Ausgabe 
(4.9.1896) 36
 
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achten konnte, bewogen, HypnotismuS in seiner Londoner Praxis anzuwenden, und versuchte nun auch die Mengevon Gewohnheitstrinkern unter seinen Patienten auf hyp-notischen! und suggestivem Wege zu heilen. Jedoch ent-sprachen seine Erfolge nicht seiner Erwartung. Dieselbenwaren nur dann von Dauer, wenn der Patient wenigstensmit seinem guten Willen die Behandlung unterstützte.Trotzdem hofft er, daß die Suggestion, in Verbindungmit sonstigen Heilsmitteln, in Zukunft als ein wichtigerHeilungsfaktor für Gewohnheitstrinker betrachtet werdenwürde. (2)

Wir hätten noch verschiedene hochinteressante Vortrageeingehender zu besprechen, in welchen hervorragende Ge-lehrte einzelne Punkte ihrer Forschungen dem Congressevorlegten. Jedoch gebietet uns die Fülle des Materiales,uns möglichst kurz zu fassen.

Dr. Falk-Schupp (Bad Soden ) sucht das Problemder suggestiven Anästhesie, vielfach im Gegensatz zu derNancyer Schule, zu beleuchten. Zur Erzeugung dersuggestiven Anästhesie empfiehlt er dieegoistische Methode",einleitbar durch Narcotica und durch Rnpidothmung. Die-selbe entspricht seiner Ansicht nach den Anforderungen all-gemeiner Verwendbarkeit, erfordert kurze Zeit und ist ge-fahrlos.

Dr. Erocq fils, der Chefredacteur deSJournal äsuLuroIoZia stästi^pnoloZis" erklärte in längerem Vortrageden Zustand der Sensibilität und der intellektuellen Funk-ionen bei den Hypnotisirten. Wir entnehmen demselbenvorerst die Unterscheidung zwischen somnambulen undsüvmarribuloidcn Zuständen mit Bezug auf die Aufhebungder Schmerzgefühle. Der Nachweis, daß in den erstenStadien der Hypnose das Schmerzgefühl theilweise noch^xtstiren kann, dürfte vielleicht auch auf die viclnmstritteneSelbsthypnotisirung des indischen Jogi während des Kon-gresses Licht warfen. Bei ihm war, wie wir uns selbstüberzeugten, manchmal die Anästhesie nicht vollkommenund man sprach deßhalb schon von Simulation, währenddie Annahme, daß bei ihm nur ein sownambuloider Zu-stand (unvollständige Hypnose) eintrete, eine Erklärung,eicht ermöglich! hat. Durch Suggestion kann, wieder Redner des Weiteren ausführte, die Sensibilität ver-schiedenartig modificirt, vermehrt oder vermindert werden.Was die intellektuellen Funktionen anbelangt, so be-antwortet er die Frage, ob daS Gedächtniß an die intra-hypnotischen Vorgänge nach der Hypnose noch existire,mit Bezug auf obige Unterscheidung zwischen somnam-bul.nden und somnambulen Zuständen; nach ersteren trittdie Erinnerung ein, nach letzteren meist nicht. DurchSuggestion während der Hypnose kann das Gedächtnißbedeutend gesteigert, dagegen wohl kaum heraögeschwächtwerden. Trotz Verbotes des Hypnotiseurs kann in ge-wissen Fällen eine Versuchsperson sich im Wach- oderSchlaszustandc an die Vorgänge während der Hypnoseerinnern, was in medizinisch-juristischer Hinsicht vongroßer Wichtigkeit ist. In der Hypnose ruhen, fallskeine Suggestion angewandt wird, angeblich, nach derMeinung des Redners, die intellektuellen Fähigkeiten.Daß diese Ansicht falsch ist, geht aus den Beobachtungenvieler der neueren Forscher hervor; im Gegentheile zeigtsich vielfach Erhöhung des Intellekts, worauf ja auch dasintrahypnotische Phänomen der siainvo^anss hindeutet.

