkeit " hervorrufen ,
während auf diese wieder sämmtliche Formen der Geistes¬
krankheiten zurückzuführen sind . Man könne experimentell
die „ Persönlichkeit " verändern , indem man den Zustand
der Sensibilität einer Versuchsperson verändert . Er habe
auf dem Medicinercongreß in Rom i . I . 1894 gezeigt ,
daß die Hysteriker mit totaler Anästhesie nur „ Vigilam -
bule " wären , die man erwecken müßte , um sie zu heilen .
Dieses Erwecken führe eine Rückkehr der Sensibilität
herbei und zugleich komme die Versuchsperson in den
Persönlichkeitszustand zurück , in dem sie war , als die
Anästhesie eintrat . Sie glaubt , daß sie so alt sei , als
sie damals war . In dem Maße , in dem die Sensibilität
wiederkehrt , modificirt sich die „ Persönlichkeit " der Ver¬
suchsperson und sie macht wieder alle Phasen ihrer
Existenz durch , in denen man sie zurückhalten kaun , wenn
man die Rückkehr der Sensibilität suspendirt . So habe
er eine Versuchsperson willkürlich in die Zustände ihrer
„ früheren Persönlichkeit " zurückführen können , indem er
die allgemeine Sensibilität modifictrte . Er gedenkt über
diese seine Beobachtungen demnächst ein größeres Werk
zu publiciren . Man wird durch diese Behauptungen an
die bekannten vielumstrittenen Experimente Krafft - Ebings
erinnert .
In der letzten allgemeinen Sitzung des CongresseS
hielt Dr . Pierre Janet ( Paris ) einen Vortrag über den
somnambulen Einfluß und die Nothwendigkeit der Leitung
( I/müusnss somnambulikzus st Is bssoin äs äirseticm ) .
Wir wollen das Hauptsächlichste der Ausführungen dieses
Forschers hier an dieser Stelle kurz wiedergeben . Er
weist darauf hin , wie schwierig es erscheinen müsse , die
psychologischen höheren Phänomene und besonders die
socialen Gefühle experimentell zu studiren . Es sei jedoch
nachweisbar , daß man in gewissen Fällen künstlich solche
Gefühle hervorrufen und die Bedingungen ihrer Ent¬
wicklung erforschen könne . Man könne dies z . B . thun ,
indem man den Einfluß des Hypnotiseurs auf die Ver¬
suchspersonen selbst während der Zeit zwischen den som¬
nambulen Zuständen in Betracht zieht . Derselbe sei
früher unter dem Namen „ Magnetischer Rapport " be¬
kannt gewesen . Dieser verlängere sich speciell bei den
Hysterischen für einige Zeit nach der Hypnose . Der Zeit¬
raum , der zwei aufeinander folgende Hypnosen trenne ,
könne , wie er erklärt , in zwei Theile zerlegt werden .
Im ersten derselben ist die Versuchsperson wesentlich
bester und fühlt sich intelligenter , glücklicher , thatkräftiger ;
sie denkt wenig an den Hypnotiseur , den sie nicht nöthig
hat . Im zweiten , der Periode des somnambulen Leidens ,
wird sie wieder von verschiedenartigen nervösen Anfällen
gequält , verliert ihre intellektuellen und moralischen Kräfte ,
verfällt in einen Zustand psychischer Depression und em¬
pfindet ein immer mehr wachsendes Verlangen nach ihrem
Hypnotiseur , das sich oft leidenschaftlich äußert . — Ist
die Dauer des Einflusses sehr kurz , so müssen die Kranken
sehr oft eingeschläfert werden und ihre Behandlung wird
sehr schwierig . Kann man aber die Perioden des Ein¬
flusses verlängern , besonders die erste derselben , so kann
man durch eine Art Erziehung zur vollständigen Heilung
der Kranken gelangen . Merkwürdig ist die Art , in welcher
sich die Gefühle der Kranken für den Hypnotiseur äußerten ,
nämlich theils als leidenschaftliche Liebe , theils als aber¬
gläubische Furcht , Verehrung oder Eifersucht . Einige
derselben nehmen leicht den domintrenden Einfluß an ,
andere sind im beständigen Kampfe gegen denselben .
Der suggestiv eingegebene Gedanke des Hypnotiseurs