402
zu trennen, und das wird ihr mit der Zeit schon gelingen, sie setzt alles durch, was sie—ah, sieh da, dort geht eben die Lena über die Straße, sie macht um diese Stundenstets die Besorgungen. Morgen! Morgen!" Er grüßte nickend zum Fenster hinaus;der Fremde warf einen schnellen Blick aus das Mädchen, kehrte dann zu seinem Mahlzurück und that noch mancherlei Fragen nach der Verwaltung der Stadt und dergleichen,welche der Wirth bereitwillig beantwortete, bis er bemerkte, daß des Fremden Aufmerk-samkeit lässig wurde und er überflüssig, da entfernte er sich. Kaum war er aus dem Zimmer,so warf der Reisende Messer und Gabel hin, ging mit erregten Schritten auf und nieder,trat an das Fenster, schaute hinüber nach dem Kaufhause, begann wieder zu wandernund schaute wieder hinaus. Endlich warf er den Mantel um, trank im vollen Zuge einGlas Wein aus und trat mit wenigen Schritten auf die Straße hinaus. Dort ginger langsam an der Seite des Gasthauses abwärts bts an die Biegung der Straße, woder die Häuser hell bestrahlende Sonnenschein aufhörte. Hier Kehrte er um, als sei esihm nur um die Sonnenwärme zu thun, ging wieder hinab bis über das Gasthaushinaus, blieb stehen, sah den Arbeitern zu, die in dem großen, durch ein eisernes Thorvon der Straße getrennten, Hofe des Heidekerschen Hauses beschäftigt waren, blickte auchwohl weiter gehend zu den Fenstern empor und wandelte wieder auf und ab. Es warauch nicht übel dort zu wandeln als Erfrischung nach der langen Fahrt, wie auch derGastwirth, ihm einmal von der Thür zunickend, meinte. Die Februarsonne schien sowarm, der Star, der auf dem Giebel des Heidekerschen Hauses saß, zirpte so vergnügt,daß der Fremde mehreremal zu ihm aufschauend stehen blieb. Einmal schlug er sogarden Mantel ganz auseinander und nahm den Hut ab, um den weichen Wind sich umdie Schläfen spielen zu lassen. Dann aber trat er wieder ins Wirthshaus zurück.
Praxedes saß wie gewöhnlich nach Mittag am Fenster des Eßzimmers mit ihremBuche vor sich. Es schien sie nicht sehr zu fesseln; schwer ruhte ihr Haupt in der stützen-den Hand, und müde und traurig schauten ihre Augen, ohne zu wissen was sie sahen,auf die Straße. Ihr ganzes Herz füllte nur ein Gedanke. Was hatte sie Leonhardgethan, daß er ihr so zürnte und sie mied wie eine Fremde!? Seit Philipps Rückkehrhatte er kaum ein Wort mit ihr gewechselt und war jedem Alleinsein auSgewichen. DreiTage hatte sie hier horchend und wartend gesessen in der Hoffnung, daß er ihr bei ihremgewohnten Plauderaugenblick auf dem Gange sagen würde, was sie gethan; aber erkam nicht, und sie hörte von Lena, der Herr Lieutenant gehe jetzt stets über die Galeriein das Hinterhaus, durch die Gesindestube, die Treppe hinab, durch den Packhof undso auf die Straße. Das war alles um ihr auszuweichen, um nicht an ihrem Zimmerund dem Eßsaal vorüber zu müssen. So sah sie ihn nur bei den gemeinsamen Mahl-zeiten, zu denen er spät kam und sogleich wieder forteilte; denn auch Abends kam er
nicht mehr zu dem Kreis in das Wohnzimmer, den Philipps Unterhaltung dann belebte,wenn er nicht, was auch öfter geschah, mit Charlotte zu Freunden gebeten war. WiePraxedes litt, ahnte Niemand, dem es nicht ihr matter werdender Blick, die blässerenWangen und ihr müder Gang verriethen; aber sie hatte stets ein freundliches Lächeln fürjede Aufmerksamkeit, nahm stumm die Ausfülle der Mutter und Charlottens auf, die jedochnie in Philipps Gegenwart geschahen, und klagte niemals, weder gegen Philipp, der sie
mit freundlicher Sorge umgab, wo er sie sah, noch gegen Lena, ihre beiden einzigen
Freunde im düsteren Hause. Lena, ein treues Mädchen, welche gleich vom ersten Tagean eine große Vorliebe für das hübsche kleine Fräulein gefaßt hate, that in ihrer Weisealles, die Lage derselben zu erleichtern. Obgleich es gegen Frau Katharinas strengeHausordnung war, daß sich Jemand von dem Dienstpersonal des Hinterhauses außer in denbestimmten Zeiten, wo es ihre Arbeit erforderte, in den vorderen Räumen sehen ließ,und Jonas als einziger Vermittler zwischen Küche und Herrschaftsstuben, sein Recht eifer-süchtig hütete, so wußte Lena doch oft diesem Cerberus zu entgehen und Praxedes bald dies,bald jenes zu besorgen; weil sie wußte, daß diese lieber alles entbehre, als daß sie den stei-