Ausgabe 
28 (19.7.1868) 29
 
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Das Dorf, in welchem icy dieses schreibe, zählt dreihundert Bürger; unter denBewohnern sind kaum zwei oder drei Personen und diese bejahrt, ohne Familie undVerwandte, welche von der öffentlichen Mildthätigkeit leben. Dcmungeachtct sehe ichvon Tag zu Tag Bettler aus Castilien , oder aus den Gebirgen von Santandcr undAsturicn von Thüre zu Thüre gehen. Und der Bürgermeister, welcher verpflichtet ist,das Almosenbitten nur den eigentlichen Lrtsarmcn zu gestatten, ist der Erste, welcherdem fremden Bettler einen Platz an seinem Heerde, und ein Stück Brod von seinemTische gewährt. Denn er sagt, mit einer Logik, welche ein edles Herz wenigstens nichtmit Unwillen zurückzuweisen vermag:Wie kann ich den Stab der Gerechtigkeit auf-heben gegen das Haupt des armen Greises, der vor der Thüre meines Hauses meinErbarmen ansteht im Namen Gottes und meiner Ahnen, die vorn Himmel auf michuiederschauen?"

Endlich brach er an, der heißersehnte Festtag des heiligen Antonius, und die Freude,die Unruhe, die Bewegung; das Leben in dem sonst so ruhigen und einsamen Dorfestiegen von Stunde zu Stunde.

Schon mit Tagesanbruch erhob sich von allen Herden in lustigen Ringen der Rauch,welcher das Dörfchen und seine Gemarkung in eine geheimnißvolle kleine Wolke hüllte.

Durch die benachbarten Wälder und Fluren nahcte sich noch eine große AnzahlFremder, und das Tamburin verkündete den Sonnenaufgang vor den Häusern des Bürger-meisters, des Pfarrers und des Majoratshcrrn, während die Kirchcnglockcn fröhlichdazwischen hinein klangen.

Catalina und ihre Kinder waren aufgestanden, bevor noch die Bögcl ihren Morgen-gesang in den Zweigen des Nußbaumwaldcs angestimmt hatten.

Clementina unterstützte ihre Mutter bei den häuslichen Arbeiten, die an einemsolchen Tage außergewöhnlich groß waren.

Sie war jetzt eine Jungfrau von sechszchn Jahren, deren Anmuth und Schönheitdie Freude der Mutter, das Eutzücken der Jünglinge im Dorfe bildete.

Als es zum ersten Male zur Frühmesse läutete, welche ein Geistlicher von Vilbäoheute las, erhöhte Clementina ihre natürlichen Reize durch ihren schönsten Anzug, undbegab sich dann mit der Mutter zur Kirche. Ich glaube, sie nahui die Herzen allerjungen Bursche mit, die unter der Kirchenthürc das dritte und letzte Zeichen erwarteten,um zum Gottesdienst in den Tempel zu treten.

Der junge Mann, den wir Abends zuvor auf seinem Rappen und mit seiner Büchsein's Dorf reiten sahen, stand unter dem Portal.

Sowie er Clementina erblickte, reichte er ihr das Weihwasser. Das Mädchen nahuidie Freundlichkeit an, während die Farbe der Rose ihre braunen Wangen überzog, undihre großen schwarzen Augen im Glanz der Freude blitzten.

Einige Stunden später waren Catalina mit ihren übrigen Kindern, wie die meistenBewohner des Dorfes, im Hauptgottcsdienst, während Clementina das Haus besorgte.

Der junge Mann mit dem Rappen wandelte in der Nähe desgroßen Hauses"auf und ab, bis der Zufall es fügte, daß Clementina auf dem Balcon erschien. Kaumhatte er sie erblickt, als er herbeieilte, sie zu begrüßen.

Hat man Sie ganz allein zu Hause gelassen?

Ja; Mutter und Geschwister sind in der Kirche.

Kommen Sie heute Abend zum Tanz?

Ich weiß nicht, ob es die Mutter erlauben wird.

Es wird mir schmerzlich leid sein, wenn Sie nicht kommen.

' Dank für den freundlichen Wunsch.

Keinen Dank, denn mein Wunsch ist so eigennützig.

Wie so?

Weil ich keine Freude haben werde ohne Sie.