292
Gedankenlesen auf der Wahrnehmung feiner Ausdrucks-bewegungen beruhe, ergebe sich für die exakte Wissen-schaft die Aufgabe, diese Ausdrucksbewcgungen sichtbarund meßbar zu machen. Die Hände des lebendenMenschen machten ohne Betheiligung des Bewußtseinseine Menge solcher Ausdrucksbewegungen, und die Analysedieser Bewegungen müsse eine dreidimensionale in Bezugauf Druck, Stoß und seitliche Schwankung sein. DieUebertragung dieser Bewegungen (nach unten und oben,rechts und links, vorn und zurück) geschehe am bestendurch Hebel auf eine rotirende Trommel. Nach diesemPrincip hat nun Sommer seinen Apparat construirt, mitdem sich eine Menge feiner Ausdrucksbewegungen sichtbarmachen lassen. Hiemit, so meint er, sei der Anfangeines experimentcllen Studiums des Gedankenlesens ge-geben. Natürlich kann der Apparat für die Fälle, indenen es sich um Gedankenlesen aus der Entfernunghandeln soll, keine Erklärung bieten.
Don Wichtigkeit zur Klärung der Frage sind jeden-falls auch die Experimente, welche Dr. Liöbault vonNancy berichtet. Er hat seine Beobachtungen überMentalsuggestion an derselben Versuchsperson so ange-stellt, daß er verschiedene Zeitintervalle zwischen die ein-zelnen Experimente setzte. Sie haben insbesondere Bezugauf Bewegungssuggestionen und solche des Gesichtssinnes,die er entweder im Wachzustands oder im Schlaft derVersuchsperson beibrachte; im letzteren Falle wurden sieposthypnotifch rcalisirt. Er wollte noch keine voreiligenConclusionen aus seinen Beobachtungen ziehen.
Ganz besonders ist noch auf einen Vortrag des be-rühmten experimentalpsychologischen Forschers ProfessorSidgwick aus Cambridge (England ) hinzuweisen, welchereine Klarlegung von „Lxxkrimviits in Involuutar^'VVIüsxsrinA anci tlrsir LsurwA vn allegacl ca.863 okPllorrZtll - Prrmsftroiaee" (Experimente über unwill-kürliches Flüstern und seine Bedeutung für die an-geblichen Fälle von Gedankenübertragung) zum Themagewählt hatte. In einem Artikel der Wundt'schen„Philosophischen Studien" von Lehmann und Hansenin Kopenhagen war auf Experimente bezüglich des „un-willkürlichen Flüsterns" hingewiesen und der Versuch ge-macht worden, hiedurch einzelne Fälle der Gedanken-übertragung, die in den der „Lochet^
lorI^cluLuI Ii,686arolr" in London berichtet wurden, zuerklären. Diese Erklärung, so meint Pros. Sidgwick, sei nichtneu, sie sei schon in demselben Organ besprochen worden.Unmöglich könne dieselbe übrigens auf die Experimenteangewandt werden, in welchen der Agent und Percipientin verschiedenen Zimmern, durch größere Entfernungund geschlossene Thüre von einander getrennt, sich be-fanden und die Stellung des Percipienten im Zimmerwiederholt absichtlich gewechselt wurde.
Wir kommen nun noch auf einen hochinteressantenVortrag der Gattin des Professors Sidgwick über „Einestatistische Untersuchung bezüglich der Hallucinationen vongesunden Personen im Wachzustände" (On a staiistÜLaiinto Lsnsor^ HuUueinationZ axxvriönoecindils kUvaüa x>LN30N3 in ordinär^ Uealtst) zusprechen.
