Ausgabe 
(25.9.1896) 39
 
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Nr. 39

25. §ept. 1896.

* Die Streitfrage über die Giltigkeit der angli-kanischen Ordinationen

hat nunmehr (wie schon kurz erwähnt) eine apostolischeEntscheidung gefunden, und zwar in negativemSinne. Bei der Wichtigkeit dieser Entscheidung theilenwir den Wortlaut derselben, die sich der Form nach alspäpstliche Bulle darstellt, nachfolgend in der Uebersetzungdes WienerVaterland" mit:

Apostolisches SchreibenSeiner Heiligkeit Leo's XIII., durch die göttlicheVorsehung Papstes,über die anglicnnischen Grdinationen.

Leo, Bischof,

Diener der Diener Gottes.

Zum immerwährenden Gedächtnisse.

Keinen geringen Theil der Sorge und Liebe, ver-möge welcher Wirden großen Hirten der Schafe, unserenHerrn Jesus Christus" (Hebr . 13, 20) Unserem Amtegemäß, unter dem Antriebe seiner Gnade, nachzubildenund nachzuahmen Uns bestreben, widmen Wir der hoch-edlen englischen Nation. Insbesondere gibt Zeugniß vonUnserer Zuneigung zu ihr das Schreiben, das Wir imvorigen Jahre eigens gerichtet habenan die Engländer,die das Reich Christi in der Einheit des Glaubens suchen",in welchem Wir sowohl die einstige Verbindung diesesVolkes mit der Mutterkirche in Erinnerung brachten, alsauch dessen glückliche Wiedervereinigung durch Weckungdes Gebetseisers in den Gemüthern zu beschleunigensuchten. Und auch, als Wir vor nicht langer Zeit ineinem allgemeinen Schreiben über die Einheit der Kircheausführlich zu handeln erachteten, hatten Wir nicht anletzter Stelle England im Auge, indem Uns die Hoffnungschimmerte, es konnten Unsere Ausführungen sowohl denKatholiken Festigung, als auch den Dissidenten heilsameErleuchtung bringen. Und man muß gestehen, daß Unserfreimüthiges, durch keine menschliche Rücksicht veranlaßtesAuftreten von den Engländern wohlwollend aufgenommenworden ist, was deren edle Gesinnung wie die HeilsbegierdeVieler gleichermaßen bekundet. Jetzt aber haben Wirin derselben Absicht beschlossen, Uns mit einer Angelegen-heit von nicht geringerer Wichtigkeit zu befassen, die mitdemselben Gegenstände und mit Unseren Wünschen inZusammenhang steht. Da nämlich in England nachdessen Abfall vom Mittelpunkte der christlichen Einheitein völlig neuer Ritus chet Ertheilung der Weihen unterKönig Eduard VI. amtlich eingeführt wurde, so ginglängst die allgemeine Ansicht dahin, daß das wirklicheSacrament der Weihe, wie Christus es eingesetzt, undgleichzeitig die hierarchische Nachfolge dadurch aufgehörthabe, und die Acte und die beständige Disciplin derKirche haben diese Ansicht mehr als einmal bestätigt.Doch in der neuesten Zeit und besonders in den letztenJahren entstand eine kontroverse darüber, ob die nachdem Eduardianischen Ritus vollzogenen Ordinationen desWesens und der Wirkungen eines Sacramentes theilhaftseien, indem nicht nur einige anglikanische Schriftsteller,sondern auch einige wenige katholische, besonders nicht-englische, sich in bejahendem Sinne oder doch zweifelndaussprachen. Die Einen leitete Hiebei die Hoheit deschristlichen Priesterthnms, die sie wünschen ließ, daß dieIhrigen dessen doppelter Gewalt über den Leib Christi

nicht entbehrten; die Anderen bewog hiezu die Absicht,jenen die Rückkehr zur Einheit einigermaßen zu erleichtern;beide Theile aber scheinen überzeugt zu sein, es wärenicht unzeitgemäß, in Anbetracht der so weit gediehenendiesbezüglichen Forschungen und der nun aufgefundenenund der Vergessenheit entrissenen literarischen Denkmäler,wenn die Angelegenheit durch Unsere Autorität neuerlichzur Behandlung käme. Wir aber, jene Rathschläge undWünsche keineswegs hintansetzend und vornehmlich derStimme der apostolischen Liebe folgend, erachteten, nichtsunversucht zu lassen, was irgendwie beizutragen schien,Schaden von den Seelen abzuwenden oder deren Nutzenzu fördern.

So ließen Wir Uns denn herbei, die Wiederauf-nahme der Angelegenheit zu gestatten, auf daß durchAnwendung der größten Sorgfalt bei der abermaligenUntersuchung in Hinkunft auch jeder Schein eines Zweifelsentfernt werde. Aus diesem Grunde beauftragten Wirmehrere durch Gelehrsamkeit hervorragende Männer, derenMeinungsverschiedenheiten in der Sache bekannt waren,die Gründe ihrer Ansicht schriftlich aufzuzeichnen; Wirberiefen sodann dieselben zu Uns und hießen sie, ihreSchriften einander mitzutheilen und alles noch weiterbezüglich des Gegenstandes Wissenswerthe zu erforschenund zu erwägen. Auch wurde von Uns dafür gesorgt,daß es ihnen freistand, die nöthigen Urkunden in denvatikanischen Archiven, soweit sie bekannt waren, einzu-sehen, soweit unbekannt, auszubeuten; ebenso sollten ihnenalle derartigen bei derSuprema" genannten Kongre-gation*) verwahrten Acten und nicht minder die bis dahinvon den Gelehrten beider Richtungen veröffentlichten Ar-beiten zu Gebote stehen. Nachdem sie mit all diesenHilfsmitteln ausgestattet waren, hießen Wir sie zu be-sonderen Conferenzen zusammentreten, deren zwölf ge-halten wurden unter dem Vorsitze eines von Uns selbstbezeichneten Cardinals der heiligen römischen Kirche,wobei Jedem volle Redefreiheit gewährt war. Schließlichließen Wir die Acten dieser Conferenzen sammt allenübrigen Documentcn Unseren ehrw. Brüdern, den Kar-dinälen der genannten Kongregation ausfolgen, derenjeder nach Erwägung der Angelegenheit und nach derenVerhandlung in Unserer Gegenwart seine Meinung zusagen hatte.

Nach Festsetzung dieses Verfahrens war es jedochangezeigt, zur endgiltigen Beurtheilung der Angelegenheitnicht eher zu schreiten, als bis auf das Genaueste er-forscht wäre, wie weit sie schon gediehen nach den Vor-schriften des apostolischen Stuhles und nach der herrschendgewordenen Gewohnheit, deren Anfänge und Bedeutungzu untersuchen sicher von großer Wichtigkeit war. Darumwurden zunächst die vorzüglichsten Documente heran-gezogen, in denen Unsere Vorfahren auf Bitten derKönigin Maria der Wiedervereinigung der englischenKirche eine besondere Sorgfalt zuwandten. Julius III. bestimmte nämlich den durch vielfache Vorzüge ausge-zeichneten Cardinal Neginald Pole, einen Engländer, alsLegaten n lnters zu diesem Werke,als seinen Engeldes Friedens und der Liebe", und ertheilte ihm außer-ordentliche Vollmachten und Verhaltungsregeln (im MonatAugust 1553 mittelst der Bullen8i nllo uvHnamtampors" und »kost vuotius Xolffs" und anderwärts),

*) Die Inquisition ,