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„Na, die mit dem Korbe; ich sollte ihr einen Brief geben."
„Gib her!"
Der Junge reichte, eingeschüchtert durch den grollenden Ton, dem Lieutenant dasPapier und Leonhard las: „An Fräulein von Sternbcrg!" — „Bon wem hast duden Brief?" fragte er nun mit vollstem Interesse, aber noch finsteren Brauen.
„Von einem Herrn aus der Straße!"
Leonhard hatte mit einem Nu das Siegel gelöst und überflog die Worte: „Wenndu mich heute erkannt, Praxedes, so komm, wenn du kannst, heute Abend dahin, wo dumich sahest. Bis spät werde ich deiner harren!" Die Unterschrift fehlte.
Er ballte das Papier in seiner Hand zusammen und stampfte mit dem Fuße, seineAugen flammten. „Ein Stelldichein! Auch das noch! Das Maß ist voll!" murmelteer durch die Zähne und wandte sich, ohne den Boten zu beachten, der sich eilig ausdem Staube gemacht hatte, dem Hause zu. In seinem schon vorher von Verdruß, Eifer-sucht, gekränkter Ehre und Zorn wüsten Kopfe schwirrte und summte es, er stand in derThür seines Zimmers, ehe er wußte, wie er hinaufgekommen war. Aber was sollte das?Dort in der Mitte des Gemaches stand Praxedes; die Hand auf das ängstlich schlagendeHerz gelegt, den Kopf lauschend vorgeneigt, die Lippen in athemloser Spannung geöffnet.Einen Augenblick ergriff ihn der Anblick mit dem ganzen Zauber der alten Liebe zu demreizenden Wesen, dann aber kehrte sogleich der Groll, den er in den letzten Tagen cin-gesogen, und den der Vorgang auf dem Hofe aufs höchste getrieben, in doppelter Gewaltzurück und trieb ihm das heiße Blut in die Wangen. „Was thust du hier?" kam esdrohend zwischen seinen Lippen hervor.
Praxedes hob die Hände zu ihm auf. „O, Leonhard was habe ich gethan? Sagees mir, ich ertrage es nicht, daß du mir so zürnst!"
„Darum fragst du noch, das wagst du noch zu fragen?" brach er von ihrem vor-wurfsvollen Ruf zur höchsten Leidenschaft gereizt aus. „Ist es nicht genug, daß ichum deinetwillen Dienst, Ehre und Beruf aufs Spiel gesetzt habe? Verlangst du, daßich dir auch noch schmeicheln soll wie Philipp, dir, die du mich betrügst, verräthst, hierim Hause und auf der Gaffe draußen wie eine Dirne? — Glaube nicht, daß du miralles bieten darfst; unser Bmrd ist nicht so fest, wie du denkst. Die Heirath ist fürungiltig erklärt; ich halte mich für gebunden, denn ich versprach, dich zu schützen, abermehr wie das verlange nicht. Meine Verachtung hast du, nicht meine Liebe."
Praredes senkte das Haupt, wie eine zerknickte Blume, kein Wort, kein Schmerzcns-laut kam über ihre Lippen, nur einen Blick, wie ein zum Tode getoffenes Reh, warf sieaus ihren nußbraunen Augen auf Leonhard, dann war sie hinaus. Mühsam schlepptesie sich zu ihrem Zimmer, warf sich auf das Ruhebett und kauerte sich dort tief in sichschauernd zusammen. — —
Als anr Abend die Hausgenossen sich zum Essen niedersetzten, fehlte Praxedes.Philipp fragte nach ihr. Niemand wußte, was sie hinderte, es pflegte sich ja keiner umsie zu bekümmern, auch Leonhard zuckte finster die Achseln, er saß brütend auf seinemPlatz und ließ alle Speisen unberührt. Philipp ging sogleich nach aufgehobener Tafelden Gang hinab zu Praxedes' Stube, seine Hand berührte schon das Thürschloß, als ersich mit schwerem Griff erfaßt und fortgeschleudert fühlte.
„Was willst du drinnen?" fragte Leonhards Stimme in schwer unterdrückter Auf-regung.
„Ich will sehen, was Praxedes fehlt, da sich niemand um sie zu bekümmern scheint,"entgegnete Philipp.
„Wenn ich das aber nicht erlaube; sie ist mein Eigenthum!" rief Leonhard drohend.
„Sie ist dein Weib, aber nicht deine Sklavin, welche du quälen und peinigen darfst,wie du willst. Und ich sage dir, es ist eine Schande, wie du sie behandelst!"
„Meinst du? Du wolltest sie wohl darüber trösten?" höhnte Leonhard. „Aberhoffe nicht, daß sie dich nicht eben so betrügen wird als mich. Meinst du, daß sie gegen