Ausgabe 
(25.12.1880) 51
 
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fen Jonas, der ganz zu seiner Herrin hielt und sie wie einen Eindringling betrachtete,mit irgend etwas behelligte. Daß der alte Jonas in seinen Rechten gekränkt, sie, weildas sämmtliche Küchenpersonal, durch Lena aufgehetzt, sich gegen ihn und sür das Fräu-lein aussprach, darum bei Frau Katharina als eine Jntriguantin darstellte, ahnte Pra-xedes nicht, und bemerkte in ihrer Trauer ebensowenig, daß der Hausfrau Kältegrad nochum einige gestiegen waren. Von Philipp hatte sie gehört, daß die Sache mit dem Kon-sens noch nicht geordnet, den Abschlag und die Antwort des Königs wagte er ihr nichtmitzutheilen; aber sie sah oft, wie mitleidig sein Auge auf ihr ruhte, und heute hatteer ihr bei Tisch zugeflüstert, als er bemerkte, daß sie über Leonhards finsteres Auswei-.cheu mit den Thränen kämpfte:Noch einen Tag Geduld, meine kleine Freundin, dannbin ich wieder etwas freier und werde versuchen, alles ins Klare zu bringen. So kannes nicht fortgehen."

Was dachte er zu thun, wie wollte er ihr helfen? dachte sie, als sie die Straßehinabblickte. Müde und unbewußt verfolgte ihr Blick die Gestalt eines Mannes imweiten Mantel, welcher langsam an der gegenüberliegenden Seite im Sonnenschein auf-und abschritt. Jetzt schlug er den Mantel weit auseinander, nahm den Hut ab undwarf den Blick zu ihr hinauf. Praxedes Blick leuchtete plötzlich auf, sie hob die Händezum Haupt wie im Schrecken; des Mannes Finger legte sich Schweigen gebietend aufseine Lippe», dann ging er weiter, als sei nichts geschehen. Praxedes athmete tief unddrückte die Hände gegen die Brust.Er ist es, er ist es! Er kommt mich zu retten,mich zu erlösen? Zu erlösen? Von wem? Von Leonhard! O, Leonhard, Leonhard!"Ihr Haupt sank auf das Fensterbrett, und bittere heiße Thränen entströmten ihren bren-nenden Augen.

IV,

Es begann zu dämmern, als Lena, mit einem Korbe am Arm, eilig dem Heideker-schen Hause wieder zuschritt. Sie überrechnete noch einmal all die Aufträge der Schaff-nerin und blickte in den Korb, sich zu überzeugen, ob auch die Seide für Fräulein Pra-xedes' Stickarbeit, die sie mitbringen solle, dort noch sicher ruhe. Sie bemerkte es nicht,daß ihr ein Mann, der ihr unentschlossen, bald schneller, bald langsamer gehend, gefolgtwar, jetzt einen kleinen Jungen aufgriff, ihm ein Geldstück und ein Papier in die Handgab, hastige Worte sprach und zu ihr hinzeigtc. Der Junge hatte ihn besser verstanden,er setzte seine Füße plötzlich in die schnellste Bewegung, rannte hinter Lena her und liefsogar durch die Thorthüre in den Hof des Heidekerschen Hauses, in dem Lena eben vorihm verschwunden war. Dort aber sah er sich stillstehend um. Das Mädchen war fort,und die vielen Packereien und Wagen machten es ihm unmöglich, sie sogleich wieder zufinden. Was war zu thun? Zurückgehen wollte er nicht aus Furcht, das Geld wiederhergeben zu müssen, zurechtfinden konnte er sich nicht. Er beschloß zu warten, bis ihnJemand zu ihr wiese. Er kletterte auf eine Tonne, von wo er den Haupttheil desHofes übersehen konnte, und vertrieb sich die Zeit, indem er wiederholt mit den Hackenan das leere Faß schlug und die Verschiedenheit der hervorgebrachten Töne beobachtete.Eine ganze Zeit war mit diesem Spiel hingegangen, als die Erscheinung eines großenHerrn in Uniform seine Füße plötzlich zum Stillstand brachte. Er kam durch das Thorgerade auf ihn zu und sah so grimmig aus, das; dem Jungen auf seinem hohen Sitz dasHerz zn klopfen begann. Es war Leonhard von Litten, welcher eben von seinem Oberstdie offizielle Rüge und die Versicherung von seines Königs Ungnade über seinen Unge-horsam unter vier Augen erhalten hatte. Er war schon am Mittag aufs höchste gereiztüber Philipps Geflüster mit Praxedes fortgegangen, und jener dienstliche Vorgang warnicht dazu gemacht, seine Laune zu bessern. Jedes Ding ärgerte ihn und nun auch derJunge auf dem Fasse.Was hast du hier zu thun?" herrschte er ihn an.

Ich warte auf das Mädchen!" stotterte der Junge erschrocken.

Auf welches Mädchen?"