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gewesen, als sie den Willen Frau Katharina's erfahren. Dazu wurde seine Gedulddurch die Verzögerung des Konsenses auf eine harte Probe gesetzt, und die sichtlicheUngnade seines Obersten, die abstoßende Kälte der Mutter und Charlottens, das alleswaren Dinge, welche sein lcichtcrregbares Temperament nur widerwillig ertrug. Gab esauch Stunden, in denen er Praxedes seine ganze zärtliche Liebe, die ganze Tiefe seinerEmpfindung für sie offenbarre, so hatten doch selbst diese Augenblicke des Glücks nichtmehr die Süßigkeit der ersten Tage, wo sie sich ihm vertrauensvoll hingegeben, nachdemsie einmal vor seiner Leidenschaftlichkeit zurückgeschreckt, nachdem sie sich einmal vor seinemStirnrunzcln, vor seinen raschen, mißgestimmten Antworten fürchten gelernt hatte. DieseZartheit ihrer Empfindung, diese fast krankhafte Furcht vor jeder rauhen Berührung vonder Hand derer, die sie liebte, machte alles nur noch schlimmer, und auch heute warddie Wolke auf Leonhards Stirn dichter, als er den ängstlich scheuen Blick auffing, mitdem sie zu ihm aufsah. Es war ihm wie ein Vorwurf seiner Mißstimmung; und daßsie sich vor ihm fürchten konnte, verletzte ihn tief und machte seine Reizbarkeit ärger.Praxedes trat still an ihren Platz; in demselben Augenblick kam Frau Katharina herein.Sie grüßte voll Würde nach allen Seiten, sprach dann mit voller klarer Stimme dasTischgebet, das damals noch in keinem guten Hause fehlte, und alle setzten sich nieder,das einfache, kräftige Mahl, das Jonas in großen Schüsseln aufsetzte, zu verzehren. Eswaren fast zwanzig Herren, welche täglich zweimal hier mit der Familie aßen, vom erstenProkuristen bis zum Lehrling und Aufseher über die Aufkader hinunter; oft kamen auchnoch ein paar Steuerleute und Kapitäne der Frachtschiffe hinzu; und es war für FrauKatharina keine leichte Aufgabe, den großen Haushalt in Ordnung zu halten. Alls un-verheiratheten Herren hatten ihre Wohnung auch bei ihr im oberen Stock, oder dem mitbeiden Etagen durch eine offene Galerie verbundenen Hinterhause, in welchem in einerrichigcn Küche, mit dem für die Arbeiter bestimmten Speiseraum, die Schaffnerin miteiner ganzen Schaar Mägde ihr Regiment hielt. Bei Tische waren die Herren ganznach ihrem Dienstnlter geordnet, wer hinzukam, jung oder alt, hoch oder gering, setztesich unten und rückte dann allmählich weiter zu der Familie, welche mit etwaigen Gästenoben an saß.
So kam es, daß Praxedes, der ein Platz Leonhard gegenüber angewiesen war,neben dem ältesten Buchhalter saß, welcher schwerhörig war und ihr daher noch wenigerUnkerhaltung zu bieten vermochte, als ihr Gegenüber, der Prokurist ein gewandter, leb-hafter Mqnn, den Frau Katharina und Charlotte ganz in Anspruch zu nehmen pflegten.An Praxedes rechter iteSe stand Philipp Heidekers leerer Stuhl wie eine Scheidewandzwischen ihr und Charlotte, diese und Leonhard waren Frau Katharinas Nachbarn. Sowar es denn begreiflich, daß Praxedes sich still verhielt und diese täglichen Mahlzeitenihr nicht die angenehmsten Stunden des Tages waren. Wie oft war in der erstenZeit ihr Blick sehnsüchtig und hilfesuchend zu Leonhard hinübergeflogen, welchen sie oftda er von Tagesanbruch bis Mittag im Dienst war, kaum gesehen hatte und dem sieauch nun nichts sagen konnte. Aber sie hatte gelernt, ihre Blicke zu beherrschen, dennFrau Katharinas scharfes Auge bemerkte alles, und sie konnte gewiß sein, wenn sie sicheinmal der Art vergessen, am Abend, wo sie mit den beiden Damen im Wohnzimmersitzen mußte, scharfe Worte über die Unzartheit und dreiste, unziemliche Art der jetzigenJugend zu hören, welche sich nicht einmal über Tisch zu geniren gelernt habe. Warenihr die Stunden der Mahlzeit schwer — wo sie sich doch wenigstens Leonhards Nähebewußt sein durfte, nach dem einsamen Morgen in ihrem Zimmer, — so waren aberjene Abendstunden, in denen er sie meistens mit den beiden Damen, deren Kälte eherwuchs als abnahm, allein ließ, noch schwerer. Für Charlotte war sie so gut wie nichtda, und Frau Katharina ließ eS an scharfen Bemerkungen über Tändeleien, Zeitvergeu-den mit unnützen Arbeiten, wenn sie ihre Stickereien mitbrachte, an Spott über die Art,wie sie praktischere Arbeiten anfaßte, wenn sie diose versuchte, oder an Anspielungenüber ihr Betragen, ihre Verwöhnung und dergleichen niemals fehlten; und wohl hundert-