Ausgabe 
28 (5.7.1868) 27
 
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solche nicht nöthig erachtet wird, daß man sie räthselhaft erscheinen läßt, oder die Spurvon dem wirklichen Thäter abzulenken sucht. Nun wohl, und dennoch sind die Jndicien,welche auf den wirklichen Thäter zurückführen, unvermeidlich, sie sind eine nothwendigeConsequenz des Verbrechens.

Der Mord ist eine That, zu welcher die höchste Anspannung der menschlichen individu-ellen Natur des Mörders gehört. Seine Gedanken concentrircn sich auf ein Ziel, ihrehöchste Kraft findet Ausdruck in einem Moment der That. Das die Gedanken zusammen-haltende Object dcS Mörders hört auf zu existircn und in die verbrecherische Gedanken-sphäre tritt eine Art vonAnarchie" ein. Er ist nach dem Verbrechen einandererMensch" geworden, als er vor demselben war, die vollkommene Selbstbewußtheit, dieer der Absicht, den Mord zu begehen, verdankt, hält nur so lange vor, als ihre Ursacheexistirte. Mit dem Gemordeten treten andere Ursachen, andere Affccte, andere Wirkungenein. Die überangespannte Gedankenthätigkcit vor der That verlangt nach derselben einenMoment der Ruhe, die Kraft der Gedanken und mit ihr die nothwendige Vorsichtverläßt den Mörder und er, der vielleicht mit der raffinirtestcn Schlauheit 99 Spurenvernichtet, läßt die Nächstliegende Spur bestehen, die sich so häufig gerade als die aller-handgreiflichste erweist. Denn wenn es z. B. wahr ist, daß Julie v. Ebergenyidie Thür der Gräfin Chorinsky von Außen verschlossen, den Zimmerschlüssel mitgenommen und aufbewahrt hat, so wird uns jeder ehrliche Mann und jeder VerbrecherRecht geben, daß dies eine grenzenlose Stupidität war, welche schon von München aus,als man den Schlüssel vermißte, den Gedanken an Selbstmord ausschließen und dieSpur auf die Ebergenyi leiten mußte. Der Mörder selbst ist zur geistig und gemüthlichvöllig isolirten Existenz in der Gesellschaft geworden! die Selbstcontrole seiner Hand-lungen, seines Wachens und Schlafens ist ihm ein Vertheidigungsmittel; er lebt von demAugenblick seiner That in einem permanenten geheimen Krieg gegen die Gesellschaft, er,der Einzelne, gegen Millionen! Er ist buchstäblich der Sclave jedes Zufalls geworden.Die physischen Kräfte eines Menschen halten dies nicht aus; er wirdmürbe" und bekenntvielleicht, ja sehr häufig gerade bei den Jndicien, bei denen er am wenigsten Ursachehätte, zu bekennen.

Jahr und Tag hatte jener Holstciner, Timm-Thode, geleugnet, Vater, Mutter undsämmtliche Geschwister erschlagen, und den einsamen Hof in Brand gesteckt zu haben.Keine einzige Jndicie lag gegen den Mörder vor Er ging frei umher, und Diejenigen,welche es wagten, an seiner Unschuld zu zweifeln, wurden gar scheel angesehen.Und was führte zur Entdeckung? Der Mörder äußerte die ganz natürlich scheinenderAbsicht, den Ort, an welchen sich für ihn so herzzerreißende Erinnerungen knüpften, zuverlassen und nach Amerika auszuwandern. Dieser Moment war in der Presse den Richternbereits seit Monden prognosticirt. Timm-Thode's Wunsch wurde mit einer plötzlichenabermaligen Verhaftung beantwortet. Der Rückschlag auf seine geistige Jdividualitätwar momentan so stark, daß er gestand.

Der Mörder blieb bis zum Tode der Böscwicht ohne Reue, voller Frechheit,der er stets war. Was bei diesem angegebenen Fall noch räthselhaft erscheint, ist, daßder Verbrecher acht Menschen unter Umständen, die seiner That entschieden ungünstigwaren, ohne Mithilfe Anderer tödtcn konnte wie er behauptet. Wir unsererseits sindnoch heute überzeugt, daß irgend ein Helfershelfer dabei mitwirkte, der sich bereitsnach Amerika geflüchtet haben und seinen Theil an der Beute in irgend einer Weiseerhalten haben mag.

Dieser Zustand einer Besinnungskraft, welche jeder Mörder nach vollbrachtem Mordenur bis zu einem gewissen, aber nicht in dem Grade besitzt, wie er Unschuldigen eigen-thümlich ist, erzeugt also nothwcndigerweise Jndicien. Man darf dreist behaupten, jedeverbrecherische That trägt den Keim ihrer Entdeckung in sich. Wie ein fremdes Klimaauf den Organismus des Menschen wirkt, so ist das Verbrechen eine plötzliche Versetzungdes Individuums in ein anderes sociales Klima; der Verbrecher muß der Natur seinen