Ausgabe 
(22.12.1880) 50
 
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Die Sünden der Vater ruhen stets auf den Kindern", sagte Frau Katharinaherb. Und wunderbar wäre es, hätte dieses nichts von dem schlechten Charakter desVaters geerbt."

Praxedes ist ein Engel, Jedermann liebt sie. Und auch Sie müssen sie lieben,wenn Sie sie erst kennen!"

Niemals, das Mädchen niemalsI" rief Frau Katharina so heftig und entschieden,daß Leonhard sich'tief verletzt abwandte.

So werde ich sie doppelt und dreifach lieben", sagte er trotzig und ging zur Thür.Sie wird mir alles ersetzen, auch die Liebe meiner Mutter, die ich wohl nie besaß!"

Leonhard!"

Er blieb stehen, von ihrem fast wilden Ruf getroffen. Einen Augenblick standensich Mutter und Sohn schweigend gegenüber und schauten sich an.

Geh'", sagte Frau Katharina, sich gewaltsam fassend,geh' nur und liebe dieFremde. Deine Mutter verstehst du doch nicht, kannst sie nicht verstehen."

Verzeihung, meine Mutter", bat er und bog sich nieder, ihxe Hand zu küsse».

Sie duldete es; dann wiederholte sie:Geh, es ist gut!"

Leonhard kehrte zu seinem geschmähten Weibe zurück. In seineiN Herzen war trotzseiner feurigen Vertheidigung etwas wie ein Erkalten seiner Liebe gezogen. Als er sieaber dann vom Mondschein umflossen in betender Stellung vor sich sah, da war allesvergessen was er gehört, und mit derselben Liebe wie vorher schloß er sein lieblichesWeib an sein Herz.

H.

Die Herren sind eben heraufgekommen, Madam!" Charlotte erschrack bei dieserMeldung des Jonas; sie warf eilig ein Blatt Papier , das sie in der Hand gehalten,in einen offenen Kasten und klappte den Deckel zu.

Ich komme sogleich, laß er nur anrichten!" rief sie, und Jonas verschwand mitschneller Schwenkung des Zopfes. Frau Charlotte trat vor den Spiegel, ihren ebenvollendeten Mittagsanzug zu prüfen; aber das feine Wollkleid mit Spitzen und Schleppewar in ebenso tadelloser Ordnung, wie das blonde, hochgesteckte Haar, und doch fuhrihr Blick so prüfend über Gestalt und Antlitz ihres Spiegelbildes!Mein Gesicht istschmäler und blasser, meine Backen und Kinn nicht so rund und ohne Grübchen; Naseund Mund größer und markirter als die ihren; aber Augen und Stirn, nun ich meine,die verrathen doch etwas mehr Geist als ihr verschüchterter Taubenblick, mit dem siestets dreinsieht. Ich kann es wohl wagen, mich mit ihr zu messen, und wenn Philippwirklich die Praxedes gemeint", sie zog die eben gelobte, hohe, schmale Stirn infinstre Falten, ihre Hand ballte sich und ungeduldig trat ihr schlanker, feiner Fuß denBoden.O, es ist abscheulich, schändlich! dieser kalte, ruhige Philipp! wenn es mirum dies Püppchen nicht gelang, ihn zu erwärmen, mir, die ich seit meinen Kinderjahrennur Gedanken für ihn hatte.... ich werde es heute noch sehen! Aber ich will allesertragen, ehe ich auch nur um ein Krümchen bettele, ich habe den Stolz einer echtenHeideker."

Sie wandte sich hastig ab und trat hinaus. Auf dem Gange begegnete ihr Leon-hard mit Praxedes; er wollte seiner Frau gerade die Thür des Eßzimmers öffnen, sievoran zu lassen, als aber Praxedes Charlotte gewahrte, trat sie sogleich zurück und ließdieser den Vortritt; was Charlotte ohne Weiteres annahm. Leonhard^ Stirn verfinstertesich sichtlich, und sein Gruß an das versammelte Coinptoirpersonal war noch gemessenerckls gewöhnlich; schweigend ging er zum Fenster hinüber. Praxedes sah ängstlich zuihm auf. Wo war der klare, vertrauensvolle Blick geblieben, mit dem sie in den erstenTagen in sein Auge geschaut- Hatten zwei kurze Wochen das schon geändert? Siewußte es wohl, es war um ihretwillen, daß Leonhard oft verstimmt und gereizt war.Er ertrug es so schwer, daß sie nur als seine Verlobte angesehen und Fräulein Praxedesvon Sternberg im Hause genannt wurde. War es ihr selbst doch ein harter Schlag