Merkwürdig sind die Behauptungen, die Dr. PaulSollier (Paris ) in seinem Vortrage über Sensibilität undPersönlichkeit (Lsrwibiiits ab ksrsvnalits) aufstellte. Ergeht von der Annahme aus, daß Störungen der Sensi-

bilität auch Störungen derPersönlichkeit" hervorrufen,während auf diese wieder sämmtliche Formen der Geistes-krankheiten zurückzuführen sind. Man könne experimentelldiePersönlichkeit" verändern, indem man den Zustandder Sensibilität einer Versuchsperson verändert. Er habeauf dem Medicinercongreß in Rom i. I. 1894 gezeigt,daß die Hysteriker mit totaler Anästhesie nurVigilam-bule" wären, die man erwecken müßte, um sie zu heilen.Dieses Erwecken führe eine Rückkehr der Sensibilitätherbei und zugleich komme die Versuchsperson in denPersönlichkeitszustand zurück, in dem sie war, als dieAnästhesie eintrat. Sie glaubt, daß sie so alt sei, alssie damals war. In dem Maße, in dem die Sensibilitätwiederkehrt, modificirt sich diePersönlichkeit" der Ver-suchsperson und sie macht wieder alle Phasen ihrerExistenz durch, in denen man sie zurückhalten kaun, wennman die Rückkehr der Sensibilität suspendirt. So habeer eine Versuchsperson willkürlich in die Zustände ihrerfrüheren Persönlichkeit" zurückführen können, indem erdie allgemeine Sensibilität modifictrte. Er gedenkt überdiese seine Beobachtungen demnächst ein größeres Werkzu publiciren. Man wird durch diese Behauptungen andie bekannten vielumstrittenen Experimente Krafft-Ebings erinnert.

In der letzten allgemeinen Sitzung des CongresseShielt Dr. Pierre Janet (Paris ) einen Vortrag über densomnambulen Einfluß und die Nothwendigkeit der Leitung(I/müusnss somnambulikzus st Is bssoin äs äirseticm).Wir wollen das Hauptsächlichste der Ausführungen diesesForschers hier an dieser Stelle kurz wiedergeben. Erweist darauf hin, wie schwierig es erscheinen müsse, diepsychologischen höheren Phänomene und besonders diesocialen Gefühle experimentell zu studiren. Es sei jedochnachweisbar, daß man in gewissen Fällen künstlich solcheGefühle hervorrufen und die Bedingungen ihrer Ent-wicklung erforschen könne. Man könne dies z. B. thun,indem man den Einfluß des Hypnotiseurs auf die Ver-suchspersonen selbst während der Zeit zwischen den som-nambulen Zuständen in Betracht zieht. Derselbe seifrüher unter dem NamenMagnetischer Rapport" be-kannt gewesen. Dieser verlängere sich speciell bei denHysterischen für einige Zeit nach der Hypnose. Der Zeit-raum, der zwei aufeinander folgende Hypnosen trenne,könne, wie er erklärt, in zwei Theile zerlegt werden.Im ersten derselben ist die Versuchsperson wesentlichbester und fühlt sich intelligenter, glücklicher, thatkräftiger;sie denkt wenig an den Hypnotiseur, den sie nicht nöthighat. Im zweiten, der Periode des somnambulen Leidens,wird sie wieder von verschiedenartigen nervösen Anfällengequält, verliert ihre intellektuellen und moralischen Kräfte,verfällt in einen Zustand psychischer Depression und em-pfindet ein immer mehr wachsendes Verlangen nach ihremHypnotiseur, das sich oft leidenschaftlich äußert. Istdie Dauer des Einflusses sehr kurz, so müssen die Krankensehr oft eingeschläfert werden und ihre Behandlung wirdsehr schwierig. Kann man aber die Perioden des Ein-flusses verlängern, besonders die erste derselben, so kannman durch eine Art Erziehung zur vollständigen Heilungder Kranken gelangen. Merkwürdig ist die Art, in welchersich die Gefühle der Kranken für den Hypnotiseur äußerten,nämlich theils als leidenschaftliche Liebe, theils als aber-gläubische Furcht, Verehrung oder Eifersucht. Einigederselben nehmen leicht den domintrenden Einfluß an,andere sind im beständigen Kampfe gegen denselben.Der suggestiv eingegebene Gedanke des Hypnotiseurs