^ Im Jahre 1892 erstattete Professor Sidgwick aufdem zweiten internationalen Congreß einen provisorischenBericht, aber damals war keine Zeit vorhanden, dasganze Material vollständig zu prüfen. Ein vollständiger/Bericht (ca. 400 Seiten stgrk) wurde später, im Jahre
1894, von der kor k^effioal H63oarost (im
Uart XXVI Vol. X) ihrer „I'roosedinZ^' pnblicirt.Mrs. Sidgwick beschränkt sich darauf, einige Richtig-stellungen desselben vorzunehmen und dann die Frage,ob wirklich Telepathie (Telenergie, Fernwirken) als Ur-sache der Hallucinationen anzunehmen sei, näher zu er-örtern. Die Untersuchung hat, wie wir aus ihren Aus-führungen entnehmen, das Resultat ergeben, daß 17,000Personen antworteten, von denen je eine von 10 erklärte,daß sie glaube, eine „Hallucination " (bei einem Dritt-theil der Fälle mehr als eine) des Gesichtes, Gefühlsoder Gehörs im Wachzustände und ohne irgend welchekrankhafte Veranlagung zu Hallucinationen gehabt zuhaben. Die Antworten bezogen sich aber nur aufHallucinationen, an die man sich noch erinnern konnte;eine Prüfung der Daten erwies, daß viele vergessenworden sein mußten. Eine Prüfung der Fülle, die ausdem letzten Jahre resp. Vierteljahre und Monate be-richtet wurden, ließ darauf schließen, daß, um auf dieGesammtzahl der VisionShallucinationeu zu kommen, mandie berichtete Zahl mit einer zwischen 4 und 6'/z liegendenmultipliziren müsse.
Die Evidenz für Telepathie, die durch die Unter-suchung gegeben wird, hängt von der Coincidenz derHallucinationen mit äußeren Ereignissen, die offenbarmit ihnen zusammenhängen, ab. Solche Koincidenzenmüssen, so meint Mrs. Sidgwick, manchmal zufällig sein,und die Frage, welche die statistische Untersuchung be-antworten sollte, ist deßhalb: Gibt es mehr Koincidenzenmit sicherer Evidenz, als solche, bei denen der Zufalleine Rolle gespielt haben könnte? Zur Beantwortungsoll eine bestimmte Art von Coincidenz ausgewählt werden,deren Wahrscheinlichkeit calcnlirt werden kann. Die offen-bar am besten geeignete ist das Eintreten des Todeseiner Person an dem Tage, an welchem eine Erscheinungderselben gesehen wurde. Wie man dem Sterblichkeits-verhältniß entnehmen kann, ist die Möglichkeit, daß einePerson an einem bestimmten Tage sterben kann, 1 zu19,000. Das also ist auch die Ziffer für die Möglich-keit, daß sie an dem Tage sterben kann, an welchemihre Erscheinung gesehen wird, wenn kein Kausalzusammen-hang zwischen den beiden Ereignissen besteht. Es wirddabei das allgemeine Sterblichkeitsverhältniß in Betrachtgezogen, da das Alter der Personen, die in Betrachtkommen, zur Zeit des Todes ähnlich dem bei der Be-völkerung im allgemeinen ist. Wenn man aber die Zahlder Erscheinungen lebender Personen in der Statistik mitOVz für die eventuell vergessenen Fälle multiplizirt undmit der gewonnenen Zahl dann die Zahl derer vergleicht,die an dem Todestage sich ereigneten, — angenommen,daß letztere niemals vergessen werden, — so kann mandie Folgerung ziehen, daß ein Fall von Coincidenz auf65 trifft, was 292 mal der wahrscheinlichsten Zahl gleich-kommt. Die Zahl der Koincidenzen kann deßhalb nichtdurch Zufall erklärt werden, und da in einem Dritttheilder Fülle der Percipient die Krankheit der Sterbendennicht kannte und in einem andern Dritttheil nicht inAngst war, kann man auch folgern, daß diese Koincidenznicht dadurch erklärt werden kann, daß der Geist desPercipienten besonders mit dem Agenten sich beschäftigte.Selbst in den Fällen, in denen Angst vorhanden waroder vorhanden gewesen sein konnte, macht es die Dauerderselben, verglichen mit der Kürze des Zeitraumes zwischender Hallucination und dem Tode, unmöglich, alle Coinci-denzsälle der Angst allein zuzuschreiben. Mrs. Sidgwick