Ausgabe 
(11.9.1896) 37
 
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Palmen usw. usw. Doch auch der Ernst des Lebens schautschon ein BiSchen hinein in den lustigen Kindcrhimmel.

Ein Knabe gar viel lernen muß,

Bis aus ihm wird ein vominus.

(Boznmil Goltz.)

Wie humoristisch schildert Hanöjakob den ersten Eintrittdes Knaben in die Arena der Bildung:Schon Wochen vorderhat die Mutter ihm die ersten Waffen des Geistes gekauft: eineSchiefertafel, einen Sckwamm und ein gemaltes Federrohr fürden Griffel. Mit ziemlichem Verdacht und einigem süßsauremLächeln betrachtet der zukünftige Staatsbürger dieses Geräth.Kommt aber der Tag und die Stunde, da der Delinquent dcSlieben ScbulzwangeS vorgeführt werden soll, so rinnt die ersteherbe SchmcrzenSihräne des Lebens über die Wangen. DerKindergenius wcini; er weint, weil er seine bisher volle Herr-schaft theilen muß mit dem deutschen Schulmeister. Der Knabeverschmäht die dargereichten Waffen und wird trotzig, so daßschließlich nichts anderes übrig bleibt, als daß die Mutter dasSchulzcug in eine Hand nimmt, mit der anderen den weinen-den Erdcnsohn erfaßt und ihn seinem Schicksale entgegenführt."Manch Ernstes und Launiges lassen wir unangcsührt und be-gleiten den jungen Erdcnpilger zur Kirche. Nach dem Wortesimilis bimili tzauäod wird manch ein Leser, auch von denAlten, am jungen Hanöjakob Trost und Freude haben. EinUnterlehrcr in Haöle examinirte einmal einen achtjährigenSchüler auf sokratisch-hcuristischc Lchrweiie über die nothwendigeAusstattung des Kindes in der Kirche. So fragte er, auch nicktsehr geistreich:WaS hast du, wenn du in der Kirche bist?"Der Lehrer erwartete die Antwort:Ein Gebetbuch." DerKnabe aber sagte frischweg:Langeweile." HanSjakob sagt:Diese Worte entsprechen ganz den Erfahrungen meiner Jugend-zeit", und tadelt im Anschluß daran mit Neckt die lange Dauerdes Sonntaggotl-.'SdicnsteS vieler geistlicher Herren.Je längerdie Vrcdigt. um so kürzer der Erfolg."

Mit wundervollem Humor und lustigster Schalkhaftigkeitgeißelt Hansjakob die Thorheiten der 1846er Revolution, die inseine Kinderzeit hineinfiel. In den lebhaftesten Farben schildertHanöjakob. wie alles vom Geiste der Revolution wie hypnotisirtwar. Männlcin und Weiblein, Kinder und Greise, allesschwärmte in Haste für Freiheit und Gleichheit, für Demo-kratie und Umsturz, für Volksbewaffnung und Volksjustiz.Männiglick ließ sich einen Dollbart wachsen ä la Heckcr, demRechtSanwalt und Haupt: ädelSsührcr der badifchcn Revolution;man trug Hüte ä la Hecker und Hahnenfedern darauf, so daßbald lein Hahn seines schönen Gefieders mehr sicher war.Weiber wurden zuHyänen" und verlangten jedemFeindedes Vaterlandes" auf einemStrohschneidstuhl" den HalS ab-zuschneiden. Jungfrauen schwuren, nur einen solchen zu bei-rathen, der für die Freiheit die Waffen getragen usw. usw. DieSchulkinder erhielten vom Lehrer schwarz-roth-goldene Cocarden,die sie am unvermeidlichen Hcckerhute trugen, und sangen vordem Schulunterricht:

Hecker, Striwe, Zih und Blum" (Führer der Revo-lution in Baden),

Kommt und bringt die Preußen um!"

Die Knaben übten sich im Kampfe, wundervolle Schilderungder Knabenschlackt bei Schnellingcn, wo unser Hansjakob alsFähnrich das schwarz-rotb-goldene Banner, als die Phalanx derHaSlacber Knaben z» wanken begann, vor Schmach und Schanderettete, indem er sammt der Ebrengarde der Fahne in einenSchweinstall kroch. Ein folgendes Kapitel erzählt in liebens-würdigster Offenheit die inuihwilligen Streiche Hansjakobs.

In all diesem und andern', mannigfaltigen Stoff sind garmanche ernste Wahrheiten eingesteckten für Erzieher, Eltern,Lehrer und Geistliche, über den Umgang der .Kinder mit denDienstboten, über wahren und'falschen Humanismus, über dasrichtige Verhältniß des Menschen zu den Thieren usw.

Ich schließe mit den Worten:Willst du wieder ein Kindwerden im Geiste und in der Erinnerung, wenigstens für kurzeZeit, und an kindlich reinen Freuden dich laben, dann nimmund lies."Ist die Kindheit", so schreibt Fritz Reuter in denErinnerungen an seine Vaterstadt Stavenbagen,ein fröhliches,liebliches Wellengcwimmel, von GotieS Sonne vergoldet, so istdie Erinnerung daran der glänzendste Streif, den das durchdie Nackt fortarbcitendc Schiff in seiner Fahrt zurückläßt."

