Ausgabe 
(14.8.1880) 13
 
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Der Todtengräber kratzte sich mit der freien Linken hinter den Ohren. Das wäreschlimm. Ich habe mir ein kleines Grundstück gekauft, denn ich will mich zur Ruhesetzen und brauche 10,000 Francs. Ich muß also sehen, daß ich den Baron entdecke.

Und wie wollen Sie dies anfangen? Deutschland ist groß, Sie können vieleTausende wegwerfen, eh' Sie ihn finden. Deutschland ist groß, wiederholte die Italienerin,und glauben Sie wirklich, daß er dorthin abgereist ist? Wenn man uns jetzt sagt, daßer nach Deutschland gegangen, dürfen wir überzeugt sein, daß er eine ganz andere Richtungeingeschlagen hat. Sie wissen noch nicht, wie ungeheuer schlau dieser Mensch zu Werke geht.

Ich weiß es doch, entgegnete der Todtengräber und ließ niedergeschlagen den Kopf

sinken.

Nun dann werden Sie mir auch glauben, daß Sie von Bloomhaus nie mehr einenFranc erhalten.

Da können Sie wohl Recht haben, aber dann sitz' ich gründlich in der Patsche.

Haben Sie schon Ihre Stelle aufgegeben?

Ja, war die Antwort. Ich hatte seit jener abscheulichen Geschichte gar keine Ruhemehr. Wenn ich an der Stelle vorbeikam, wo jetzt die Frau Baronin lag, war es mirimmer, als hörte ich hinter mir flüstern: Du nichtswürdiger Schurke, hast mir meinenFrieden genommen. Ich konnt's nicht länger aushalten, und nahm meinen Abschied.Kaum war ich vom Kirchhof fort, da hörte ich, daß die Gerichte die Ausgrabung einerLeiche vorgenommen und nun verlor ich vollends den Kopf. Ich mochte mich nicht weiter«rkundigen, wie die Sache eigentlich zusammenhing, aber ich schwebte täglich in Angst,es werde Alles herauskommen und man werde mich verhaften. Seitdem habe ich mirdas Trinken angewöhnt, um mich ein bischen zu betäuben. Glauben Sie mir, Madame,*ch war früher ein nüchterner Mann.

Was wollen Sie jetzt beginnen?

Ich weiß es nicht. Ich bin durch den Schurken ganz zu Grunde gerichtet, wennich die 10,000 Francs nicht schaffen kann.

Auf den Baron dürfen Sie nicht mehr rechnen, der wird es schon verstehen, sichkür Sie auf immer unsichtbar zu machen.

Dann bin ich verloren, seufzte der Todtengräber.

Ich will Ihnen einen Borschlag machen, der Sie allein retten kann, wenn Sie ihn-annehmen, sagte Enrichetta nach kurzem Besinnen.

Ihr Begleiter blickte ihr überrascht und verwundert ins Antlitz, während die Italienerinmit größter Ruhe fortfuhr: Wenn Sie vor Gericht Ihre Angaben wiederholen, will ichIhnen die 10,000 Francs auf der Stelle auszahlen.

Der Franzose stieß ein kurzes Lachen aus. Sie sind sehr gütig, sagte er etwasspöttisch; aber was kann mir das Geld nützen, wenn ich ein paar Jahre sitzen muß.

So schlimm dürfte es nicht werden, entgegnete Enrichetta kühl. Sie haben janicht gewußt, um was es sich handelt und dem Drängen des Barons nicht zu wider-stehen vermocht. Ihre höchste Strafe wird vier Wochen Gefängniß sein und wenn Siediese abgebüßt, dann sind Sie im Besitz einer großen Summe und haben Ihr Grundstückbezahlt.

Sie meinen wirklich, daß ich mit vier Wochen fortkomme? fragte der Todtengräberunsicher.

Kein Zweifel, war die entschiedene Antwort. Sie haben ja keinen LeichenraubGegangen. Die Särge sind einfach vertauscht worden, das ist nur ein unbedeutendesBerbrechen, wie Sie selbst einsehen muffen.

Hm, vielleicht haben Sie Recht, erwiderte ihr Begleiter nachdenklich.

ES ist so, wie ich Ihnen sage, begann die Jtalienerjn von Neuem; Sie laufentzar keine Gefahr. Diese vier Wochen Strafe sind rasch vorbei und dann sind Sie^S^rgen, Also entschließen Sie sich rasch. Begleiten Sie mich zum Gericht. Machen