pädagogische Thun und Lassen psychologisch begründetwerde, wenn die Individuen in ihrer Eigenart, mit ihrenFehlern und Gebrechen, ihren wechselnden Interessen, inihrem moralischen Gesammthabitus Veranlassung zu psycho-logischen Ueberlegungen geben — wird das psychologischeWissen allmählig zur psychologischen Bildung führen.Wenn nur in der Praxis die Vorschläge ohne Schwierig-keit, auch von Seite gewisser pädagogischer Kreise, durch-geführt werden können und alle daS gleiche Verlangennach dieser psychologischen Vertiefung kundgeben (l).
Kurz erwähnen wir die Vortrüge von W. Preyer (Wiesbaden) und Rector Chr. Ufer (Altenburg ) überGraphologie. Ersterer, der Verfasser der bekannten imVorjahre erschienenen Schrift „Psychologie des Schreibens",hielt einen Vortrag über „die Individualität in der Hand-schrift". Die Thatsache, daß durch die Analyse einercharakteristischen Handschrift manche psychische Eigenthüm-lichkeit erkannt werden kann, steht, wie er ausführte, fest.Die inconstanten „Stimwuugsmerkmale" der Handschrifterfordern umfassendere statistische Vergleiche, als die„Dauermerkmale". Die Veränderungen der Handschrifteines und desselben Menschen je nach dem Lebensalterkonnte Redner für vier bis sechs Jahrzehnte in Briefennachweisen und fand sie übereinstimmend mit Veränder-ungen der psychischen Individualität. Um zu erforschen,ob durch mangelhafte Beherrschung der Hand und desArmeS die Handschrift bezüglich der allein psychologischin Betracht kommenden Merkmale, also in ihrem Wesenverändert werde, stellte Preyer Vergleiche zwischen denBuchstaben der an Schreibkrampf Leidenden und ihrenSchriftzeichen nach ihrer Heilung an. Er fand, daß dieindividuellen Charaktereigenschaften in der Schrift solcherLeidender stets erkennbar blieben. Da die Heilung nachder Methode des Specialisten Wolfs, aus dessen Samm-lung die Proben Prcyers stammen, in einigen Wochenerfolgt, glaubt Professor Preyer , daß die Störungen derSchreibbewegung während des Krampfes nicht vom Ge-hirn ausgehen, sondern peripherisch sind. — Der VortragUfers lieferte in gewisser Hinsicht eine Ergänzung undBerichtigung der Erörterungen des Vorredners. Er wiesnach, daß, obwohl die Schrift der Schulkinder nachPreyer zu den künstlichen Handschriften gehört, sich dochnach seiner Beobachtung die Ansätze zu fast allen grapho-logisch wichtigen Unterscheidungsmerkmalen in derselbenzeigen und in nicht wenigen Fällen bereits stark ausge-bildet sind.
Abschließend wollen wir noch auf die Behandlungder Frage über den Werth des Hypnotismus und derSuggestion als pädagogische Hilfsmittel hinweisen. Fach-männer, wie Dr. Bsrillon, Dlrsstsur äs In Dovus äsl'liz'pnotisino (Paris), und Dr. Arie de Jong (Haag,Holland ), hatten hierüber dem Congresse interessantesMaterial vorgelegt. Von der Ansicht ausgehend, daßdie Suggestion im Allgemeinen der bedeutendste Faktorin der Erziehung des Individuums sei und Perversitätenin dem Charakter des Individuums in jenen Fällen, womoralische Idiotie (?) ausgeschlossen werden kann, Folgenvon unmoralischen Suggestionen oder von ungenügendenmoralischen Suggestionen sind(?), will man Suggestionenim hypnotischen Zustand als Mittel von unschätzbaremWerth für die Pädagogen hinstellen. Dr. Arie de Jong meint, daß in vielen Fällen dieselben durch sie im Standeseien, die schon zu Stande gekommenen Perversitäten desCharakters zu verbessern und die Weiterentwicklung der-selben zu verhüten. Selbst bei bestehender gülsrul In-
SLlritF« (!) könne durch die Suggestion im hypnotischenZustande ein hemmender Einfluß auf die perversen Neig-ungen und Handlungen ausgeübt werden. Bei derartigerBedeutung der hypnotischen Suggestion muß man sichwirklich wundern, weßhalb in Bildungs- und Corrections-anstalten noch so wenig Hypnotiseure angestellt sind, undmuß mit Gespanntheit der pädagogischen Entwicklungnach Einführung dieses so erfolgreichen Erziehungsmittelsentgegensehen.
