Ausgabe 
(22.12.1880) 50
 
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stellung, aber ein Schweig Er! schloß mir den Mund. Es war nicht sehr brüderlich,mich dem Zorn des verehrten Königs so auszusetzen! Es war wahrlich keine angenehmeSache."

War es dir schwer, für mich so viel zu thun, so thut es mir leid, dich belästigtzu haben," sagte Leonhard und wandte sich, tief beleidigt über die Art des Bruders,mit dem er sonst stets so gut gestanden, zum Gehen.

Mutter, sagte Phillips, als sie allein waren. Wie konnten Sie aus unseremoffenen Leonhard einen Heuchler machen."

Einen Heuchler, ich?" fragte Frau Katharina.

Ja, veranlaßten Sie ihn nicht, seiner Braut, der armen, kleinen Praxedes, Liebezu heucheln, und that er nicht eben, als sei ihm an der Erreichung des Konsenses wirklichgelegen?"

Ich habe ihn zu nichts veranlaßt," sagte Frau Katharina mit stolzer Würde.Reut es ihn, die Tochter eines Fälschers zu seinem Weibe gemacht zu haben, und

fängt seine Liebe an zu erkalten, so habe ich so wenig damit zu thun, wie ich zu der

ganzen mich überraschenden Heirath gethan habe."

So weiß Leonhard nichts und Sie haben ihn nicht"

Schweig," fuhr die alte Dame heftig auf.Schweig von der alten Geschichte,ist es nicht genug, daß das Gesicht jenes puppenhaften Dinges noch alle Tage daranerinnern muß! Leonhard weiß nichts, als was ich eben erwähnte aber er wird auchohne solches Wissen seiner Mutter Leiden besser vergelten, als"

Als ich," fiel nun Philipp erregt ein.Da Sie aber meine Gesinnung genug-

sam kennen, so werden Sie begreifen, daß ich auch hier als Praxedes' Beschützer, so vielich kann, auftreten werde, selbst gegen Leonhard, wenn es sein muß!"

Du kannst ja versuchen, ob er das dulden wird," erwiderte sie achselzuelend.Doch sieh, hier kommt deine Frau."

Du scheinst zu vergessen, daß du auch noch eine Frau zu begrüßen hast," sagteCharlotte mit einer Kälte, welche der sichtlichen Erregung in ihrem Gesicht sehr entgegen-stand,darum muß ich mich wohl selbst in Erinnerung bringen."

Ich vergaß das gewiß nicht, mein liebes Kind, und wäre jetzt zu dir gegangen,,,meinte Philipp und küßte sie herzlich.Warum kann aber die Frau dem Mann nachso langer Abwesenheit nicht ein paar Schritt entgegenkommen? Wie erging es dir? Dusiehst leidend aus; du bist doch wohl?"

Ja, durchaus!" entgegnete sie rasch und ein feines Roth stieg schnell in ihreblassen Wangen unter seinem prüfenden Blick. Dann fragte sie nach seiner Reise undnach Berlin, und er berichtete bereitwillig von allem, bis er erklärte, die Herren imComptoir begrüßen zu müssen. Dort blieb er, bis das Zeichen zum Arbeitsschluß unddem Abendessen ertönte und die Hausgenossenschaft sich im Eßsaal einsund.

Praxedes, welche den ganzen Nachmittag auf ihrem Zimmer vergeblich auf Leonhardgewartet hatte, war die letzte, die eintrat. Leonhard lehnte schon an seinem Stuhl;Charlotte stand in seiner Nähe; beider Augen blickten scharf beobachtend nach ihr hin-über, als Philipp nun auf sie zuging und ihr die Hand reichte.

Sie erlauben, daß ich mich in aller Form als Ihren Schwager vorstelle," sagteer unbefangen. Ich sehe, wir sind hier Nachbarn, und Sie werden bald erfahren, daßPhilipp Heideker es auch gut mit ihnen meint!"

Er führte sie an seinen Platz, als Praxedes tief erröthend seinen Gruß erwiderthatte. Charlotte drückte die Finger fest um die Lehne des Stuhles, an dem sie stand.Die Heuchler!" murmelte sie. Leonhards Kopf fuhr zu ihr herum; aber durch denEintritt der Mutter ward ihm jede Frage abgeschnitten. Für Praxedes war die Mahl-zeit durch Philipps unbefangene Zutraulichkeit, mit der er mit ihr verkehrte und sichöfter in dem von ihm unterhaltenen allgemeinen Gespräch an sie wandte, um vielesleichter als sonst, und als er ihr nach aufgehobener Tafel den Arm reichte, um sie seiner