Ausgabe 
28 (5.7.1868) 27
 
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wenige, aber mein Großvater selig Pflegte zu sagen, daß keine besseren in Spanien heraus-gekommen sind."

Aus Achtung für des Baskenlandes Vorrechte, für Cantabriens Befreiung und fürden Don Quixote suchte ich mich des Lächelns zu enthalten.

Wir Andern," fuhr Miguel lächelnd fort,geben uns zwar überhaupt mit demLesen nicht ab, dagegen sperren wir Mund und Nase auf, wenn Clementina uns vorliest."

Die Schwester erröthete bei diesem Lobe des Bruders.

Seit aber Ihr Großvater," bemerkte ich,oder Ihr Urgroßvater die Bücher ge-kauft hat, deren Sie erwähnten, sind viele andere und darunter auch recht gute aus Lichtgekommen, und ich bedaurc lebhaft, daß Sie keines derselben besitzen."

Wenn Sie uns einmal ein gutes Buch bringen wollten, so würden Sie wohlerleben, wie gut die Schwester es uns vorzulesen weiß."

Ich habe einige gute bei mir, und bitte Sie, dieselben von mir anzunehmen undan der Seite des Don Quixote aufzubewahren."

Wir nehmen Ihr Geschenk von ganzem Herzen an," rief Miguel aus, indem ermir herzlich die Hand drückte.

Ich hatte in meiner Reisetasche eine vollständige Ausgabe von Fernan Caballero's Werken, welche ich dieser vortrefflichen Familie überließ, indem ich schon im Vorgefühlemich der edlen Empfindungen und des reinen Vergnügens erfreute, welche, wie überall,so auch hier, aus den Schöpfungen der großen Sittenmaler in der spanischen Nation er-wachsen würden.

Miguel bat voll Freude und Zärtlichkeit seine Schwester Clementina, gleich Etwasaus diesen Büchern vorzulesen.

Clementina, deren Trauer selbst durch ihr Lächeln sichtbar war, lächelte freundlichund beeilte sich, ihrem Bruder gefällig zu sein, oder vielmehr uns Allen, da wir Alleunsre Bitten mit den seinigcn vereinten.

In dem Buche, aus welchem Clementina las, malt Fernan Caballero mit allemZauber ihres bewunderungswürdigen Pinsels das gute, edle, tugendhafte Weib, als Jung-frau und Mutter, als Tochter und Gattin.

Je > eiter Clementina las, desto mehr füllten sich ihre Augen mit Thränen, undeine tödtliche Blässe überzog ihr trauerndes Angesicht. Ihre Bruder bemerkten es undwurden unruhig, ja Miguel machte eine Handbewegung, wie um ihr anzudeuten, sie mögedas Lesen unterbrechen. Da aber Clementina gleichwohl weiter las, so näherte Miguelsich ihr, indem er abwechslungsweisc sein Auge bald auf das Gesicht des Mädchens, baldauf die nächstfolgende Seite des Buches heftete.

Ich suchte mir dies Alles zu erklären und sagte bei mir:

Dieses Buch, so rein und schön in jeder Hinsicht, bewegt die arme Clementina biszu Thränen, weil sie, ähnlich meiner geliebten Lebensgefährtin, die mich in der Heimatherwartet, wahrscheinlich eine besondere Neigung hat, in den Büchern, welche sie liest, denAusdruck ihrer eigenen Schmerzen und Freuden zu erblicken. Ihre Brüder verstehen siewohl, mögen sie aber nicht unterbrechen, weil sie hoffen, daß der Inhalt des Bucheseine andere Wendung nehmen wird; in dieser Hoffnung sucht wohl Miguel immer dienächstfolgende Seite im Voraus zu prüfen.

Das Mädchen in Caballero's Schilderung war im Begriff, Gattin zu werden, un-schuldig und rein, wie sie von der Mutter Brust gekommen war, vergöttert von denJünglingen, der Stolz und das Glück ihrer Eltern und Brüder.

In diesem Augenblick entsank der armen Clementina das Buch, und sie selbst wäreihm zum Boden nachgefolgt, Hütte nicht Miguel die von einer todtähnlichen OhnmachtErgriffene in seinen Armen festgehalten.

Groß war die Bestürzung, welche dieser Vorfall im Hause hervorrief. Während derArzt des Dorfes gerufen wurde, brachte Miguel in seinen kräftigen Armen die Schwester