Dieses Werk Hansjakobs ist ganz vorzüglich für Scküler-und Jugcndbibliotheken wie geschaffen. Nichts darin beleidigtden kindlichen Sinn; es ist aus der Seele des Kindes heraus-gedackr und gefühlt und geschrieben. Wie in einem reichhaltigen,in den glänzendsten Farben strahlenden Bilderbuche sind mit

lebhaftester Phantasie und in anschaulichster Klarheit die Tageder Kindheit uns vor Augen geführt. Wenn wir bei Hans-jakob in der Kirche und in der Vorbereitung auf dengrößtenTag" im Kindcsleben, den ersten weißen Sonntag, etwas dieInnerlichkeit vermissen, so scheint das weniger auf sein eigenes,alS auf das Conto seiner Katecheten geschrieben werden zu müssen,von denen er sagte, daß sie in der L-chule nicht vielen Verkehrmit ihnen hatten.

Als Fortsetzung des BuchesAus meiner Kindheit" bietetsich uns die SchriftAnS meiner Studienzeit" dar,1894 in II. Auflage und demnächst in III. Auflage in derVolksausgabe erscheinend. Jahr und Tag lag sie druckfcrtig imSchreibtische Hansjakobs, allein es bedurfte deS wiederholtenDrängens guter Freunde, bis Hausjakob sich zur Veröffent-lichung entschloß. Den Grund des Zögcrns gab Hanöjakobselbst an: Wenn wir älter geworden, dann verfällt unser Lebendem Urtheile unsrer Mitmenschen. Da aber darf man auf allesandere eher hoffen, als auf Schonung. So wurde denn auchdieser Schrift eine ganz entgegengesetzte Beurtheilung zu Tbeil.Ein basischer Philologe nennt sie eines der schlechtesten Bücherunserer Zeit, warum? wird der freundliche Leser aus unseremnachfolgenden Referate über einige Collcgcn, vielleicht ihn selbst,erschließen können. Ein anderer Referent aber schreibt:DieSchrifr ist eine von denen, die mir ganze Bibliotheken aufwiegen,weil sie ursprüngliche Offenbarung eigenen, echten Seelenlebenssind. Mit einer Offenheit, die sich nur eine kerngesunde undedle Persönlichkeit erlauben kaun, erzählt da der Priester seineBildungSgeschichte."

Recensionen und Notizen.

Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie . Herausgegeben unter Mitwirkung von Fach-gelehrten von vr. Ernst Commer , o. ö. Professor ander Universität Brcslau . Padcrborn, Ferd. Schöningh,1896. XI. Band. 1. Heft.

A Inhalt: I. Das Porträt Savonarolas von FraBartolommeo . Phototypie. II. Handschreiben Sr. Eminenz deshochwürdigsten Herrn Cardinal-Fürstbischos K opp an den Heraus-geber. Facsimile. III. Ein Dccennium des Jahrbuchs. Rück-blick und Orientirung. Von KanonicnS Dr. Mich. Gloßncr inMünchen . IV. Die Schrift von Görard de Fracbct -VitasL'ratrnm 0. ?.«, eine noch unbenutzte Quelle zur Philosophie-geschichte des 13. Jahrhunderts. Von l)r. Thomas M. Wchofer»Orcl. kraeä., Professor am Oollogstum 8. Thomas äs Eros inRom. V. Die Grenzen der Staaisgewalt, mit besonderer Rück-sicht auf das staatliche Strafrecht. Von Dr. Nahmund Zastiera,Orll. Lraeä. in Wien . VI. Die unbefleckte Empfäugniß derGottesmutter und der hl. Thomas. Forts. Von L. Jos. a. L.,Orcl. 6ap. VII. Die Neu-Thomisicn. Von ?. lllaK. Idsol.Gundisalv Fcldncr, Orcl. kraeü., Prior in Lembcrg. VIII. Giro-lamo Savonarola. Vom Herausgeber. IX. Litcrarische Be-sprechungen rc. rc.

Kiesel und Krystall. Gedichte von Anton Müller(Bruder Willram). 2. vermehrte und verbesserte Auf-lage. Brixen , kathol. Preßvercin. 1896. 8°. 180 S.M. 1,80.

ES ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Sammlung nachJahresfrist schon die 2. Auflage erlebt. Der Verfasser, eintiroler Weltpriester, ist ein echter Dichter vom Hochwuchs derErlesenen, der uns zeigt, daß dem Vaterlande eines Walter vonder Vogelweide bis heute die Musen und Charitinnen bold-gesinnt geblieben sind. Manch harter Kiesel vom steinigen Pfaddes Erdenwallers, manch schimmernder Krystall, darin deSHimmels Bläue sich spiegelt! Frischer Waldesdnst, wie ihnder Bergwind traumschwer daberträgt: mögen an den kernigenLiedern dieser reingestimmten Harfe die Leser so erquicklich sichlaben, wie wir es gethan haben!

Dummermuth, k. 0. krasä.: voksnsio äootrinas 8. ThomasLquinatis äs xraemotious xhg-sioa, sen resxonsio?. Trius 8. I. karisiis, 1895, Iwthellisux.chj: Wem eS wirklich Ernst ist, Klarheit über die wahreLehre des Aqninaten zu bekommen, den verweisen wir,außer dem gründlichen ArtikelNcu-Thomisten" im Commer-schen Jahrbuch Bd. VIII, IX, X, XI, auf das vorliegende WerkdeS Dominikaner -Paters Dnmmermuth. ES bringt den deut-lichen Beweis, daß St. Thomas die Lehre des Molinakannte, aber en tjchieden verwarf. Vielleicht dürften manchenauch die Worte eines Besseren belehren, welche Papst Pins VIL,