Ausgabe 
28 (5.7.1868) 27
 
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ii.

Als ich die Gastfreundschaft der Bewohner desgroßen Hauses", wie man es imDorf nannte, annahm, gedachte ich, gleich des folgenden Tags meine Reise fortzusetzen.Allein man bat mich so dringend, einige Zeit zu bleiben, alle Bewohner des Dörfchenskamen mir mit solcher Herzlichkeit entgegen, kurz, es gefiel mir in jeder Beziehung so gut,daß ich noch am Ende einer Woche den gastlichen Ehrenplatz am Heerde des Majorats-herrn einnahm.

Was mir besonders rührend auffiel, war die hingebendste Liebe, die zärtlichste Rück-sichtnahme, deren Gegenstand Clementina für ihre Geschwister war. Es war für michein Schauspiel, das mich eben so tief bewegte, als erfreute, wenn ich diese kraftvollenjungen Männer sah, wie sie vor dem tiefen Schmerze ihrer Schwester so sanft wieKinder wurden.

Von Natur schwache und dem Schmerz nicht gewachsene Menschen sieht man derSchwäche und dem Schmerz Rücksicht tragen, ohne daran etwas Besonderes zu finden.Wenn aber ein Mann voll Körper- und Geisteskraft, rauh und unerschütterlich wie dieEichen, die das Thal umwalden, worin ich dieses schreibe, sein ganzes Wesen an dieSchwachheit, an den Schmerz dahingibt, bloß um sie zu schützen, ihn zu trösten, so istdieß ein Anblick, den wohl Niemand mit trockenen Augen zu schauen vermag.

Um das Gesagte zu erläutern, will ich nur eines einzigen Vorfalles erwähnen, dersich eines Abends während meiner Anwesenheit in demgroßen Hause" zutrug.

Der Tag war wunderschön gewesen. Miguel und seine Brüdcr hatten denselben instrenger ländlicher Arbeit mit ihren Knechten und einigen Taglöhnern zugebracht; ich hattemit Büchse und Fernglas Wälder und Höhen durchstreift.

Nach dem Gebetläuten fanden wir uns Alle in demgroßen Hause" zusammen.Herrschaft, Gesinde, Taglöhner und Gast genossen, wie immer, vereint ihr Abendbrod,und auch dem gewaltigen Krug voll kühlen, sprudelnden Landweins, welchen Miguel ausdem Keller heraufbefördert hatte, ward wacker zugesprochen.

Nachdem wir, getreu der ehrwürdigen immer noch unerschüttcrten Sitte des Landes,Gott für die Gaben gedankt hatten, die seine Gnade uns zugewendet, so kamen Miguelund seine Brüder im Lauf des Abends auf Bücher zu sprechen. Die Guten beneidetenden Beruf eines Schriftstellers, unbekannt mit den Dornen, die auf seiner Laufbahnwachsen, wenn er mit Ehre und Würde sie wandeln will.

Sie verstanden nichts von Büchern, aber in ihrem edlen und zarten Gefühl glaubtensie zu ahnen, Bücher seien das Heiligthum, in welchem die Blüthe der Weisheit undsittlichen Schönheit verwahrt sei, so oft auch Unwissenheit und Leidenschaft dieses Heilig-thuyl entweihen.

Sie müssen gewiß reich an Büchern sein!" sagte Miguel zu mir.

Ich erwiderte ihm, daß ich deren nicht viele besitze, weil mir die Mittel zu ihrerAnschaffung fehlen; dagegen glaube ich, daß diejenigen, welche ich besäße, auch wirklichgut seien.

Du lieber Gott ! Und wie angenehme Stunden müßten Sie zubringen, indem SieIhre Bücher lesen!"

Gewiß," sagte ich,vielleicht die angenehmsten meines Lebens. Aber pflegen Sieund die Ihrigen nicht zu lesen?"

So gut wie gar nicht," war die Antwort.Denn die vier Bücher, die wir imHaus haben, wissen wir schon längst Alle auswendig."

Und was für Bücher sind dies?"

Das will ich Ihnen gern sagen: Das Leben des heiligen Ignatius von Lojola,die Abenteuer des Don Quixote, die Vorrechte des Baskenlandes und das befreite Can-tabrien; vielleicht noch zwei oder drei Lebensbeschreibungen von Heiligen. Es sind nur