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glaubt deßhalb, daß die statistische Untersuchung dieHypothese der Telepathie nahelege.
Einen Gegner fand Mrs. Sidgwick in Dr. I> Bayer-Sjögren, Docent der Philosophie an der Universität Up-sala. Derselbe suchte in einem Vortrage verschiedeneGründe darzulegen, um die Frage, ob es möglich sei,durch eine internationale Hallucinationsstatistik einen Be-weis für die Existenz telepathischer Einwirkungen zu er-bringen, negativ zu beantworten. In der darauffolgen-den Debatte trat ihm besonders Pros. Charles Richet entgegen, der für die Wahrscheinlichkeit der Telepathiesprach, die Vorzüge der Untersuchung der Londoner Forscher hervorhob und darauf hinwies, wie nur einigein jeder Hinsicht unanfechtbare Fälle zu dem Schlüsseauf Telepathie berechtigen könnten. Es war in der Thatvon Interesse, die Debatte über dieses den Materialistenso peinliche Thema verfolgen zu können.
Schließlich sei noch auf den Vortrag des ProfessorsOr. Ferd. Lentner (Innsbruck ) über „die strafgesetzlichenBestimmungen zur Abwehr mißbräuchlicher Eingriffe indas Seelenleben" hingewiesen. Derselbe gab eine Ueber-sicht über die Gesetzgebung gegen Magnetismus und Hypno-tismus in Oesterreich , kennzeichnete besonders die Be-stimmungen, die in den Jahren 1794 und 1845 erlassenwurden, und erörterte, wie dieselben erst im Jahre 1880nach dem Streite um das Auftreten Hansens in Wien wieder in Erinnerung kamen. Er wies auf den be-kannten Fall Salomon in neuester Zeit hin, um die straf-gesctzlichen Bestimmungen, Prohibitionsverordnuugen gegendie Hypnose, den neuesten „hypnotischen Paragraphen" zurechtfertigen. Die Bestimmungen über die ärztliche Auf-sicht bei jeder Hypnose gaben zu einer energischen DebatteAnlaß, in welcher mehrere anwesende Fachmänner gegendieselbe Protest erhoben und den Wunsch äußerten, daßdie bisherigen Bestimmungen, die nur gegen die miß-bräuchliche Anwendung der Hypnose im allgemeinen wiegegen Kurpfuscherei gerichtet seien, in Kraft bleiben sollten.Ein französischer Arzt äußerte sich übrigens auch noch zuGunsten der nicht approbirten Hypnotiseure, da dieselbenmitunter bedeutendere Kenntniß des hypnotischen Gebietesbesäßen, als die Aerzte.
Es seien nun noch einige Vortrage aus der Sektion V(Vergleichende und pädagogische Psychologie) hervorgehoben.
Dr. Eduard Westermark (Helsingfors, Finnland )sprach über „Normative und psychologische Ethik" vomskeptischen Standpunkte aus. Diejenigen, welche die Ethikals eine Normwissenschaft betrachten, so erklärte er imVerlaufe seiner Ausführungen, fetzen voraus, daß einoberstes Moralprincip existirt. In diesem Punkte stimmendie theologische Ethik, der Jntuittonismus, der egoistischeHedonismus und der Militarismus mit einander überein.Die theologischen Moralphilosophen finden dieses erstePrincip in einer Urkunde gegeben, welche der göttlichenAutorität zugeschrieben wird; diejenigen aber, welche dieEthik auf natürliche — keine übernatürliche — Grund-lage basirt wissen wollen, müssen Geschichte und Ethno-graphie, Gesetzbücher und religiöse Urkunden, Poesie undKunst, sowie auch ihre eigenen Nechtsbegriffe und die-jenigen der Zeitgenossen auf's Genaueste durchforschen,um die Einsicht zu erwerben, welche Grundeigenschaft demsittlichen Bewußtsein als solchem, unabhängig von zu-fälligen Umstünden, wie Nasse, Geschlecht, Bildungsstufe,zukommen mag. Wenn dabei ein überall wiederkehrendesSittengesetz angetroffen wird, so mag man diesem dieselbeobjective Gilligkeit zuschreiben, welche den Satzungen der
Logik auf Grund ihrer Selbstevidenz zukommt; wennnicht, so muß die Hoffnung auf den Aufbau einerethischen Normwissenschaft aufgegeben werden (l). Aller-dings seien die Pfleger der Ethik nicht mit solcher Sorg-fälttgkeit zu Werke gegangen, und es sei trotz der Mannig-faltigkeit der Moralsysteme noch keine ethische Theorieaufgestellt worden, die auf einer genügend umfassendenUnterlage von Thatsachen geruht hätte; selbst die Mög-lichkeit einer normativen Wissenschaft sei noch immerunbewiesen.
