Ausgabe 
(8.9.1880) 20
 
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Ängslmrger Postjeitnng."

Itr. 20« Mittwoch, 8. September 1880«

Still blickt der Himmel mit all seinen Sternen auf das Gewühl der Menschen anf Erdenherab. So ruhig überschaut dasselbe der Mensch, der sich an Gott halt und seine Ruhe, seineWeisheit und seine Stärke vom Himmel schöpft. Jean Paul ,

Der Herr Daron.

Novelle von Ludwig Habicht .

(Fortsei

Kaum war hie Italienerin soweit hergestellt, als sie allen ärztlichen Abmahnungenzum Trotz, sogleich ihre Reise fortzusetzen suchte. Es war bereits Herbst geworden, alssie in den Ostseeprovinzen eintraf. Wohin sollte sie nun ihre Schritte richtend ZumGlück erhielt sie über die Baronin rascher Auskunft als sie erwartet hatte. Die Bloom-haus'schen Besitzungen gehörtet: zu den ansehnlichsten Kurlands und schon in Mitau konnte man ihr genau sagen, wo Schloß Bloomhaus läge und welchen Weg sie einzu-schlagen habe; ja das Gerücht von der schönen geistreichen Wittwe war auch dahingedrungen und Enrichetta hörte nur mit Bewunderung von der Baronin sprechet:.

So war der plötzliche Tod des Barons also doch keine Lüge und der Elende ihrenRachegelüsten für immer entgangen? Was sollte sie nun noch in dem fremden Landes Mochte Gregor Bloomhaus immerhin ein Verbrecher und der Mörder seiner erstenGattin sein, die frühere Schauspielerin und jetzige Baronin wurde davon nicht betroffen,das konnte ihre Lage wenig ändern. Oder doch? Völlig gleichgiltig durfte es ihrschwerlich sein, wem: es bekannt wurde, daß ihr verstorbener Gatte ein briefstecklich ver-folgter Verbrecher sei. Jedenfalls wollte Enrichetta, nachdem sie monatelang Alles darangesetzt hatte, sie aufzufinden, diese Frau noch einmal sehen und sprechen.

Es war freilich ein langer und beschwerlicher Weg, den die Italienerin noch zurück-legen mußte, denn Bloomhaus lag mehrere Meilen weit von jeder Eisenbahn entfernt;aber Enrichetta ertrug auch diese Anstrengungen mit jener zähen Ausdauer, die sie besaßund schon immer bewiesen hatte. Nach stundenlanger Fahrt war dieses letzte Ziel erreicht.Die Italienerin ließ in der Dorfschänkc halten, um erst über die Bewohnerin von Bloom-haus die sorgfältigsten Erkundigungen einzuziehen. Den Leuten in der Schänke, die nureinen polnischen Dialekt sprachen, hätte sie sich freilich nicht verständlich machen können,zum Glück konnte der mitgebrachte Kutscher den Dolmetscher spielen.

Was Enrichetta erfuhr, klang seltsam genug. Die schöne Wittwe hatte ihren erstenGemahl sehr schnell vergessen und sich in ihren Kammerdiener verliebt, und man sprachbereits davon, daß sie ihn sogar hcirathcn werde. Das sah freilich einer französischen Schauspielerin ähnlich. Die ganze Umgegend war über das Leben und Treiben aufSchloß Bloomhaus empört. Der Bediente spielte bereits bei: Herrn und die Baroninhatte ausdrücklich den Befehl ertheilt, das; ihm Jeder gehorchen müsse.

So beruhte also dock der plötzliche Tod des Barons au: Wahrheit nur blieb dabei