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noch so manches dunkel und räthselhaft. Die Leute in der Schänke behaupteten, derBaron sei in Italien gestorben, so hatten sie wenigstens immer gehört, das konnte aberunmöglich der Fall sein, denn in Wien hatte der Baron noch mit.seiner Gattin gelebtund in Berlin erst war die Letztere als Wittwe aufgetreten. Hatte man in der Schänkedoch nicht das Nichtige erfahren, oder lag hier ein Geheimniß zu Grunde?
Enrichetta grübelte nicht weiter darüber nach. Sobald sie sich von den'Strapazender Fahrt ein wenig ausgeruht, machte sie sich auf den Weg nach Bloomhaus, das kaumtausend Schritt von der Schänke entfernt lag.
Das Schloß war ein großes, nicht gerade schönes, aber immerhin äußerst statt-liches Gebäude, das auf einen bedeutenden Reichthum seines Besitzers schließen ließ.
Ein Gefühl des bittersten Neides beschlich die Brust der Italienerin. Das alleswäre ihr eigen gewesen, hier konnte sie jetzt als Herrin Hausen, wenn der Baron nichttreulos all' seine Versprechungen und Schwüre gebrochen hätte. Nein, nein, sie durftedie Schauspielerin nicht im ruhigen Besitz dieser glänzenden Güter lassen, sie mußte die-selbe von ihrer sicheren Höhe herunterstürzen und dafür gab es noch ein Mittel. DerBrief des russischen Grafen, den sie damals aus dem Busen ihrer Herrin gezogen hatte.— War nicht darin gesagt, der Gemahl der Fürstin erscheine sehr verdächtig, dennBaron Bloomhaus habe nie einen Bruder gehabt und der Russenhaß ihres Manneskomme dein Grafen bedenklich vor.
Um all die unangenehmen Empfindungen los zu werden, die auf Enrichetta ein-stürmten, zog sie heftig die Klingel. Der alte Portier fragte nach ihrem Begehr undein herbeieilender Bedienter führte sie in ein kleines, im Erdgeschoß befindliches Warte-zimmer. Die Italienerin hatte nicht ihren Namen genannt und behauptet, daß sie indringenden Geschäften die Frau Baronin zu sprechen wünsche und der Bediente glaubtediese Geschäfte bereits zu kennen, es war gewiß irgend eine vornehme Bittstellerin, dieschließlich ein Almosen haben wollte und all diese Leute fertigte Iwan ab, er hatte denstrengen Befehl gegeben, daß ohne seine besondere Erlaubniß Niemand zur Frau Baronindringen dürfe.
Voll Ungeduld wanderte Enrichetta in dem kleinen Gemache auf und ab. Imnächsten Augenblick sollte sie vor der Frau stehen, die ihr damals alles gestohlen, sie umihre kühnsten Hoffnungen betrogen hatte, — denn wäre Gregor nicht von ihr bethörtund geblendet worden, dann würde er gewiß nicht diesen schändlichen Verrath geübthaben.
Die Thür öffnete sich, aber nicht die Baronin erschien, sondern ihr Kammerdiener;der bestürzt an der Schwelle stehen blieb und vielleicht zum ersten Mal in seinem Lebenvöllig die Fassung verlor. Er vermochte kein Wort hervorzubringen, sondern starrte dieItalienerin wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt verblüfft und erschrocken an.
Auch Enrichetta starrte einen Augenblick ganz erstaunt auf den Eingetretenen; aber
sie gewann zuerst die Sprache wieder: Ah, Herr Baron, sind Sie noch einmal vom
Tode erstanden? Dann geschehen also auch in unseren Tagen noch Wunder! rief sie
höhnisch aus.
Ueber das bleich gewordene Antlitz des Mannes zuckte es, seine Augen begannenunheimlich zu funkeln; er schien bereit, sich wie ein wildes Thier auf den unerwartetenGast zu stürzen, um ihn auf der Stelle zu erwürgen; aber die Italienerin mußte seineGedanken errathen haben, denn sie setzte rasch hinzu: Glauben Sie nicht, daß es Ihnenwas nützen würde, mich aus der Welt zu schaffen. Ich habe meinen Leuten Befehlgegeben, daß sie nach mir fragen sollen wenn ich in einer halben Stunde nicht zurück-kehre. —
Der Andere sann einen Augenblick nach. Wohl drohte ihm von diesem rachsüchtigenGeschöpf eine große Gefahr; aber er durfte dennoch nicht wagen, es auf der Stelle mitGewalt zu beseitigen. Das Zimmer lag zu ebener Erde, ein einziger Hilfeschrei mußteMenschen herbeiführen und wie er dieses Mädchen kannte, war es gewiß nicht so leicht