Ausgabe 
(4.9.1896) 36
 
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4. §ept. 1896.

Der dritte internationale Congreß für Psychologie.

Von Charles Saint-Paul.

(Fortsetzung.)

Es folgte nun eine Reihe höchst interessanter Vor-trage über das Gebiet der suggestiven und hypnotischenTherapie, welche vielfach von großer Wichtigkeit zur Auf-klärung verschiedener Fragen sein dürften. So berichteteder berühmte Psychotherapeut, Dr. Otto G. Wetterstrandaus Stockholm über seine Versuche mit künstlicher Ver-längerung des Schlafes, besonders bet der Behandlungder Hysterie. Er meint, daß man bei der Behandlungvieler Krankheiten bisher zu viel Gewicht auf die Sug-gestion und zu wenig auf den Schlaf selbst gelegt habe.Je tiefer der Schlaf ist, desto besser wirkt er auch seinerAnsicht nach ohne jede verbale Suggestion. In denFormen der Hysterie, welche vornehmlich durch psychischeStörungen charakterifirt werden, wirkt seiner Behauptungnach der tiefe Schlaf auf eine außerordentlich wohlthuendeWeise, und je länger dieser ungestört währen kann, d. h.wenn er während mehrerer Tage oder Wochen ununter-brochen anhält, möglichst ohne daß der Schlafende gewecktwird, desto besser wird die Wirkung sein. Die längsteZeit, welche Wetterstrand für den künstlich verlängertenSchlaf angewandt hat, ist etwas über 6 Wochen gewesen.Der Somnambulismus ist dabei, wie er glaubt, durch-aus nicht nothwendig, obgleich besonders Vortheilhaft.Jedoch muß der Schlafende immer im Rapport mit einerihm sympathischen Person stehen. Dr. Wetterstrand be-sprach eingehend einige von ihm geheilte Fälle schwersterHysterie und ermähnt alle Aerzte, welche mit solchen zuthun haben, seine Methode zu versuchen. Auf dieseErörterungen folgte eine rege Debatte, an welcher sichmehrere Aerzte, unter andern Dr. Großmann und Dr.Bonjour betheiligten. Ersterer meinte, der verlängerteSchlaf sei wohl in den allerseltensten Fällen möglich undsprach im allgemeinen der Suggestionstherapie das Wort,da Vorstellungskrankheiten am besten durch psychisch-suggestive Schulung, welche zum Zwecke die Anleitungzur Bildung richtiger Vorstellungen habe, durch Beein-flussung ideoplastischen Vermögens geheilt würden. Dr.Bonjour dagegen trat für Wetterstand ein und erzählteeinige seiner Erfahrungen, die für die Methode desersteren sprechen. Wir erwähnen gleich hier den Vor-trag dieses offenbar auf dem Gebiete der Suggestions-therapie sehr erfolgreich wirkenden Lausanner Arztes überDrsnvss nonvsllss äs l'inüusnss äu ps^slÜHns surl'vrZallisins«, in welchem er einige Fälle aus seinerPraxis zum besten gab, die so recht den Einfluß derSuggestion auf den Organismus beweisen, z. B. die Be-seitigung von Warzen (I) durch dieselbe. Wir machenalle unglücklichen Menschenkinder, deren Schönheit durchsolche beeinträchtigt sein sollte, besonders hierauf auf-merksam.

Der bekannte Arzt an der Salpstriäre in Paris ,Dr. August Voisin, sprach über seine Experimente in einemVortrage, betiteltsilruitsrusiib äs ssrtainss torinssä'alisnution insntuls pur tu sugAssticmEr unterscheidet, mit Bezug auf die Möglichkeit derHeilung, die verschiedenen Arten des Irrsinns, die durchdie Hallucinationen, den Verfolgungswahn, die Selbst-mordideen und sonstigen verschiedensten Wahnideen, diePerversion der Instinkte und den moralischen Wahnsinn

charakteristisch sind von der allgemeinen Paralyse und denapoplektischen Krankheiten. Bei ersteren ist die Hypnosetherapeutisch verwendbar, bei letzteren erfolglos.

