276
„So vergingen sechs lange Jahre, da erhielt ich vor ungefähr vierzehn Tagen einenBrief von meiner Schwester, die da unten auf dem Nußdorfcr Gute wohnt, nicht weitvon V . . ., der mich fast überglücklich machte. Wallborn hatte den Bitten seiner Fraunachgegeben, und war wieder in meine Nähe gezogen, doch hatte er seit der Zeit, da ervon mir gegangen, seinen Namen abgelegt und einen andern, bürgerlichen angenommen.Wie er nun heiße, wo er eigentlich sich aufhalte, sagte mir die Schwester nicht, wohlaber, daß ich in wenigen Tagen nicht allein Alles erfahren, sondern auch mein Kind,meine Lieben wiedersehen sollte. Das war Balsam für mein altes, krankes Herz, undneu lebte ich wieder auf, wurde wieder der frühere lebensfrohe, zufriedene Mensch. MitSchmerzen sah ich weiteren Nachrichten entgegen, die denn auch am vergangenen Freitag,just heute vor acht Tagen, eintrafen.
„Nun schrieb mir meine Schwester ausführlicher: Wallborn hatte seit Jahren denNamen Laibel angenommen und wohnte in meiner Nähe, in T. . ., und das schon seitmehreren Monaten. — Und ich hatte nichts davon gewußt, es nicht einmal geahnt! —Er lebe still für sich, und mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, wodurch er sein Ver-mögen, das gerade noch hinreiche zu einem bescheidenen Unterhalt seiner Familie, zu ver-größern trachte. Den Bitten seiner Frau hatte er endlich, doch nach langem Widerstreben,
nachgegeben und war wiederum in unser Land gezogen, doch hatte das arme Weib ihm
fest geloben müssen, weder mir — dem Vater! ihren jetzigen Aufenthalt mitzutheilen,noch etwa Schritte zu thun, mich wiederzusehen, widrigenfalls er für nichts stehe. Einesolche Drohung habe er mehr denn einmal ausgestoßen, so theilte mir meine Schwestermit. Doch schrieb sie mir auch, daß sie mit Dore correspondire und diese, sowie auch Wall-born zu sehen, und in der ersten Unterredung Alles wieder in's rechte Geleise zu bringenhoffe. Das Nöthige dazu sei bereits zwischen ihr und meinem Kinde verabredet; ich sollemich nur noch kurze Zeit gedulden und in acht Tagen — also heute — nach L. . .fahren und direct zu Laibel in's Hans gehen. Ich würde sie — meine Schwester —
dort finden und ganz gewiß mit offenen Armen empfangen werden.
„Das schrieb mir die gute, treue Seele, und nun, da ich am bestimmten Tagekomme — um mein Kind — mein einziges, armes Kind — an's Herz zu drücken —empfängt mich eine solche entsetzliche Nachricht — die ich kaum fasten — kaum glaubenkann — die, wenn wahr — mich alten Mann auch tödten — unter die Erde bringenwird! —"
Auf's Neue brach Herr von Freikamp in Thränen aus, und der alte treue Andreseilte auf ihn zu, ergriff seine Hände, wollte versuchen ihn zu trösten, obgleich er selbstdes Trostes zu bedürfen schien und in seiner furchtbaren Aufregung kein Wörtchen her-vorzubringen vermochte.
Stille und in sich gekehrt, saß der Richter da. Was er vernommen, konnte nurden Verdacht, daß ein furchtbares Verbrechen begangen worden war, bestätigen. DerMann, von Hause aus ein Hypochonder, war durch die vielen Verluste nur finsterer,menschenscheuer geworden. Die hinter seinem Rücken und gegen seinen bestimmten Willenangezettelten Intriguen zwischen seiner Frau und der Schwester des Herrn von Freikamp,um den Vater zu sehen, eine Versöhnung, die der menschenfeindliche, verbissene Mannnicht wollte, herbeizuführen, mußte er entdeckt und, so unschuldig und verzeihlich sie auchwaren, als verbrecherisch betrachtet haben. Diese, wie vielleicht auch Nahrungssorgcn,die sich wohl immer stärker fühlbar machten, hatten den Mann in eine Stimmung ver-setzt, die den Gedanken an ein Verbrechen, um sich aus all' diesen vermeintlichen Sorgen,Lasten und Aergernissen zn befreien, wohl aufkommen lasten konnte. Die That wardann, etwa in einem Augenblicke, wo solches Denken die Aufregung bis zum Wahnsinngesteigert oder wohl auch im Jähzorn, durch Widerspruch der Frau hervorgerufen undgenährt, vollbracht worden, worauf dann die hastige Flucht erfolgt war.