Ausgabe 
(22.12.1880) 50
 
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mal am Abend flog Praxedes Blick nach der Wanduhr hinüber, ob nicht bald die Stundeder Erlösung schlüge, wo Leonhards Schritt im Vorzimmer ertönte und die Damen sichzum Zurückziehen erhoben. Schweigen, stumm alles hinnehmen war das einzige Mittel,die oft aufsteigenden Thränen, die Leonhard niemals sehen sollte, still niederzukämpfen,und so saß sie denn auch heute still mit niedergeschlagenen Augen und hörte kaum wasgesprochen wurde, bis Frau Katharina's lauter gesprochene Worte in ihr Ohr klangen:Ich kann all den Herren mittheilen, daß mein Sohn Philipp Heideker mir seine Rück-kehr von Berlin auf heute angekündigt hat."

Ein leisesAah!" tönte von allen Lippen, und alle Gesichter belebten sich wiedurch einen Zauber. Auch Leonhard blickte freudig überrascht empor und fragte hastig:Schreibt er auch, daß er meinen Brief erhalten?"

Ja, er werde dir nun mündlich darauf antworten!"

Darf ich das günstig deuten?"

Wie kann ich das wissen", erwiederte Frau Katharina ungeduldig und winktemit der Hand, anzudeuten, daß er jetzt besser hiervon schweige.

Leonhard sah sehr aufgeregt aus; sein Auge suchte Praxedes in der Hoffnung,dort mehr Theilnahme zu finden, diese aber sah schon wieder, nach kurzem Ausblick beider Neuigkeit, die alle so sichtlich erfreute, auf ihren Teller. Sie schrack ordentlich zu-sammen, als plötzlich klar und bestimmt die Frage aus Frau Charlottens Munde erklang:Fräulein Praxedes, kennen Sie« Herrn Philipp Heideker?"

Nein", entgegnete sie mit tiefem Erröthen; sie war es ja gar nicht gewohnt,angeredet zu werden.Nein, woher sollte ich ihren Gemahl kennen?"

Nun, Philipp ist viel in der Welt herumgekommen, und da wäre es so unmög-lich nicht."

Nein, ich hörte den Namen Heideker niemals, bis ich hieher kam."

Das wundert mich, er ist doch bekannt genug!"

Junge Fräulein bekümmern sich nicht um die Namen von Handelshäusern, Char-lotte", sagte Frau Katharina und gab dem Gespräch eine andere Wendung, bis mansich erhob.

Die Herren gingen wieder hinunter an die Arbeit, Leonhard in sein Zimmer, sichzum Nachmittagsdienst in der Kaserne umzukleiden, Frau Katharina, die stets sehr früham Platze war, pflegte ein wenig zu ruhen, und Charlotte räumte das ihr von Jonaszugetragene Leinenzeug und Geschirr wieder in die großen Schränke. Praxedes hatteihr ein paarmal bei diesem Geschäft ihre Hilfe angeboten; aber bei ihr, ebenso wie beiFrau Katharina in gleichen Dingen, eine so kalte Ablehnung erfahren, daß sie sich ge-wöhnen mußte, in diesem großen, geregelten Haushalt die Stellung eines überflüssigen,außer dein Getriebe stehenden Rades einzunehmen. Sie hätte sich so gern nützlich ge-macht und dabei um ein wenig Liebe geworben, aber dazu war ihr geflissentlich jede Ge-legenheit genommen. Sie schob ihren Stuhl an das Fenster, zog ein Buch aus derTasche und blickte träumend darüber fort auf die Straße, wo eben von den HeidekerschenLeuten ein Wagen bepackt wurde. Sie wartete hier gewöhnlich, bis sie Leonhard wiederaus seinem Zimmer kommen hörte, dann ging sie ihm entgegen, ein paar Worte mitihm zwischen Thür und Treppe zu plaudern und seinen Gruß und öfter auch das Ver-sprechen, sie im Dämmerlicht zu einem Spaziergang in das Freie abzuholen, zu empfangen.Und wie glücklich war sie, wenn sie wirklich Frau Katharina, die, wenn sie es ohnedirektes Entgegentreten konnte, gern die Ausgänge hinderte, entschlüpft war, und anLeonhards Arm -aus dem Thor und auf den Wällen die reine Luft athmen und seinendann immer herzlichen Worten lauschen durfte. Ein paar Tage waren schon vergangen,seit sie dies, ihr schönstes Glück genossen, und trübe schaute sie, von der kalten Ein-förmigkeit ihrer Tage ermüdet, von Leonhards Mißstimmung geänstigt, die leicht beschneiteStraße enilang und wartete still, bis, sie Leonhards Thür sich öffnen hören werde. Dasah sie einen kleinen Reisewagen eiligst die Straße Herrauffahren. Ein in Pelz gehüllter