Der Referent ist nun, wie er erörterte, seit mehrerenJahren damit beschäftigt, zu erforschen, was Menschenvon verschiedenen Nassen zu verschiedenen Zeiten für sitt-lich und unsittlich gehalten haben, um dadurch womöglicheine generelle Auffassung von dem Ursprung und derNatur des sittlichen Bewußtseins zu gewinnen. Die Ab-schließung seiner Untersuchung wird zwar noch einigeJahre in Anspruch nehmen, jedoch glaubt er jetzt schondie Behauptung riSkiren zu können, daß die Ueberein-stimmung zwischen den Nechtsbegriffen der verschiedenenIndividuen und Völker hauptsächlich nur formeller Naturist und darum nicht zum obersten Princip einer norma-tiven Ethik geeignet. Er verzweifelt jedoch nicht an derZukunft der Ethik, weil er als ihre erste Aufgabe be-trachtet, nicht die Gesetzgebung für das menschliche Handeln,sondern das Herausfinden der Gesetze, denen die ethischeAbschätzung der Handlungen thatsächlich folgt, also nichteine Normwissenschaft, sondern eine psychologische Disci-plin zu sein, deren Untersuchungsobject das sittliche Be-wußtsein in seinem ganzen Umfange ist. Der wissen-schaftliche Werth dieser psychologischen Ethik werde nichtdadurch bestimmt, ob ihre Resultate eine ethische Norm-wissenschaft ermöglichen oder nicht; sie mache sich ganzunabhängig von der Frage, ob es überhaupt etwas ob-jectivMttliches gibt. — Die „Ethische Gesellschaft" wirdwohl nicht versäumen, diesem ethischen Forscher eine be-sondere Auszeichnung für seine ihr so sympathischenAeußerungen zukommen zu lassen.
Bemerkenswerthes dürfte der Inhalt des Vortrnges«Ueber die psychologische Bildung des Pädagogen" vonDr. C. Andreü (Kaiserslautern ) bieten. Es handelt sich,so führte derselbe in längerer Rede aus, für den Päda-gogen nicht um psychologisches Wissen an sich, sondernum psychologische Bildung. Aber der Weg zu dieserführe nur durch jenes, und je schwieriger sich die praktischeAnwendung gestalte, um so weniger lasse sich jene theo-retische Unterlage entbehren, welche nur eine solide Be-schäftigung mit der Wissenschaft gewährt. Was den Er-werb der geforderten Bildung anbelangt, so sei Folgendesin Betracht zu ziehen. Je mehr der Unterricht in denMittelschulen pädagogisch wird, um so mehr gestaltet ersich von selbst zu einer Art von psychologischer Vorbe-reitung, zu welcher insbesondere auch die Lektüre derKlassiker unter Leitung eines psychologisch durchgebildetenLehrers einen bemerkenswerthen Beitrag liefern werde.Für den Pädagogen gehöre sodann ein Cursus in derPsychologie, Vertrautheit mit verschiedenen vom Rednergenauer gekennzeichneten Gebieten zur berufsmäßigen Aus-rüstung. So wenig aber der Mediziner ohne klinischeDemonstrationen und Versuche auszukommen vermag, sounmöglich sei die Ausbildung des Pädagogen ohne dieBeihilfe eines mit einer Schule verbundenen Seminars.Hier erst finde er ein Feld für methodische Beobachtungund damit Gelegenheit, die mannigfachen theoretischenKenntnisse Praktisch Mssig zu machen. Erst wenn. alle?