Ausgabe 
(22.12.1880) 50
 
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Mutter nach in das Wohnzimmer zu führen, warf sie wohl einen Blick nach dem finsterblickenden Leonhard zurück, aber gab sich doch gern der ihr verschüchtertes Herz zu neuemLebensmuth belebenden Gesellschaft ihres alten Freundes hin. Leonhard trat, sobaldder letzte der Herren verschwunden war, zu der abräumenden Charlotte und fragte drin-gend:Charlotte, warum nanntest du vorhin die beiden »Heuchlers"

Weil sie thaten als hätten sie sich nie gesehen;" entgegnete sie und wandte sichzu dem großen Schrank, die Bierkrüge hinein zu stellen.

Woher weißt du, daß sie sich schon kannten?"

Woher sage ich nicht, aber ich weiß es."

Sahest du ihre Begegnung aus dem Gange."

Ich sah sie, sie war mir aber nur Bestätigung dessen, was ich lange wußte."

Was war das, du wirst es mir sagen."

Das werde ich nicht!"

Warum nicht? Ich habe ein ebenso großes Recht zu wissen, was für ein Ge-heimniß die beiden verbindet."

Ein Geheimniß? Möglich! Mein Wissen ist auch ein Geheimniß."

Charlotte, du quälst mich, sage es mir!"

Frage doch Philipp."

Er ist unnahbar für mich. Er hat mich beleidigt!"

Charlotte öffnete ihre Augen weit.Wie, das that er sogar?! So frage dochPraxedes, sie leugnet dir es vielleicht nicht, wie mir heute Mittag", sagte sie nach kurzerPause immer noch forträumend.

Leonhard schwieg, finster nagte er an seiner Unterlippe; dann sagte er trotzig:Ich werde nicht nachlassen, bis du mir gestehst, was du weißt. Warum willst dunicht sprechen?"

Weil es nicht heißen soll, ich hätte etwas zwischen euch gebracht, dafür halte ichmich zu gut?"

So hättest du gar nichts sagen sollen."

Schon recht, aber selbst wir gutgeschulte Frauen können uns einmal vergessen",sagte sie, schloß den Schrank und ging.

Leonhard stampfte mit dem Fuße.Ich werde es doch noch von ihr erfahren!"

III.

Acht Tage nach der Rückkehr Philipps fuhr wieder ein kleiner Reisewagen in dassüdliche Thor der alten Stadt, in dem ein Herr mit gebräuntem, durchfurchtem Gesichtund grauem Haar und Bart lehnte. Er fragte den Thorwöchter, der seinen Paß visitirte,nach einem guten Wirthshause, und setzte, als er die Antwort vernommen, hinzu:Liegtes nicht allzu fern von dem Hause Heideker und Heideker? Ich habe Geschäfte dort."

Nein, Herr, ihm fast gegenüber in derselben Straße. Sie können Herrn Philippbeinahe in die Fenster sehen", erwiderte der Mann, durch den bekannten Namen freund-licher gemacht.

Danke", nickte der Fremde und drückte dem Thorwärter etwas in die Hand, wasdiesen veranlaßte, die Mütze, die er vorher nicht für nöthig befunden hatte zu bewegen,vom Kopfe zu reißen.

s Während der Thorwärter das Geldstück schmunzelnd in die Tasche steckend in sein

j Haus zurückkehrte, fuhr der Wagen des Fremden langsam die sich vielfach verwirrenden

- Gaffen hinab. Der Kutscher fragte hier und dort und hielt endlich vor dem bezeichneten

j Wirthshause still. Der Fremde sprang heraus, übergab seinen Mantelsack dem herbei-

! eilenden Hausknecht und sagte in sehr bestimmtem Ton zu dem Kutscher:Spann Er

, sogleich aus und pflege Er sich und das Pferd gut. Wie lange ich hier bleibe ist unbe-

stimmt; vielleicht geht es sehr bald wieder fort, darum hat Er sich jeden Augenblickbereit zu halten und nicht vom Platze zu rühren.- Versteht Er?"