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leise vor sich hin. Doch endlich schien er den letzten Rest von Energie, der ihm geblie-ben, zusammenzuraffen, und den Kopf hebend, sprach er mit ziemlich fester Stimme:
„Komm, Andres, bring mich zu dem Untersuchungs-Richter; ich muß ihn sprechen,auf der Stelle!"
Einige Augenblicke später schritten die beiden Männer durch die stillen Gaffen derStadt, dem „grünen Baum" zu, Meister Andres gewiß auf's Tiefste ergriffen, dochauch wieder in etwas gehoben durch den Gedanken an die Wichtigkeit, die seine Personin dieser traurigen, doch so merkwürdigen Angelegenheit erlangt — und jetzt erst rechterlangt, der alte Herr aber, der so froh und glücklich in T . . . eingefahren, mit schwan-kendem Gange, wie gebrochen an Körper und Geist.
Unangerührt war die Suppe auf dem Tische stehen geblieben — wie hätte MeisterAndres auch in solchem Augenblick noch an Essen und Trinken denken können?! Auchseine Alte verspürte keinen Appetit mehr. Allein blieb sie in der Stube und in erreg-tester Stimmung zurück. Diesmal aber griff sie nicht nach ihren Büchern. Es warnicht nothwendig, denn was sie jetzt erlebt hatte, war noch weit schrecklicher, ergreifenderals Alles, was sie bisher gelesen.
Stille saß die gute Alte da und weinte bittere Thränen über das traurige Schicksaldes armen Kindes und der Enkel des guten Herrn von Freikamp, des alten Freundesihres Mannes und Hauses.
(Fortsetzung folgt.)
Pastor Knak und Domherr Copernikus.
Kürzlich war unter den Protestanten, hauptsächlich Preußens, ein großer Lärm,weil Pastor Knak einem andern Pastor, Namens Lisko, gegenüber behauptet hatte,die Erde stehe still und die Sonne bewege sich um dieselbe, also das kopcrnikanischeSystem und zwar auf Grund der heiligen Schrift verwarf. Sofort traten Knokianerund Liskojaner auf, und als Dritter mischte sich der politische Fortschritt ein. DieBreslauer Hausblättcr schreiben über diesen Streit:
Der Pastor Knak hat durch seine Behauptung der Unbeweglichkeit unserer Erde dieprotestantische Welt in eine Art Exaltation gesetzt. Unseren Lesern theilen wir zurOrientirung in dem Streit mit, daß im Alterthum und namentlich seit Aristoteles , demberühmten Philosophen, die Meinung ziemlich allgemein war: die Erde befinde sich inder Mitte des Weltalls in Unbeweglichkeit. Claudius aus Ptolemais (161 n. Chr. Geb.in Alexandrien gestorben) suchte von diesem Standpunkt aus die planctarischen Bewegungenzu erklären. Diese Ansicht blieb auch in der christlichen Zeit die herrschende, zumal manfür sie einen Anhalt im alten Testament zu finden glaubte. Es war der katholischeDomherr in Fraucnburg (Ostpreußen, Nikolaus Copernikus, geboren in Thorn 1473,der sich früher schon in Rom als Lehrer der Mathematik hervorgethan, welcher die Be-wegung der Erde um die Sonne wissenschaftlich dadurch zu erweisen suchte, daß er zeigte,wie bei dieser Annahme die früher unlösbaren Probleme sich lösen ließen. Er ließ seindem Papst Paul IV. gewidmetes Werk zu Nürnberg 1543 drucken, starb jedoch vorBeendigung des Druckes im Mai desselben Jahres.
Nach ihm steht die Sonne im Centrum des Weltalls. Um sie bewegen sich inKreisbahnen Merkur, Erde, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Die Erde bewegt sieb ineinem Tage um ihre Axe, in einem Jahre um die Sonne. Der Mond bewegt sich umdie Erde und mit ihr um die Sonne.
Mit Hilfe des Fernrohrs machte Galileo Galilei astronomische Entdeckungen, welcheihn ebenfalls zum Anhänger des kopcrnikanischcn Systems machten. Da er mit wenigerBehutsamkeit als Copernikus verfuhr und mit der Schrift im Widerspruch zu lehrenschien, wurde er von der Congregation des Index verurtheilt. Daß er bei dem Wider-