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dich allein wahr ist? Du bist nicht der einzige. Sie ist falsch gegen alle, falsch wie ihrVater, der — Verbrecher! Und du, du sollst mich am wenigsten hindern, Vergeltungzu üben für ihren — — für deinen —"
Die Stimme brach ihm in furchtbarer Erregung. „Leonhard," rief Philipp, „duweißt es doch, und du bist niedrig genug, ein schwaches Weib dafür büßen lassen zuwollen! Hast du sie in das Haus geschleppt, ihr Liebe geheuchelt, sie zu einem Opfer zumachen, so sage ich dir, ich werde das nimmer dulden, ich werde sie vor dir wie vorder Mutter zu schützen wissen."
„Versuch es, und laß dich betrügen; aber wisse auch, daß ich, und wenn ich siehaßte, sie mir nicht so leicht entreißen lassen werde." Damit stellte er sich drohend mitfunkelnden Augen vor PraxedcS' Thür auf.
„Leonhard," sagte Philipp plötzlich viel ruhiger, als er in die vor wilder Leiden-schaft zuckenden Züge des Bruders sah. „Leonhard, beruhige dich, ich werde nicht ohnedeinen Willen in ihr Zimmer dringen, dessen sei versichert, aber ich will gewiß werdenüber alles, was ich jetzt nicht an dir verstehe. Gehe mit mir zur Mutter hinüber, damitwir uns verständigen!"
„Zur Mutter gehe allein, ich habe weder mit ihr noch mit dir zu schaffen," riefLeonhard, stürmte in sein Zimmer und schloß die Thür. Philipp stand einen Augen-blick unentschlossen, dann ging er den Gang hinab dem Wohnzimmer zu.
Hatte Praxedes den Wortwechsel vernommen? Alles blieb still in ihrem Zimmer,und als Lena, bevor sie in ihre Kammer hinauf ging, leise über die Galerie schlich, umnoch einmal nach ihrem Fräulei'n, von deren Kranksein sie gehört, zu sehen, fand siediese noch auf dem Ruhebett, bleich und fröstelnd.
„Wollen Sie nicht lieber zu Bett gehen, Fräulein? Soll ich Ihnen helfen?" fragtedas Mädchen, nachdem sie sich vergeblich erboten hatte, ihr Thee oder andere Arznei-mittel zu holen.
„Ich danke dir Lena, ich werde gleich gehen! Sorge dich nicht um mich. Du bistgut, ich danke dir!"
„Ich hülfe Ihnen so gern, wenn ich nur wüßte wie!" sagte das gutmüthige Mäd-chen und sah mit Thränen in den Augen auf die kleine zusammengesunkene Gestalt vor ihr.
„Mir hilft Niemand als Gott, vielleicht bin ich bald bei ihm", sagte Praxedesmit so eigenthümlichem Ton, daß es Lena seltsam durchschauerte. „Aber geh nur, undhabe Dank." Sie reichte dem Mädchen die Hand, und Leua ging zögernd. Ihr leiserFußtritt verhallte bald im Gange, dann wurde es still. Nur einmal noch wurden dieThüren laut geöffnet und geschlossen, als Philipp von dem Zimmer seiner Mutter hinüber-ging. Er sah sehr erregt aus, und auch auf Frau Katharinas Gesicht lagen, als sienach seinem Fortgange m ihrem Zimmer auf und niederschritt, die Spuren des ebendurchkämpften Angriffs. Aber sie war doch wohl Siegerin darin geblieben, denn siehob ihren Kopf hoch, ihre Augen leuchteten in einem seltsamen Feuer und um ihre Lip-pen spielte ein Zug des Triumphes, als sie murmelte: „Er hat mich gerächt, unbewußtgerächt. Es gibt eine Vergeltung!" Sie blieb am Fenster stehen uud schaute, den Bil-dern der Vergangenheit, die zu ihr hinaufstiegen, zu entgehen hinaus. Der Mond schienwie vor einem Monat, da Leonhard das fremde Weib in das Haus brachte, voll undhell auf die Straße. Ein dunkler Schatten bewegte sich an den gegenüberliegendenHäusern; bald stehen bleibend, bald weiter wandernd, als erwarte er Jemand. FrauKatharina sah ihm ein Weilchen zu, dann schloß sie die Läden und legte sich zur Ruhe.Vor ihren Augen schwebte noch lange, bevor sie einschlief, der Schatten des auf undniedergehenden Mannes in: weiten Mantel. Das Heidekerschs Haus lag in nächtlicherRuhe, nur in Philipps Zimmer schimmerte noch ein Licht, und im Hofe ging der Wächterhin und her und klirrte zuweilen ein wenig ungeduldig mit dem im Mondschein blin-kenden Schlüsselbund. Es wurde noch ein Frachtwagen erwartet, und er wollte dasHosthor nicht eher schließen, bis er da war. Eben vernahm man das Rollen der schwer