Schwiegersohn. Seine Eltern waren schon todt, und mit seiner Frau zog er anfänglichin das elterliche Haus nach F. Das that mir in der Seele weh, denn Dore — diearme Dore! — war mein herzliebes Kind, mein Alles auf dieser Erde! Ich vermißtesie sehr und schwer in meinem Hause, in meiner Nähe. Der Zufall kam mir zu Hilfe.
„Mein Schwiegersohn hatte durch seinen leichtsinnigen Schwager manche Unannehm-lichkeiten in F., wodurch ihm der Aufenthalt daselbst recht verbittert wurde. Er hatteferner sein Geld in Papieren angelegt, ohne dabei an Geschäfte und Speculationen zudenken, wie solche sein seliger Vater, der Banquier, betrieben und gewagt. Er brauchtees nicht, sein Vermögen war bedeutend genug, um von den Zinsen desselben recht an-ständig leben zu können. Da traf ihn ein schwerer Verlust. Eine unheilvolle Handels-krisis drückte den Cours der Papiere, die er besaß, in schrcckcnerregendcr Weise, und inwenigen Stunden hatte Wallborn mehr denn sein halbes Vermögen verloren.
„Das war ein harter Schlag für meinen Schwiegersohn. Von Natur aus miß-trauisch, ängstlich und zu stillem Brüten geneigt, fühlte er sich unglücklich und sah dieZukunft in schwärzesten Farben, fürchtete für sich und seine Familie, die damals nur ausseinem Weibe und einem Knaben bestand. Doch was für ihn ein Unglück war, wurdemir ein Glück. Wallborn verkaufte sein elterliches Haus, raffte alles zusammen, was erhatte, und kam zu mir. Nun lebten wir wieder froh und zufrieden beieinander; ichhatte mein liebes Kiud wieder um mich, und dazu einen prächtigen Enkel. — Oft undlange überlegten wir, wo und wie wir das baare Geld meines Schwiegersohnes anlegensollten. In meiner Gegend fing man damals an, den Bergbau stärker zu betreiben.Ein solches Unternehmen schien gewinnbringend zu werden, und ich beredete meinenSchwiegersohn, einen großen Theil seines Vermögens dabei anzulegen. Ich dachte alsaden Wallborn und die Seinen für immer an mein Haus zu fesseln. Ich selbst bethei-ligte mich an dem Geschäft mit einer nicht unbedeutenden Summe. Doch das Unglückverfolgte uns. Das Unternehmen gerieth in's Stocken; die Actionäre wurden ängstlich,wollten keine weitern Zuschüsse mehr machen, und in kurzer Zeit war Alles verloren.
„Nun ging mein Leid an. Die bittersten Vorwürfe mußte ich vsn meinem Schwie-gersöhne hören und das so oft und in einer Weise, daß ich endlich auch die Geduld
verlor. Mit harten Worten verlangte er Ersatz von mir für den gehabten Verlust, den
ich verschuldet, wie er mir vorwarf. Ich weigerte mich; hatte ich doch noch ein Kind,meinen Sohn Karl, der noch nicht sclbstständig war, und dem ich ein hinlängliches Ver-mögen, um leben zu können, hinterlassen mußte. Die Stimmung meines Schwieger-
sohnes wurde immer gereizter, unerträglicher, und so wurde denn endlich der Bruch voll-ständig. Er verließ mich, finster, trotzig, ohne Abschied, ohne mir zu sagen, wohin ermit den Seinen ging, wo er sich niederlassen wollte, und ich — ich ließ ihn in meinemUnmuth ziehen. Bald darauf aber hätte ich mit Freuden all' mein Hab und Gut hin-gegeben, wenn ich dadurch ihn und mein Kind wieder hätte zurückrufen können. Es waraber nicht mehr möglich! Ich wußte nicht, wohin er sich gewandt, nicht, was aus ihmgeworden und alle Mühe, die ich mir gab es zu erfahren, war vergebens. Sie waren«ben verschollen und blieben es auch für mich.
„Ich fühlte mich tief unglücklich, und, was das Schlimmste war, mußte mir sagen,daß ich mein Unglück mit verschuldet. Da traf mich ein zweiter harter Schlag. Meinhochbegabter Sohn Karl starb fern von mir, und nun stand ich ganz allein in der Welt,gebeugt von Kummer und dem mit Macht herangenahten Alter — unglücklich, einsamund mit einer unendlichen, fast nicht mehr zu bezwingenden Sehnsucht nach meinem Kinde— meiner armen — armen Dore!" —
Der alte Herr mußte abbrechen, denn seine Thränen erstickten schier seine Stimme,und auch seine Zuhörer waren tief ergriffen, besonders Meister Andres, der mit seinemJugendfreunde gleichsam um die Wette weinte.
Endlich, nachdem Herr von Freikamst sich in etwas gefaßt, fuhr er fort: