Nr. Iä.
30. August 1868.
Mrgsburger
Steile Höhen besucht die ernste forschende Weisheit,
Sanft gebahnteren Weg wandelt die Liebe im Thal.
Göthc.
Auch eine Criminal-Geschichte.
«Fortsetzung.)
IV.
AuS dem Leben des Verbrechers.
Der Herr Untersuchungs - Richter, sowie die übrigen Herren der Polizei, des Orts-gerichts und des Gemcinderaths, die ihm gefolgt, saßen an der Vobis ck'kütes desgrünen BaumS, soweit vergnügt und zufrieden, und waren just bei Salat und Braten,aus ein paar Pracht - Welschen bestehend, angelangt, als plötzlich und recht geräuschvollMeister Andres in den Saal trat und einige Worte sprach, welche eine wahre zauberhafteWirkung hervorbrachten.
„Ich habe dem Herrn Richter anzuzeigen," so sprach er in erregter Hast, „daß soeben der Herr Baron von Freikamst angekommen ist und den Herrn Richter auf derStelle zu sprechen verlangt. Der Herr Baron kennt den — Laibel leider nur zu gut.Und der Laibel heißt gar nicht Laibel, sondern von Wallborn, und ist der Schwieger-sohn des Herrn Barons!"
Wie sielen die schon erhobenen Gabeln auf die Teller nieder — just wie der Löffeldes Meisters Andres kurze Zeit vorher! Wie blieben die Eßwerkzcugc — bereit, umden kostbaren Welsch des grünen Baums zu genießen, vor Staunen und Schreck immer-fort und weit geöffnet, denn was man da gehört, war zu überraschend, zu seltsam undentsetzlich gewesen.
Herr von Freikamp war eine bekannte Persönlichkeit; knüpfte sich doch an seinenNamen die goldene Zeit von L...! Zweimal mußte daher Meister Andres seine Mit-theilung wiederholen, ehe die Anwesenden sich und das Gehörte zu fassen, Mund undAugen wieder in etwas zu bewegen und zu schließen vermochten.
Dem Herrn Uutersuchungs-Richtcr war die Unterbrechung von wegen des einladendenWelsches, nicht allzu angenehm gewesen, doch mußte er der Aufforderung folgen undden kostbaren Braten mitsammt dem Salat im Stiche lasten, was er denn auch nachkurzem, doch gewiß schwerem Kampfe that.
Er erhob sich, und die übrigen Herren auffordernd, sich in ihrem Mittagessen nichtstören zu lassen, hoffend, bald wieder bei ihnen zu sein und den Kaffee in ihrer Gesell-schaft genießen zu können, empfahl er sich und schritt hinter Andres drein, der ihn aufein Zimmer des ersten Stockwerks führte, allwo der Wirth den alten wohlbekannten undso angegriffen ausschauenden Herrn von Freikamst einlogirt.
Die Zurückgebliebenen hätten gerne Welsch und Salat, Dessert und Kaffee im Stichegelassen, um die gewiß höchst interessanten Mittheilungen des Herrn Barons mitanzu-hören, doch mußten sie sich gedulden, und das Beste wäre gewesen, nach Wunsch desHerrn Untersuchungs-Richters der Vsbls ci'IMes des grünen Baumes die ihr gebührendeEhre anzuthun. Doch sonderbar! Der Welsch schien keine Anziehungskraft mehr für siezu haben. Einer nach dem Andern erhob sich; irgend ein Geschäft, einen nothwendigenGang vorschützend, verließen sie den Gasthof — natürlich nur aus Mitgefühl für die