Man wird finden, daß nicht alle während des Con-gresseS geäußerten Ansichten allgemeine Billigung findenkönnen und vielleicht auch über den Werth der Be-mühungen einzelner Mitglieder die Ansichten verschiedensein können. Im allgemeinen wird man aber nicht ohneInteresse den Arbeiten des nächsten Kongresses, der imJahre 1900 in Paris abgehalten werden soll, entgegen-sehen, der vielleicht in mancher Hinsicht Verbesserungeneiniger angedeuteter Mißstände versuchen wird.
„Ein Wort über die Schriften von HeinrichHanöjarvo."
(Fortsetzung.)
P. 8t. Indem wir zur Würdigung zunächst derjenigenWerke HanSjakobs übergehen, die gegenwärtig in Volksausgabeerscheinen, wird eS uns schwer, aus der reichen Fülle deSSchönen das Schönste auszuwählen. Beginnen wir mit demWerke „Aus meiner Jugendzeit" (Volksausgabe zugleichIII. Auflage) mit dem schönen Motto von Nückcrl:
AnS der Jugendzeit, aus der JugendzeitKlingt ein Lied mir immerdar;
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was einst mein war!
„Das irdische Paradies des Menschen ist die erste Jugend-zeit, das Eden, in welchem die Kindheit ihre „Augenblicke Gottes"feiert, die Heimath. Lue ist das Heiligrhum, auf dessen Bodendaö Kinderherz die seligsten Stunden gelebt und geträumt hat."Dies Paradies stand unserem verehrten Sclbstbicgraphcn in dembadischen Städtchen Hasläch (HaSlc), im schönen Kinzigthale.Die seligsten Stunden und unschuldigen Freuden deS Kindesim Eltcrnbause und bei de» Verwandten, bei Freunden undKameraden, bei Spiel und Fest, in Flur und Wald schildertnnS Hansjakob in seiner sinnigen und eckt dichterischen Weise.Zuerst gedenkt er liebevoll derer, die den meisten Einfluß aufseine Jugenderziehung hatten. Dankbar und gerührten Herzenserinnert er sich der Wohlthaten, die seine Eltern ihm erwiesen.In den Kinderhimmel gehört unbedingt eine Großmutter hinein,die als „Trösterin der Betrübten" und „Zuflucht der kleinenSünder und Sünderinnen" wie eine versöhnende Macht zwischenEltern und Kindern steht. Der Großmutter mit ihrem coternmoonsso: „Büble, sei an brav", daö zwar das Herz des kleinenHansjakob nicht so tief bewegte, wie der Anblick deS grcßmütter-lichen „Schnitztroges" mit gedörrten Achseln und Zwetschgenund Pflaumen, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Mit dank-barer Ehrfurcht und Liebe gedenkt Hansjakob der „Lencbas",des sichtbaren Schutzengels seiner Kindbett, die wie ci» Magnetden Kleinen anzog und in höchst pädagogischer Form die erstenBegriffe von Gott ihm beibrachte, indem sie an den Blumendes Feldes die Güte und Allmacht Gottes ibm zeigte. „DieseLehre der LenebaS hat in mir fester daS Goticöbcwnßtsein er-halten, als später alle philosophischen Beweise sür daS DaseinEottcS zusammen", gesteht Hansjakob. In kindlicher Be-geisterung schildert Hanssakob die Freuden des KindcS an ver-schiedenen kirchlichen Festen, und wir erwachsene Leser werdenselber mir Hansjalov wieder jung und freuen uns mit derjubelnden Kindcrschaar am Umzüge der bl. drei Könige mitdem Stern, von den Kleinen gespielt, an der herrlichen L-chil-dcrnng der Krippchcn in der Wcihnachtteit. am Frühliiigssesteder Kleinen, dem „Storchentage", am köstlich geschilderten Ehr-geiz der Knaben am Palimomttage uns an der Kräuterweihe, wojeder den höchsten Palnicnbüschel. den blühendsten Kräuter-büschel haben wollte. Manchmal kam eS in edlem Wettstreitezur förmlichen Paluicnscblacht, so energisch wehrte sich jederPalmträgcr für die nach der Höhe bemessene Ehre seiner