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„— Er stieg aus dem Sarge . ."
„Wie ist er denn eigentlich hineingekommen? - Denn hineingekommen muß erdoch sein, sonst könnte er nicht — ganz richtig! — Das möchte ich doch gerne und ;uallererst wissen; daö muß erst interessant sein!"
„Hab' doch mir Geduld, Andres! Ich bin seit einer Stunde so gespannt darauf,wie Du. Wir werden's schon und noch rechtzeitig erfahren, also merk' auf."
„ — Er stieg —"
Doch die gute, lcscbcdürstigc Alle sollte am heutigen Abend in ihrer Lectüre nichtweiter kommen, und ihr Andres, dem die Erzählung vor dem Schlafengehen doch nichtso recht geheuer sein mochte, glücklich davon befreit werden, denn mitten im Sahe öffnetesich die Thüre, und ein Mann trat ziemlich aufgeregt in die kleine bürgerliche Stube.
'„Da ist der Besuch, unsere Lampe hat richtig prophezeit!" rief Meister Andresund erhob sich, um den späten Gast zu begrüßen. Die Alte klappte mit einem merk-lichen Mißvergnügen das Buch zu und schickte sich ebenfalls zu einem Gruß an, als derAndere sie schon mit einer Fluth von Worten anredete.
„Guten Abend, Gevatter, guten Abend! Das sind Geschichten, schlimmer, als die,welche Ihr da leset! Wer hätte das gedacht, wer geglaubt, daß unsere ruhige friedlie-bende Stadt so etwas erleben würde?! Es ist entsetzlich, die Haut schaudert mir immerfürchterlicher, je länger ich daran denke."
„Was gibt's, Gevatter Hcubach?" rief die Alte, durch diese wirklich vielversprechen-den Worte in etwas mit der unliebsamen Unterbrechung ihres Lcsekränzcheus ausgesöhnt,während Meister Andres murmelte: „Hat mir's doch geahnt, daß heute Abend nochetwas Besonderes passiren würde. Nun komme ich auch noch in die ewige Lampe."
„Hört nur, Leutchen, hört! Es ist die merkwürdigste Geschichte, die sich allhierzugetragen, seit Menschcngcdenkcn — und noch dazu in meiner Straße ist sie Passirt.Und ich bin eine Hauptperson - dabei, das heißt, habe sie an den Tag gebracht —.soweit sie nämlich bis jetzt an den Tag zn bringen gewesen; hab' die Orlspolizci darausaufmerksam gemacht, gleichsam mit der Nase darauf gestoßen. Ja, schaut mich nur großan, so ist es! Ihr lcs't Criminal - Geschichten, und ich erlebe sie, das ist noch vielinteressanter."
„Was ist es denn für eine Geschichte? So erzähle doch Hcubach!" Also unter-brach Meister Andres den Redestrom des Gevatters, dabei seine Alte ein wenig zweifelndanblickend.
„Will sie Euch erzählen — so viel ich nämlich davon weiß. Das ist freilich nichtallzuviel, aber doch schon mehr als genug für einen ehrlichen Menschen. Der furchtbareFäll ist noch in ein, wie man zu sagen pflegt, gcheimnißvolles Dunkel gehüllt, welchesdas Criminalgericht und gewiß schon morgen am Tage aufklären wird."
„Aber so schieß' doch los!" rief Meister Andres, und nunmehr schon mit sichtlicherUngeduld und Spannung.
„Das klingt ja ganz merkwürdig interessant," konnte die Alte, deren Aeuglcin förm-lich leuchteten, sich nicht enthalten zu rufen. „Aber so setzt Euch doch, Heubach , trinkteinen Schluck und erzählt!"
Und Gevatter Hcubach setzte sich, trank aber keinen Schluck, weil das Bier ihm nurim WirthShause schmecke, wie er bemerkte, dafür aber erzählte er das Folgende und genauin der Manier, kurz und bündig, ohne Umschweife, wie es die nach spannenden, gcheim-nißvollcn und schauerlichen Geschichten so lüsterne Frau des ehrsamen TischlermeistersAndres liebte.
„Der Laibel ist mit seiner ganzen Familie spurlos verschwunden! —"
»Ach» — was Ihr sagt?!" machten die beiden Zuhörer mit wcitgeöffneten Sch-und Sprachwerkzengen.
„Am vergangenen Samstag hat man ihn noch und zum letzten Mal gesehen,