Ausgabe 
28 (5.7.1868) 27
 
Einzelbild herunterladen

214

Ueber Berbrechen und deren Entdeckung.

Die Leser einer Zeitung können nicht Alle ehrliche Leute sein. Die ungeheure

Mehrzahl sind es gewiß, denn sonst würden wir mit einer Grobheit debutiren und wir

haben nicht die Absicht, grob zu sein. Diese Zeilen sind berechnet für den voraussichtlichsehr kleinen Leserkreis dieses Blattes, welcher aus Mördern, Räubern und Dieben, oderSolchen, die es werden wollen, besteht, um ihnen mit aller Licenz, die dem Feuilleton!- ^

stcn zu Gebote steht, zu sagen, daß sie- Dummköpfe sind, und daß das

schlechteste Geschäft, welches der Mensch ergreifen kann, das einer gesetzlich verbotenenHallunkenschaft ist.

Man thut unter zehn Fällen sicher einmal unseren Kriminalisten Unrecht, wenn manihrer aparten Schlauheit Weihrauch streut. Zu einem guten Kriminalisten gehörtKenntniß der menschlichen Natur und Verständniß des menschlichen Interesses, undwenn die Herren Verbrecher eine Ahnung davon hätten, daß sie fast immer selber

es sind, welche der Gerechtigkeit in's Netz laufen, die Verbrechen würden seltener

werden.

Der ärgste Feind eines jeden Verbrechers ist der Standpunkt, auf den er sich durchdas Verbrechen selbst stellt. Er wird Mitglied einer isolirten, außergewöhnlichen Mino-rität in der Gesellschaft, und das Auge der Gesellschaft muß auf ihn fallen. Der alte^Satz: Ist ein Verbrechen begangen, so frage, wer den Nutzen davon hat und duentdeckst den Thäter; dieser alte Satz ist richtig. Aber derNutzen" ist es eben, dernicht immer leicht zu entdecken ist. Zum Glück ist der Verbrecher mit Nothwendigkeitgezwungen, der Gerechtigkeit selbst entgegenzulaufen. Der Spitzbube braucht für dasgestohlene Gut sehr häufig einenHehler". Das gestohlene Gut, welches dem individu-ellen Besitzer entschwindet, vertauscht den Winkel des Zimmers mit einer Art vonMarkt. Der Dieb hat einen vielköpfigen Zufallsvcrräthcr gegen sich entfesselt in dem- ,

selben Augenblick, als er für die gestohlene Uhr das Geld empfängt. Sein gestohlenes A

Objekt ist das Werkzeug der Spekulation geworden. Er hört auf, Herr seiner eigenenThat, Herr seines eigenen Geheimnisses zu sein. Seine Vorsicht, die er beim Stehlen,beim Einbrechen beobachten konnte, ist schutzlos geworden, sobald er sich von dem ent-wendeten Objekt trennt, und das, was man denZufall" nennt, der zur Entdeckungführt, ist in Wahrheit Nichts als das letzte Glied in der Kette von logischen Nothwen-digkeiten. In den Zeiten des Jack Sheppard hat ein excentrischer Engländer einmal

eine Belohnung von 1000 Pfd. St. ausgesetzt für Denjenigen, der ihm einen Spitzbubennachweisen könne, welcher, ohne mit den Behörden in Conflict gekommen zu sein, dieFrüchte seiner Diebstähle bis an sein Ende, eventuell auch nur 10 Jahre lang ge-nossen hätte. Es hat Niemand diese 1000 Pfund Sterling verdienen können! DerDieb, welcher eine Gelegenheit zum Stehlen gefunden hat, schafft selbst hundert, ofttausend Gelegenheiten gegen sich, um entdeckt zu werden, und eine hochlöbliche Polizeimüßte dümmer als dumm sein, wenn sie die dicbesfcindlichen Gelegenheiten nicht festhielte. Der Verbrecher in der Gesellschaft ist ein Ausnahmsmensch derselben, eine Existenz,welche sich selbst isolirt hat, und das Jsolirte zieht die Aufmerksamkeit in einer oder der andernWeise immer an.

Doch halten wir uns bei der Kategorie der gewöhnlichen Spitzbuben nicht auf.Betrachten wir die großen Verbrechen, jene Handlungen, zu denen ein gewaltiger Effektoder eine gewaltige Willenskraft nothwendig ist. Nach entdeckter That schüttelt die Weltso oft den Kopf und fragt erstaunt:Wie konnte der Mensch nur so dumm handeln? Er »mußte ja entdeckt werden!" Wir sind überhaupt immer sehr klug, wenn wirvornRathhause kommen." Diese scheinbarenDummheiten" sind eben stets mit demVerbrechen im Zusammenhang stehende, logische Conscquenzen desselben. !-

Es ist ein Mord geschehen, gleichviel ob prämeditirt oder mit Affect. Die Spurender That werden verwischt, oder die That wird so begangen, daß ihre Verdeckung als