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Er hob das abgerissene Blatt zum Licht auf und las: „Wenn Sie Praxedes ge-sehen, wenn Sie dieses süßeste Geschöpf der Welt lieben gelernt, wie ich, Sie würdenalle bösen Gedanken aufgeben. Könnte sie nur einmal ihre Arme um Ihren Halsschlingen, ihr Haupt an ihre Brust legen, wie sie gestern mir that, und sie mit ihrersüßen Stimme bitten, Ihrem gefangenen Vater nicht zu zürnen, Sie könnten nicht wie-derstehen, Sie würden begreifen, wie ich alles, was Sie mir gesagt, vergessen konnte unddie lieben muß, die sie mich haßen lehrten. Doch genug hiervon, es ist ein Punkt, indem wir uns nie einigen, Sie lassen sich nie erweichen, ich habe es zu oft versucht. Aberverzeihen Sie, wenn ich nun auch meinen eigenen Weg gehe, den Weg, welchen meinGefühl mir vorschreibt. — Meine Geschäfte u. s. w."
„Ganz recht", sagte Philipp immer noch lesend, „diesen Brief schrieb ich. Es sindungefähr sechs Jahre her, als ich in Wien war und dort die zwölfjährige Praxedes meineFreundin wurde, weil ich ihrer Mutter in der Noth beigestanden. Besondrer Umständehalber hatte ich ihr meinen rechten Namen verschwiegen und wünschte auch hier eben dieserUmstände halber nicht von ihr als Bekannter begrüßt zu werden. Das ist das ganzeGeheimniß. Hätte ich geahnt, daß dir dies Stückchen Brief in die Hände fallen würde,
oder hättest du nur lesen können, was vorher ging-aber halt, was fällt mir ein.
Weiß Leonhard auch von diesem Bruchstück? Sprich, Charlotte!"
Charlotte hatte sich abgewandt, ein tiefes Noth der Beschämung brannte in ihremAntlitz. „Ja", sagte sie leise, „seit einigen Tagen."
„Gott sei Dank, das gibt mir die alte Li.be zu meinen: Bruder wieder. Nunverstehe ich alles — nun kann ich auch der Mutter Versicherung glauben. Welches Un-heil hat dies Stückchen Papier gestiftet. Wer fand es, du oder Leonhard?"
„Ich fand es vor der Mutter Schreibtisch, vor fast einem Jahr, kurz »ach unsererVermählung. Ich wußte nie, wer jene PraxedcS war, bis — bis sie kam und ich eureBegrüßung am Eckzimmer sah. Auch Leonhard hatte euch gesehen; eine unvorsichtigeAeußerung von mir verrieth ihm, daß ich mehr wußte, und er ließ nicht nach mit Drän-gen, bis ich ihm alles sagte. — O Philipp schilt mich, verachte mich, ich habe es ver-dient, aber wenn Du wüßtest, was ich in diesem Jahre schon um jenes elende Blattgelitten —"
Wieder übermannten sie Thränen, sie schluchzte -heftig. Philipp war tief erschüttert,so hatte er sein alle Zeit so gehaltenes, kaltes Weib noch niemals gesehen.
„Ich sollte dich schelten, Charlotte, daß du bis heute schwiegest, wäre mir deinGeständniß nicht ein zu süßer Beweis deiner Liebe! Komm, liebes Weib, weine nicht so,ich kann es nicht sehen", sagte er weich und zog mit sanfter Gewalt ihre Hände vomGesicht fort und sie in seinen Arm. „Wir wollen vergessen, was war; wir wollen daserste Jahr unserer Ehe ausstreichen und nun erst recht beginnen, in treuer Liebe, ein Herz,eine Seele, wie es bei Eheleuten sein soll. Nicht so? Und morgen in aller Frühe gehenwir zu Leonhard, ihm seinen Irrthum zu nehmen; damit auch er und die arme Pra-xedes glücklich werden wie wir."
Charlotte hob ihr Antlitz, das sie an seiner Brust verborgen, zu ihn: auf. „Ja,Philipp, ich habe viel gut zu machen an dir, an Praxedes und allen."
Philipp küßte sein Weib und schaute ihr voll warmer Liebe in die feuchten Augen.
(Fortsetzung folgt.)
M i s e - l l e.
Bei einer Audienz des Generals Lafazett meldete sich Jemand zu einer Anstel-lung. „Ich bitte zu bemerken, daß ich ein Adeliger bin." — „Mein Herr", erwiederteder General, „das ist kein Hinderniß."
Für die Redaction verantwortlich: Nlpbons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag desLiterarischen Instituts von vr. M. Huttler.