Ausgabe 
(25.12.1880) 51
 
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Warum war sie so leichtsinnig und gewissenlos, in solche Heirath zu willigen?"meinte Charlotte kalt.

Das arme Ding, sie ahnte wenig, wohin man sie trieb und was ihrer hierwartete!"

Nun ich meine, so schlimm kann eS damit noch nicht sein, da du dich so für sieinteressirst."

Ich bin der einzige Freund, den sie hat, aber ich bin hier fast rathlos; ihr seidja alle gegen sie verschworen. Auch du, Charlotte. Wenn ich nur wüßte, was dichso gegen sie eingenommen."

Mich" fragte Charlotte errathend.Ich bin durchaus gleichgültig gegen sie."

So gleichgültig, daß deine Kälte fast wie Haß aussieht", sagte Philipp und richteteseine klaren Augen durchdringend aus seine Frau, welche die Blätter ihres Buches mitihren schlanken Fingern knickte und faltete.

Da irrst du so lebhafte Gefühle stehen gar nicht in dem Programm der Hei-dekerschen Frauen. Uns ist von klein auf gelehrt, daß es thöricht ist ein Herz zu habenoder Gefühl zu zeigen. Wir sind nur dazu da, dem Haushalt in Ordnung vorzustehen,die Wäscheschränke zu beaufsichtigen, vor den Hausgenossen und Gästen die aufmerksameWirthin zu spielen und dem Gatten gehorsam zu sein. Gehorsam und treu, ob erdas ist, ist Nebensache.

Sie hatte kalt aber mit unendlicher Bitterkeit gesprochen. Philipp hörte ihr stau-nend zu.Charlotte", rief er,wer fordert das? Du zweifelst doch nicht an meinerTreue?"

Du kannst dir selbst sagen, ob ich dazu Grund habe!"

Er schwieg ein Weilchen, dann trat er dicht an ihren Stuhl heran und sprach inherzlichem Ton:Charlotte, du weißt, ich bin ein Mann, der für wahrhaftig gilt.Laß kein solches Mißtrauen zwischen uns treten. Ich versichere dich, du irrst, wenn duan mir zweifelst, denn wo man liebt, da ist man auch treu; und ich liebe mein Weib;ich liebte dich lange, Charlotte, trotz deiner Kälte."

Philipp!" stammelte sie voller Verwirrung.

Ich habe mich öfter gesehnt, dir das zu sagen, aber deine ruhige Unnahbarkeitließ mich glauben, du seiest wirklich eine Frau nach dem Heidekerschen Programm, undich trauerte oft in meinem Herzen, daß ich meine Hoffnung, in meinem klugen Weibeeine Theilnehmerin meiner Gedanken, Sorgen und Gefühle zu finden, dahingehen sollte.Wird sie sich doch vielleicht noch erfüllen, fühlst du doch mehr für deinen "Gatten, alseine gehorsame Heidckersche Hausfrau. Wie? Darf ich hoffen, deine Liebe zu gewinnen?"

Er legte seine Hand auf ihren Scheitel und zwang sie, die gesenkten Wimpernzu ihm zu erheben. Aus ihren grauen Augen brach eine seltsame Glut, die jeden Aorwurfvon Kaltherzigkeit zu Schanden machte. Aber dann schüttelte sie seine Hand ab, sprangvon ihrem Stuhle auf und stand mit hochglühenden Wangen vor ihm.

Und Praxedes? O Philipp, betrüge mich nicht! Praxedes?"

Was hat mein Mitleid, meine Freundschaft für das arme Kind mit der Liebezu meinem Weibe zu thun?"

Du kanntest sie lange, du liebtest sie. Sie durfte die Arme um deinen Nackenschlingen, ihr Haupt an deine Brust legen, du nanntest sie das süßeste Geschöpf derWelt. O, ich weiß es wohl, ich weiß alles!" Sie legte die Hände vor das Gesichtund brach in Thränen aus.

Charlotte, liebes Weib, wer sagte dir das?" fragte er innig. -

Sie fuhr auf und sah ihn an.Ist es nicht wahr, Philipp? Und der Brief?der Brief?"

Welcher Brief?"

Sie flog zu der Kassette auf dem Nebentisch, nahm ein Papier heraus und legtees vor ihn hin.Hier, hier! Es ist deine Handschrift. Du schriebst ihn!"