Es wurden ferner noch verschiedene andere Vor-trüge über den therapeutischen Werth des Suggestionismnsund HypnotismuS gehalten. Dr. Heinrich Stadelmann (Saal a. d. Saale, Bayern ) lieferte einen BeitragzurTherapie der durch Vorstellung entstandenen Krankheiten",indem er unter anderm auch die Vergessenheitssuggestion,die psychologisch einer negativen Hallucination im Bereichedes Selbstbewußtseins gleichkommend, das occasionelleursächliche Moment der Erkrankung beseitigt und so dieHeilung bedingt, näher erörterte. In einem VortrageUeber das Verhältniß der psychischen Behandlung imWachzustände zur hypnotischen Therapie" gab Dr. EwaldHecker (Wiesbaden ) eine Uebersicht über die verschiedenenpsychischen Behandlungsmethoden, die sich von einanderlediglich durch die verschiedene Art unterscheiden, wie dieHemmung und Ausschaltung der gegen die Heilsuggestiongerichteten Gegenvorstellungen zu Stande kommt. Erzählt unter denselben auchFanatisches Vertrauen" mitHinweis aufReligiöse Wunder" undWunderdoktoren"auf und meint, daß es in diesem Falle die Hcilungs-vorstcllung selbst sei, die, von der gewaltigen Kraft desFanatismus getragen, jeden auf ihrem Wege liegendenWiderspruch schon im Keime erstickt und die Gedankenalle nach einer Richtung lenkt. Ein genaueres Studiumdes Kapitels derReligiösen Wunder" würde ihn viel-leicht zu der Ansicht führen, daß die so beliebte, moderneErklärung durch Autosuggestion denn doch nicht als zu-reichend betrachtet werden kann. Die hypnotische Thera-pie zeigt nun, wie er des weiteren klarlegte, in den ver-schiedenen Phasen der Hypnose nacheinander den WirknngS-modus der verschiedenen andern Methoden. Zur prakt-ischen Verwerthung bedient man sich am Vortheilhaftesteneiner Combination der verschiedenen Methoden, je nachder Individualität der Patienten und des Krankheitsfalles.

Einer der bedeutendsten hypnotischen Praktiker unterden Mitgliedern des Congresscs scheint uns Dr. I. Miln-Brauswcll aus London zu sein, der in mehreren Vor-trügen sehr wichtige Themata erörterte und wiederholt anden Debatten sich betheiligtc. In seinem VortrageLasssillustratives ob tlrs wsäioa-l auä surgisul valns obsixxuotis treatinsut" (Fälle, welche Ven medicinischenund chirurgischen Werth hypnotischer Behandlung darthun)gab er einen Bericht über eine Reihe von Operationen,die ihm unter hypnotischer Anästhesie gelungen sind, undsonstige erfolgreiche hypnotische Behandlung, indem erzugleich die Vortheile und Nachtheile derselben klarlegte.Bedeutungsvoll war auch sein zweiter Vortrng über densogenannten Automatismus Hypnotisirter (Ou tsis sc>-callsä autowatisin ob tlio li^puotiseä susifset). Erwies in demselben den Widerstand nach, den Somnam-bule gegen Suggestionen, und zwar auch gegen crimiuelleSuggestionen zeigen, indem er insbesondere einige Fälleaus seiner eigenen Praxis erörterte, und stellte abschließenddie Frage, ob man bei derartigen Thatsachen noch vonAutomatismus sprechen könne.

Ein wichtiges Thema behandelte Dr. Charles LloydTuckeh (London ), der über den Werth des HypnotismuSfür die Heilung des chronischen Alkoholismus sprach.Er wurde, wie er sagt, durch die Resultate, die er inDr. LiebeaultS Klinik in Nanctz, im Jyhre 1888 beob-