Ausgabe 
(25.12.1880) 51
 
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belasteten Räder die Straße herauf, als sich ganz leise eine Thür auf dem voni Mondmatt erhellten Gang des Vorderhauses öffnete und eine kleine verhüllte Gestalt her-ausschlüpfte. Lauschend und zögernd blieb sie ein Weilchen stehen, dann ging sie eilig,vorwärts mit unhörbarem Tritt bis an des Lieutenants Zimmcrihür. Dort beugte siesich nieder, drückte die Lippen aus das kalte Messing des Drückers, lauschte einen Augen-blick auf den da drinnen ruhelos hin und herwandernden Schritt und eilte, sich gewalt-sam losreißend, der Galerie zu. Dort spähte sie wieder vorsichtig hinab, schwang sichdann, als unten alles still blieb der-Wächter war auf die Straße dem Wagen entgegengegangen über die niedrige Brüstung, glitt mit einiger Mühe an dem runden Pfeilerhinab und schlüpfte, als gerade der Wagen in das Thor rollte, von diesem gedeckt aufdie Straße. Zitternd, athemschöpfend lehnte sie sich an die Mauer des Nachbarhauses,während das schwere Thor klirrend geschlossen wurde; ihre Hände bedeckten einen Augen-blick die schwindelnde Stirn. Sie bemerkte nicht, daß von der andern Seite der Straßeein Mann im weiten Mantel herüber kam und neben ihr stehen blieb.

Praxedes? Bist du es?" fragte eine tiefe Stimme.

Mein Vater, o wirklich mein Vater!" schluchzte das arme geängstigt«: Kind undlag wie gebrochen in seinen Armen.

Er küßte sie wieder und wieder, dann fragte er:Du erhieltest meinen Zettelund sie ließen dich nicht früher frei, Praxedes?"

Deinen Zettel, nein ich weiß nichts davon. Ich erkannte dich heute Nachmittag,und als er mich dann verstieß, als ich so elend so grenzenlos elend war, da dachte ichwieder an dich. O, mein Vater, mein Vater, nimm mich hier fort, laß mich mit dirgehen, wohin du auch gehst. Laß mich an dem einzigen Herzen der Welt, das mich nochliebt, sterben!"

Praxedes, mein Kind, mein armes Kind, so haben sie dir mitgespielt, so hast dugelitten um deines Vaters willen! O, du Gott der Gnade, vergib mir und sei gedankt,baß du mir plötzlich jene unbczwinglichc Sehnsucht nach meinem Kinde ins Herz gabst!Komm, meine Praxedes, komm, wir entfliehen noch heute Nacht dieser Stadt, und waseines Vaters Liebe vermag, dich zu behüten, das soll dir werden. Wir trennen unsnicht mehr, ich hätte dich nie verlassen sollen;' aber nun will ich dich pflegen und hegen,bis du alles Böse vergessen, du bist ja mein letzter einziger Schatz, mein Kleinod, meineBlume, mein Kind!"

So flüsternd liebkoste der alte, bärtige, braune Mann sein herzkrankes Kind, undals er dann, den Mantel um sie schlagend, sie halb getragen dem Wirthshause zuführte,warf er noch einen flüchtigen Blick zu dem finsteren Heidekerschen Hause hinauf, undas Mondlicht glänzte aus ein paar hellen Tropfen, die in seinem grauen Bart hingen.

V.

Als Philipp von seiner Mutter kommend in sein Zimmer trat, fand er Charlottenoch wach und lesend neben dem Tisch sitzen. Sie blickte nur flüchtig auf, als er ein-trat, und schien, ganz in ihr Buch vertieft, gar nicht zu bemerken, daß er, unruhig imZimmer umhergehend, ganz in finstere Gedanken verloren war. Als er aber an denTisch trat, ein dort liegendes Buch aufnahm, hinwarf und wieder aufnahm, um es,ohne zu wissen, was er that, noch einmal hinzuwerfen, blickte sie auf und fragte:Washast du, Philipp? Du scheinst sehr aufgeregt!"

Das bin ich; denn ich weiß nicht, was davon werden soll so bleibenkann es nicht!"

Wovon sprichst du?" fragte sie und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

Von dem Verhältniß zwischen Leonhard und Praxedes. Es ist eine unseligeGeschichte. Sie sind verheirathet und sind es doch nicht, und Leonhard und ihr allebehandelt das arme Kind, das ohnehin schon durch ihre Stellung in einer schiefen Lageist, als wäre sie eine Verbrechern!. Es kann nicht so bleiben."