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Ich fragte nach einer Herberge, wo ich die Nacht zubringen könnte. Es war kein ^
Wirthshaus im Dorf, allein man ließ mir nicht Zeit, mich darob zu grämen, denn eswar kaum ein Landmann in dem Dörfchen, der sich nicht beeilt hätte, mir mit herzlicherund achtungsvoller Freundlichkeit einen Platz an seinem Hecrd, ein Lager in seinem Hausanzubieten.
Unter denen, welche mich so gastlich einluden, ragte ein schöner Jüngling hervor, ^welchen seine Lai dslente den Majoratsherrn nannten. Er war weniger dürftig gekleidet,als die Andern, gleichwohl war seine Tracht die eigenthümliche dcS BaSkcn-Landes, nurdaß er statt einer blauen, weißen oder rothen Mütze eine dunkle, und um den Hals, atüZeichen der Trauer, ein schwarzes Florband trug.
Ich habe ein Recht darauf, sagte dieser Jüngling, Sie um den Borzug für meinHaus zu bitten, denn ist auch der gute Wille meiner Landsleutc so groß wie der meine,so bin ich doch in der Lage, Ihnen größere Bequemlichkeiten anzubieten.
Dieß bestätigten die Andern und traten mit ihren Einladungen zurück.
Ich nahm also die Gastfreundschaft Miguels des Majoratshcrrn an.
Sein Haus war in der That ohne Vergleich das größte und stattlichste des Dorfes.
Es erhob sich an dem der Kirche entgegengesetzten Ende des Nußbaumwäldchcns. Aufdrei Seiten stieß es an einen mit Reblauben umzäunten Garten, welchen nach allen Rich-tungen lange Reihen früchtebeladener Bäume durchkreuzten. Die Hauptseitc des Gebäudeswar dem Walde zugekehrt, über der Eingangsthüre befand sich ein geräumiger Balcon, .beschattet von zwei mächtigen Reblauben, und über dem Balcon ein steinernes Wappen,damals mit schwarzem Flor verhüllt, zum Zeichen der Trauer der Familie.
Kaum hatte ich das Haus betreten, als sämmtliche Familienmitglicdcr, gleichfalls inTrauer gekleidet, mich zu begrüßen eilten. Es waren außer Miguel, der etwa 25 Jahre ,,
zählen mochte, noch ein junger Mann von 22, ein Mädchen von 18, ein Knabe von15, und ein Töchterchen von 12 Jahren. :
waren Alle Geschwister und Alle voll jugendlicher Kraft und Schönheit. Hier ^Fußtritt,- in feiner vollen Reinheit den edlen und schönen Typus des Baskenstammcs, die swähnen, r. den sanften und gedankenvollen Blick, die offene Stirn, die ovale Gcsichtsformes scheint, Zurücktretender unterer Hälfte, die Roscnblüthe der Wangen, den hohen stolzenWeise^bezeich'gbdrungene Kraft der Glieder.
daß das Thigenthümlicher Zug der Wehmuth schien alle diese jungen Herzen zu beherrschendie Operativngling, der schon Haupt der Familie war, bis hinab zu dem zwölfjährigen Kinde.
auer, welche sie Alle um ihre Mutter trugen, erklärte mir wohl theilweiseWesen; allein es war ein Etwas dabei, das meine Aufmerksamkeit in hohemich zog, das ich aber nicht zu erklären vermochte. Es war dies ein Schmerzsch oder Ungeduld, aber tief, voll Ergebung, ruhig, aber unendlich, der sichnenen, Bewegungen und Worten des achtzehnjährigen Mädchens offenbarte,gleichsam um durch ihren Namen schon zur Sanftmuth im Leiden, zur Mildegeben zu ermähnen, sich Clementina nannte.
Es konnte kaum Alles, was ich sah, von dem Tode der Mutter herrühren. Es ist.-r, auch das härteste Herz weint um eine Mutter, aber wenn ihr Andenken unaus-jchlich ist, so sind doch die Thränen nicht unversiegbar, welche man um sie vergießt.
Ich weiß nicht, ob ich hierin Andere nach mir beurtheilen darf. Aber ich glaubean Gott und weiß, daß meine Mutter in dem Herrn starb, daß sie nur der Natur einenTribut entrichtete, dessen sich kein Sterblicher entschlagen kann. Darum ist zweierlei für ^
mich gewiß: daß meiner Mutter Blick noch auf mir ruht, und daß ich sie einst wieder-
sehen werde.
Miguel und seine Geschwister lebten ohne allen Zweifel des nämlichen Glaubens....
Nein, nein, ihr Schmerz, und vor Allem jener der armen Clementina, konnte in ^
dem Verlust einer im Herrn entschlafenen Mutter nicht seine einzige Quelle haben. j