zu ihrem Lager, und er, wie alle Geschwister, widmeten ihr unter Thränen der zärtlichstenTheilnahme alle Pflege und Tröstung, die nur die liebevollste und besorgteste Mutter auihr Kind verschwenden kann.
Kaum hatte sich die Nachricht im Dorf verbreitet, Clementina sei schwer erkrankt,als die Dorfbewohner zum „großen Hause" herbeieilten, begierig, Trost oder Hilfebringen zu können.
Clementina war nach kurzer Zeit wieder zu sich gekommen, und hatte ihrem Herzenin einem Strom von Thränen Luft gemacht. Ihre Geschwister wachten die ganze Nachtan ihrem Bette.
„Wenn der Schmerz, der dieses junge Mädchen ängstigt, — so mußte ich mirsagen — der Schmerz um den Verlust der Mutter ist, so hat er keinen vollen Grund,denn wer bei Allen, die ihn umgeben, Mutterliebe und Muttersorge in solchem Maßefindet, sollte die Mutter kaum also vermissen können!"
Am folgenden Tag befand Clementina sich besser, die Bestürzung der Geschwisterund Nachbarn hatte der Beruhigung Raum gegeben.
Ich aber begriff, daß in diesem Hause ein Geheimniß walte, um dessen willen dieAnwesenheit eines Fremden, dem man es zu verbergen genöthigt war, nur lästig seinkonnte. Ich maaste mich reisefertig und reiste auch wirklich ab, so sehr Miguel undseine Geschwister, Clementina selbst nicht ausgenommen, meinem Vorhaben entgegentraten.
Miguel ließ es sich aber nicht nehmen, mir bis an den Fuß der Anhöhe, aufwelcher das Dorf liegt, das Geleit zu geben
Wir sprachen unterwegs von Clementina, und mehr als einmal bemerkte ich, wieMiguels Auge thränenfeucht wurde, wenn ich von der Theilnahme sprach, die ich für seinetrauernde Schwester empfinde.
„Ihre Schwester," sagte ich, „welche bei Allen, die sie kennen, so viel Liebe undTheilnahme erweckt, muß gewiß ein herzensgutes. . . ."
„O gar so unglücklich ist sie," erwiderte mir Miguel ticfbekümmert.
„Sie haben Recht," erwiderte ich, „Unglück und Seelengüte geben gleichen Anspruchauf die Liebe und Theilnahme edler Seelen."
Indem Miguel diese Worte hörte, welche nur eine tiefe, auf mein ganzes Leben ge-gründete Ueberzeugung meiner Seele aussprachen, schien er zu verstehen, daß in meinemHerzen ähnliche Empfindungen wogten, wie in dem seinigen, wenn auch ihm nur ein un-vollkommener Ausdruck der seinigen gegeben war.
Von Neuem wurden seine Augen feucht, und seine Hand suchte die meinige, um siezu drücken.
„Ich kann mich nicht von Ihnen, vielleicht für immer trennen, mit dem HerzenSvor-wurf, einem Mann, der so mit mir fühlt, etwas verheimlicht zu haben. Hören Sie dieLeidensgeschichte an, von der Sie in meinem Haus sicher etwas geahnt haben."
„Ja Miguel," sagte ich, „ich habe wohl geahnt, daß tiefe Schmerzen bei Euchwohnen, wenn ich auch ihren Grund nicht zu ahnen vermochte. Möge aber ihre Ur-sache wie immer sein, ich werde sie achten und mit Euch betrauern, wohin mich auchmein Lebensweg führen mag."
Und während wir durch die lachenden Thäler und Hügel hinwandclten, wo nur dieunumstößlichste Erfahrung uns überzeugen kann, daß auch hier der Schmerz noch wohnt,erzählte mir Miguel die Geschichte der Seinigen.
Es sei mir erlaubt, die Sprache deö ungebildeten, aber edlen Landmanns in dieunsrige zu übertragen. Wollte doch Miguel nur, daß ein Mann ihn verstehe, währendich schreibe, auf daß mich nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen verstehen, jaselbst das jüngere Geschlecht.
(Fortsetzung folgt.)