Ausgabe 
(22.12.1880) 50
 
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Herr saß hinter dem Kutscher und richtete sein volles von braunem Bart umgebenesAntlitz dem Hause zu, vor dem der Wagen jetzt hielt. Der Herr sprang behende heraus,es war eine große, kräftige Gestalt; die Arbeiter am Wagen rissen die Mützen vomKopf, und er verschwand in der Thorthür. Praxedes war von ihrem Sitz aufgefahrenund sah nun dem langsam wendenden Wagen nach.Das war ja das war ja,Herr Weber, der gute Herr Weber", murmelte sie.O, das Gesicht vergesse ich nie-mals. Wie kommt er hieher? Ob er unten bleibt, oder herauf kommen wird? Wiegern sähe ich ihn wieder, wie sehr gern!"

Sie lief an die Thür und horchte hinaus. Da kam wirklich ein fester, kräftigerSchritt die Treppe herauf, jetzt wandte er sich, er hatte den Pelz abgeworfen, sie er-kannte ihn nun ganz deutlich. Stürmisch öffnete sie die Thür und eilte ihm einenSchritt entgegen.

Sie sind es, Sie sind es wirklich, Herr Weber!"

Er ergriff lächelnd ihre beiden Hände und sah sie mit seinen klaren, klugen Augenvoll Freundlichkeit an.

Sie haben ein gutes Gedächtniß, Praxedes, meine kleine Freundin. Ich habekaum erwartet, daß sie mich wiedererkennen würden."

Sie wußten, daß ich hier war, Sie kamen meinetwegen?" rief sie.

Ich wußte von Leonhard, wen er in mein Haus gebracht hatte; denn ich binnicht Weber, ich bin Philipp Heideker, Leonhards Bruder. Umstände, die ich nicht gern be-kannt wüßte, ließen mich damals den Namen verändern. Sie würden mir einen Gefallenthun, liebe Praxedes, wenn Sie auch hier nichts davon erwähnten. Wollen Sie? Darumwerde ich doch hier wie damals Ihr Freund bleiben» Doch auf Wiedersehen, meineMutter wartet."

Er machte sich ein wenig hastig, da er vor sich eine Thür knarren hörte, von ihrlos und eilte dem Wohnzimmer zu. Praxedes, über deren Gesicht Freude, Bestürzungund Enttäuschung in schnellem Wechsel geflogen waren, kehrte auf ihren Fensterplatzzurück. Sie sah nicht, daß Leonhard von seinem am Ende des langen Ganges gelegenenZimmer den Vorgang voll Staunen mit angesehen hatte und jetzt Philipp mit raschenSchritten nachfolgte.

Er trat so hastig in das Wohnzimmer, daß Frau Katharina, die eben ihren ältestenSohn begrüßte, unwillig aufblickte.

Du kommst hereingerast, als gelte es eine Festung zu stürmen", sagte sie zürnend.

Verzeihung, ich muß zum Dienst, und ich wünschte noch Philipp zu begrüßenund von ihm zu hören"

Was ich für Nachrichten aus Berlin mitgebracht?" fragte Philipp einfallend,indem sein Gesicht einen ernsteren Ausdruck erhielt und er dein Bruder kühl die Handreichte.Ich glaube, das wirst du dir auch ohne mich denken können! Der Konsensist natürlich verweigert!"

Leonhard, dem eine andere Frage auf den Lippen geschwebt, vergaß das, er er-bleichte.Verweigert? Natürlich verweigert? So hat mich die Gräfin betrogen."

Die Gräfin hat alles gethan, was sie gekonnt, aber ihr.Sohn war ihr zuvorge-kommen und hatte beim König alles im schwärzesten Lichte dargestellt. Auch wurde mirversichert du selbst habest gegen das Gesuch intriguiren lassen."

Ich selbst, Wahnsinn!" Wer log das?"

Des Königs Adjutant ließ es mich errathen, als er mich beim König meldete."

Du warst beim König, was sagte er?"

Er ließ mich seine höchste Ungnade fühlen. Sag' er seinem Bruder, dein Lieutenantvon Litten, rief er heftig, als ich meine Bitte bescheidentlich vorgelegt, er solle froh sein,wenn ich ihn, um der alten Gräfin willen, die alles eingefädelt, seines Streiches wegennicht weiter degradire. Den Konsens bekommt er nicht; die Heirath ist ung'ltig; ermag sehen, wie er mit dem Fräulein auseinander kommt! Ich versuchte noch eine Vor-