Ausgabe 
28 (23.8.1868) 34
 
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dieser Zeit, große Sehnsucht nach meiner Dore und dem Kindchen gehabt, und dasdauert nun schon über sechs Jahre!"

Weiß es, Herr Baron, habt es mir das letzte Mal gesagt und geklagt, als Ihrhier wäret. Euer Herr Schwiegersohn muß ein böser, harter Mann sein."

Es scheint so. Andres, doch im Grunde ist er so schlimm nicht. Bin auch hartgewesen, und das war ein Fehler, ohne ihn wäre mir Vieles erspart geblieben." Alsosprach er stiller vor sich hin, doch gleich wieder mit früherer Heiterkeit:Aber jetzt ist'svorbei, Alles ist überstanden. Heute werde ich sie wiedersehen, mich mit dem Wallbornaussöhnen, und nie werden wir mehr voneinander gehen."

Er kommt also hiehcr, der Herr von Wallborn?"

Er ist hier, er wohnt ja in T . . ."

Nicht möglich! Ich kenne doch alle Leute, die in unserer Stadt wohnen und habebis jetzt nichts von einem Herrn von Wallborn gehört."

Und dennoch wohnt er hier, seit etwa einem halben Jahre, mit seiner Frau undseinen beiden Kindern, denn zu dem kleinen Buben, den ich so oft auf meinen Knieengeschaukelt und der jetzt neun Jahre alt sein muß, ist noch ein Mädchen gekommen, dasder Jahre fünf zählen soll. O, ich weiß Alles, wenn ich sie auch in Ewigkeit nichtgesehen habe! Doch jetzt muß ich eine Frage an Dich richten, Andres."

Dabei schaute der alte Herr auf und hielt erschrocken inne in seinem frohen Plau-dern, denn vor ihm saß Meister Andres bleich wie eine Leiche und starrte ihn mit ent-setztem Ausdruck seiner Angen an, und die Alte schien nicht minder erschrocken und erregt.

Was habt Ihr Beide?" konnte Herr von Freikamst sich nicht enthalten zu fragen.

Das ist ja gerade wie bei dem Laibcl," stotterte Andres endlich hervor.

Ganz recht," cntgcgnete der alte Herr unbefangen.Unter dem Namen Laibellebt ja mein Schwiegersohn hier in T. . ."

Andres stieß einen Schrei aus, der wahrhaft schreckcrregend klang, zugleich beganner derart am ganzen Körper zu zittern, daß er nur einige unartikulirte Laute hervor-bringen konnte als Antwort auf die erschrockenen, fragenden Blicke des Herrn vonFreikamp.

Er wollte, konnte das letzte entscheidende Wort vielleicht auch nicht aussprcchcn, hattekeine Kraft, keinen Muth dazu. Seine Alte aber, obgleich nicht minder entsetzt, mußtereden; sie konnte es nicht länger mehr zurückhalten, und mit wahrer Verzweiflung riefsie aus:

Der ist's ja, Herr Baron, der seine Frau und seine Kinder umgebracht hat!"

Die ganze Gestalt des alten Herrn zuckte zusammen, um im nächsten Augenblick ineine Regungslosigkeit zu verfallen. Auch sein Gesicht war marmorbleich geworden, undfragend starrte er die beiden ihm gegenübersitzenden alten Leute an.

Der Laibel hätte ?" so hauchte er endlich und fast tonlos.

Ja, er hat's gethan!" sagte nun Andres, der seinerseits auch zu Wort kommenwollte.Er hat es leider gethan; es ist nicht mehr daran zu zweifeln."

Und nun erzählte er, nach und nach all' seine Geisteskräfte, seine Sprachgeläufigkeitwiederfindend, seinem Freunde, dem Herrn Baron , was sich Schreckliches begeben, undwie weit solches durch die bereits vernommenen Zeugen festgestellt worden war.

Je lebhafter Meister Andres wurde, je stiller, hinfälliger wurde der alte Herr, undendlich saß er da, geknickt, ein wahres Bild des Jammers. Seine Augen waren naß,schwere Schweißtropfen perlten auf seiner hohen kahlen Stirne und rieselten endlich lang-sam und im Verein mit seinen Thränen über die bleichen, vor wenigen Augenblicken nochso strahlenden Züge.

Es ist nicht möglich nicht glaublich! Der Wallborn hätte das gethan! ?Meine arme Dore die armen, armen Kleinen!" so murmelte er mit zitternden Lippeir